26.08.2018   von rowohlt

Bienenarbeit, Bienenglück

«Von Bienen und Menschen» – vierzehn beeindruckende Porträts von Imkern, ein faszinierendes Kapitel europäischer Geschichte

© Eva Häberle
© Eva Häberle

Bienen sind sehr besondere Wesen. Wie es diesen kleinen, fleißigen Wesen ergeht, wie wir Menschen mit ihnen umgehen – das ist ein Seismograph für den Zustand unserer Welt. Das Thema Bienen ist heute in aller Munde. Wer aber sind die Imker? Ulla Lachauer, für ihre Reportagen vor allem über Osteuropa vielgerühmt und preisgekrönt, hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Regionen Europas bereist und – zwischen Gotland, Slowenien, dem Schwarzwald und den Pyrenäen – mit passionierten Imkern gesprochen. Welche Rolle hat das Imkern für das Leben und Überleben gespielt? Wie gehen die «Bienenmenschen» mit den Herausforderungen der Globalisierung um, mit dem wachsenden touristischen Interesse an Bienen, aber auch mit Bedrohungen wie der gefürchteten Varroamilbe? Wie greifen Politik und Krieg in den Mikrokosmos Bienenhaltung ein? Und was kann uns ein Imker aus seiner besonderen Erfahrung heraus über Natur und Gesellschaft mitteilen?

DAS INTERVIEW


«Von Bienen und Menschen», das sind 14 Porträts von Imkern und Imkerinnen zwischen Ljubljana und Gotland, Wesermarsch und Schwarzwald. An einer Typologie des Imkers würde man sich vermutlich die Zähne ausbeißen, zu unterschiedlich sind die Lebensbedingungen und Lebensentwürfe der von dir Porträtierten. Galina, die «schöne Imkerin» von Jasnaja Poljana; der Stuttgarter Stadtimker Tobias Miltenberger; der slowenische «Bienenkönig» Franc Šivic; Simon Höjeberg auf Gotland; der «Bienenpapst» Karl Pfefferle. Oder Asaad Alabed, den es mit seiner Familie auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg aus dem Dörfchen AIDar Alkabera nahe Homs bis nach Lüneburg verschlagen hat. Aber irgendetwas Besonderes scheinen alle diese Menschen an sich und in sich zu tragen, die ein großes Stück ihres Lebens den Bienen widmen. Ist es vielleicht diese beglückende Zufriedenheit, dieses In-eins-Sein mit dem, was sie tun?
Es ist wohl genau das. Das Wesentliche an der Arbeit mit Bienen ist Ruhe und Konzentration. Man muss gut fokussiert sein, ganz gegenwärtig. So ein Bienenvolk nimmt Unachtsamkeit ziemlich übel. Wenn ich dabei zusehe, wie Imker am offenen Bienenkasten hantieren, denke ich manchmal: Ein erfahrener Bienenhalter ist eine Art Zen-Meister. Aber das ist eine Idealisierung, Imkerei hat viele Facetten, auch sehr brutale. Künstliche Befruchtung von Bienenköniginnen zum Beispiel, Hochleistungszucht, all das, was bei Kühen und Schweinen praktiziert wird.

Du beschreibst am Beispiel von Galina, die du nach einem Vierteljahrhundert noch einmal im ehemaligen Trakehnen besucht hast, das leicht unwirkliche Ritual, wie sich ein Mensch in einen Imker verwandelt. Wieso ist dir gerade das so in Erinnerung geblieben?
An diesen magischen Moment im Mai 1991 werde ich mich immer erinnern. Damals war ich als Journalistin im Kaliningrader Gebiet unterwegs – verwilderte Kulturlandschaft, armselige Dörfer, wochenlang nichts als Tristesse. Der Zusammenbruch der UdSSR stand kurz bevor. Verzweiflung, Lethargie überall. Mir war elend von all den Geschichten, und ausgerechnet in dem allertraurigsten Ort, in Jasnaja Poljana, dem ehemaligen Trakehnen, traf ich Galina. Sie war die Imkerin der Kollektivwirtschaft und nahm mich mit zu ihren hundertfünfzig Bienenvölkern. Zum ersten Mal sah ich dieses Ritual: Händewaschen, Arbeitsanzug überstreifen, Smoker anheizen, zuletzt der Schleierhut. Während sie ihre Bienen versorgte, schien die Welt jenseits der Wiese vergessen. Auch ich vergaß sie. Nach Wochen äußerster Anspannung lauschte ich dem Summen der Bienen, sog die Düfte von Honig, Wachs, Rauch, Holunderblüten in mich ein. Imker sind besondere Leute, dachte ich am Ende des Tages. Seitdem habe ich sie im Blick gehabt, wohin ich auch reiste in Europa, habe ich ihre Nähe gesucht.

