23.03.2016   von rowohlt

«Und dann kam das Wasser …»

«700 fulminante Seiten» (ZEIT Literatur) – das Romandebüt des Dramatikers Nis-Momme Stockmann

© iStockphoto.com
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Eine gewaltige Flut begräbt die norddeutsche Kleinstadt Thule unter sich. Finn Schliemann rettet sich mit einigen Freunden auf ein Hausdach. Über den Trümmern seiner Heimat, unter einer gnadenlos brennenden Sonne beschwört er die verdrängten Bilder seiner Kindheit herauf … Ein atemberaubender Roman voll unerhörter Ideen. Eine Geschichte voller Haupt- und Nebenströme, mit Türen, die Falltüren sind – geschrieben in einer bildmächtigen, lyrisch funkelnden Prosasprache. «Man ringt mit diesem Buch, zweifelt, versucht die Gegenwehr und muss sich am Ende doch seiner fundamentalen Erzählkraft, seinem unerschöpflichen Assoziationsreservoir ergeben. Das ist ein echter Wurf. Ein Schleuderwurf.» (F.A.S.)


NZZ: «Es ist beeindruckend, wie beklemmend Stockmann jugendliche Zerrissenheit zu schildern versteht, wie er Irrationales und Abweichendes als selbstverständlichen Teil der Wirklichkeit darstellt … ambitioniert, kompositorisch und stilistisch kühn.» 
Die Welt: «Das ist das größte Geheimnis dieses geheimnisvollen Buches: sein brillanter Minimalismus.»  
die tageszeitung: «‹Der Fuchs› ist ein Monster … Hier geht einer literarisch eben wirklich aufs Ganze. Stößt einen ab, reißt einen mit und zeigt einer Literatur, die die Wirklichkeit mimikryhaft sortiert und etikettiert, ihre Grenzen, indem er sie übersteigt.»  
F.A.Z.: «Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann zieht in seinem Katastrophenroman ‹Der Fuchs› alle poetologischen Register.» 
Deutschlandradio Kultur: «Stockmanns suggestive, bildkräftige und detailstarke Prosa schafft ein Angstszenario, das es mit Lynch oder Lovecraft aufnehmen kann.»


Föhr, Hamburg, Odense, Berlin

«Stockmann heißt der Mann, Vorname: Nis-Momme, Jahrgang 1981, geboren in Wyk auf Föhr, gelernter Koch, studierter Tibetkundler und Medienwissenschaftler, Filmbastler und Installationsaussteller, Teilnehmer des Studiengangs Szenisches Schreiben in Berlin. Erstmals aufgefallen bei den ‹Stückemärkten› in Heidelberg und Berlin …»: So hat ihn vor ein paar Jahren die F.A.Z. vorgestellt. Als Theaterautor sorgt Stockmann seit 2009 für Furore. Mit Stücken wie «Der Mann der die Welt aß», «Der blaue blaue Himmel» (Frankfurter Rundschau: «ein knallharter und seelenweicher Text über Armut in Deutschland») und «Kein Schiff wird kommen» zählt er zu den meistgespielten jüngeren Dramatikern des Landes.


Seither ist im Leben von Nis-Momme Stockmann einiges passiert. Preise, Stipendien, Kinder – und ein Roman, ein Monster von einem Debütroman, der umgehend für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016 nominiert wurde. Aber was heißt bei einem wie Stockmann schon «Debüt», bemerkt Judith von Sternburg in ihrer FR-Rezension: «Ein bild-, szenen- und texterfahrener Autor legt hier ein aller Bühnenzwänge enthobenes Stück Breitwandliteratur vor.» 


Der Fuchs, das Wappentier der Wanderer, ist in Stuckmanns Werk ein emblematisches Motiv. 2012 gestaltete er mit dem Musikerduo Les Trucs einen Abend unter dem Titel «Fuchs frisst Weltraum», eine gesungene Geschichte vom Ende der Welt. Vier Jahre später taucht das Tier wieder auf in seinem bildmächtigen 715-Seiten-Epos. Die letzten Tage der Menschheit, und der Fuchs ist mittendrin.