Wer «Von Bienen und Menschen» liest, kann seinen Wortschatz um ein paar tolle Brocken Bienisch erweitern. Die Drohne kennt man, jetzt aber auch den Drohn. Und den Bien. Das Sterzeln, die Duftschneise etc. Zwischen den Zeilen der Imkerporträts steckt ungeheuer viel Bienen- und Honig-Wissen. Wo hast du das alles her, außer aus den Büchern und Zeitschriften, die du, pardon: bienenfleißig in den letzten Jahren gelesen hast?
«Bienisch», ja. Du hast eine schöne Bezeichnung gefunden für das Fachwissen, das ich mir aneignen musste. Es gibt eine tolle Imkerzeitschrift «Bienen & Natur», die habe ich abonniert. Und ich hatte das Glück, einen vielseitig interessierten Imker zu finden, dem ich Fragen stellen durfte, auch die allerdümmsten. Wenn man wie ich im Biologieunterricht meist geträumt und das Kapitel «Paarungsbiologie der Biene» verpasst hat, erst mal eine ziemliche Herausforderung. Doch daraus wurde bald ein Vergnügen, denn diese geheimnisvollen Vorgänge sind hochinteressant, haben Poesie. Entdeckerfreude gehört ganz wesentlich zum Imkersein, lernte ich. Seit Hunderten von Jahren versuchen sie, durch geduldige Beobachtung und Experimente zu verstehen, wie «der Bien», also der Gesamtorganismus des Volkes, funktioniert. Der Hochzeitsflug der Bienenkönigin etwa war lange ein großes Rätsel. Sie verließ den Kasten, entschwand den Blicken des Imkers, paarte sich irgendwo hoch in der Luft mit männlichen Drohnen unbekannter Herkunft … Diese Unkontrollierbarkeit der Paarung hat manchen Bienenzüchter in den Wahnsinn getrieben.

Wenn du auf die Begegnungen mit «deinen» Imkern zurückblickst – was war der schönste, der beglückendste Moment? Und welcher der traurigste?
Beglückend war die Begegnung mit dem slowenischen Imker Franc Šivic, der hoch über der Adriaküste für seine Bienen einen Garten Eden geschaffen hat. Beglückt hat mich das Wiedersehen mit Galina in Jasnaja Poljana. Wie sie es geschafft hat, ihre Imkerei in die postsowjetische Zeit zu retten und bis heute mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, ist einfach unglaublich. Traurig waren die Geschichten vom Bienensterben. Zum Beispiel im französischen Pyrenäenvorland, wo ich den jungen Imker David traf, dessen Bienen an Pestiziden zugrunde gegangen sind. Oder das Schicksal von Asaads fünfhundert Völkern, die in seinem Dorf, unweit von Homs, verloren gingen, als 2011 der Krieg begann. Wenn die Menschen sterben oder fliehen müssen, sterben auch die Bienen – das wusste ich bis dahin nicht. Laut Schätzung der UN ist die Zahl der Bienenvölker in Syrien um 86 % zurückgegangen.