Wanderer, kommst du nach Thule …

Finn Schliemann, was für ein Name! Darin klingt so manches an: Huckleberry Finn, der mit seinem Freund Tom Sawyer am Mississippi ein abenteuerliches Leben führt. Heinrich Schliemann, der Archäologe, dem die Ausgrabungen in Troja und Mykene Weltruhm bescherten. Und irgendwie auch jener Finn aus James Joyce' letztem Werk «Finnegan's Wake». Überhaupt lässt «Der Fuchs» Motive und Stimmungen aus vielen Werken der Literatur und des Films aufscheinen, von Michail Bulgakows «Meister und Margarita» über Georg Kleins «Roman einer Kindheit» bis zu Antonionis «Blow up» und Quentin Tarantinos Schauergrotesken.


Im Wesentlichen sind es zwei Zeitebenen, auf denen man sich als Leser*in bewegt. An einem Julitag 2012 wird Thule von einer Springflut weggerissen. Die Deiche bersten, das wilde Meer geht über alles von Menschen Geschaffene mit roher Gewalt hinweg. Finn Schliemann, in jenem Juli dreißig Jahre alt, hat sich mit seinen Freunden Dogge und Jütte auf ein Hausdach gerettet. Von dort oben blicken sie auf ein furchterregendes apokalyptisches Tableau. Trümmer schwimmen in den reißenden Fluten vorbei, tote Tiere und Menschen hängen in Baumkronen. Aber die Flut vernichtet noch mehr – sie zerreißt die Zeit, trennt alles in ein Davor und ein Danach. Finns Gedanken wandern immer wieder in seine Kindheit zurück …


Zurück zu einem anderen Julitag, zwanzig Jahre zuvor. Als er sich als Zehnjähriger mit seinen Freunden Diego, Tille und Dogge am Schöpfwerk langweilt, das unablässig Wasser aus dem Boden pumpt. An diesem Tag begegnet ihm ein fremdes Mädchen, Katja. Sie ist cool, rätselhaft, unberechenbar. Als Finn und seine Kumpel am selben Tag einen abgetrennten Arm finden, ist auch sie dabei. Für schräge Typen wie den Stranderemiten Pedro und Außenseiter hat das fremde Mädchen ein Faible: Mit einem einzigen elektrisierenden Kuss erweckt sie Finn aus seinem Thule-Dornröschenschlaf.


In den Fluten der Erinnerung

Für Finn ist das charismatische Mädchen die Botin einer anderen Welt. Katja trägt einen kompletten Satz wilder Verschwörungstheorien im Kopf. Für sie ist Thule der Ort, an dem sich der ewig schwelende Kampf zwischen Gut und Böse entscheidet. Der Ort, durch den eine von Agenten des «Büros» überwachte Achse im Raum-Zeit-Gefüge läuft. Der abgetrennte Arm, der gefunden wurde,  steht für das Unbekannte, das drohende Unheil. Finns Vater ist gestorben, nachdem er sich die Hand abgesägt hat – und, noch ein anderer abgerissener Arm vagabundiert durch den Roman. Seine Spur führt uns tief hinein in die babylonische Schöpfungsmythologie, in die Welt von Urmutter Tiamat, Abzu und Marduk, die Inkarnation des Bösen.


«Du musst immer so leben, dass du im Falle einer Apokalypse gut dastehst», rät Katja Finn. Sie ist es, die ihm den Decknamen «Fuchs» gegeben hat. Schließlich geht es ziemlich rau zu in dem friesischen Küstenkaff, da braucht es Cleverness, Mut, Überlebenswillen. Die Baschi-Brüder sind der Schrecken der Kinder: asoziale Schläger, sadistische Tierquäler. Eine gespenstische Mordserie beunruhigt die Menschen, rätselhafte Zeichen tauchen auf, ein Doppelkreis mit einem aus der Mitte nach unten führenden Strich. Eine obskure Spielerei oder doch eine Warnung vor dem drohenden Weltuntergang, den Katja prophezeit?  


Stockmann brennt im «Fuchs» ein literarisches Feuerwerk ab. Drastische Splatter-Szenen, barocke Phantasmagorien, poetische Miniaturen, Traumsequenzen. Ein experimenteller, Roman in Haupt- und Nebenströmen, mit Vor-, Rück- und Anderswohinblenden. Und das Ende? «Irgendwie muss doch das stattfinden, was die Menschen ‹Geschichte› nennen, was das heißen kann: Am Leben sein.»  


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