Du hast – mit deinen Dokumentarfilmen, Radioporträts und Büchern – immer auf die Menschen hinter den Dingen, hinter den Verhältnissen geblickt. Da ist die ostpreußische Bäuerin Lena Grigoleit, der du in «Paradiesstraße» ein berührendes Denkmal gesetzt hast. Die wunderbar tatkräftige Rita Pauls, die mit ihren Leuten 1989 aus den wolgadeutschen Siedlungsgebieten in Kasachstan in unser Land gekommen ist. Der «Akazienkavalier» aus Odessa. Die von Kindesbeinen an blinde Gärtnerin Veronika Zimmermann, die gelernt hat, Farben, die sie nicht sieht, mit verblüffender Akkuratesse zu beschreiben. Wie schaffst du es, Menschen so nahe zu kommen, sodass sie dir ihre Lebensgeschichten anvertrauen?
Indem ich zuhöre. Der Agrarsoziologe Teodor Shanin, der in den 1990er Jahren viele russische Dörfer besucht hat, sagte mal, er profitiere davon, dass diesen Menschen keiner zuhört. Schon ewig nicht, weder im zaristischen Russland, noch im sowjetischen, deswegen wurden er und sein Forscherteam empfangen wie Boten des Himmels, jeder wollte den Fremden sein Herz ausschütten. In milderer Form gibt es diesen Notstand auch hier. Die Frauen und Männer, die ich interviewe, werden oft von der Politik und den Medien wenig beachtet. Allein durch mein Zuhören entsteht so etwas wie Vertrauen. Wir sitzen oft lange zusammen – Kaffeetrinken, Schweigen, Gemüseputzen oder Spaziergänge. Zielgerichtete Fragen kommen später. Ich folge der immanenten Logik des jeweiligen Lebens, deute und bewerte möglichst wenig. Mit offenen Karten spielen, auch das ist wichtig: meine Gesprächspartner über mein Projekt informieren, mit ihnen darüber nachdenken, wie ihr Erzählen, wenn es öffentlich wird, ihr Leben verändern könnte. Manchmal muss ich sie beschützen, heikle, zu private Passagen nachträglich löschen. Am besten ist, wenn es ein gemeinsames Interesse gibt, wenn etwa der oder die Erzählende und die Zuhörerin mit dem Text, der daraus entsteht, gesellschaftliches Verständnis befördern wollen. Diese Vorgänge sind jedoch immer wieder kompliziert, mit Unbehagen und Zweifeln verbunden. Am Ende gehe ich mit den geschenkten Geschichten fort in meine Welt, schreibe sie auf meine ganz eigene Weise auf. Seltsamerweise wollen die meisten nicht wissen, wie das geht, sie vertrauen mir einfach. Darüber bin ich manchmal etwas frustriert, denn ich rede gern über das Verfertigen von Texten.

Hast du eigentlich einen Lieblingshonig? Thymianhonig, Akazienhonig, Kirschblütenhonig, Tannenhonig, es gibt ja so viele Geschmacksrichtungen. Apropos – wie kann man sich ein sommerliches Balkonfrühstück bei Familie Lachauer in Lüneburg vorstellen? Jeden Morgen eine neue Sorte probieren …? Oder stellt sich irgendwann eine Art Honigüberdruss ein?
In meiner Kindheit gab es nur Rapshonig. «Bohnerwachs» sagten wir, denn er sah so ähnlich aus, er schmeckte ziemlich langweilig. Auf meinen Reisen durch Europa lernte ich, wie vielfältig Honig sein kann, je nachdem in welchem Habitat die Arbeitsbienen unterwegs sind, in der Kastanie, im Klee oder Buchweizen oder im Löwenzahn. Buchweizenhonig zum Beispiel schmeckt fast animalisch, Kameldistel-Honig, den ich in Kasachstan entdeckte, überraschend lieblich. Ich mag den dunklen, karamelligen Weißtannenhonig sehr, den die Bienen aus Honigtau (sprich: Ausscheidungen von Läusen) herstellen. Am allerliebsten Vielblütenhonig, entweder von blühenden Bergwiesen oder der wilden Macchie, man hat eine ganze Landschaft auf der Zunge, und jeder Jahrgang ist noch einmal besonders. Ein Wunder, das allein die Bienen erschaffen, anders als beim Wein, da mischt der Mensch kräftig mit. Honigüberdruss? Kann ich mir nicht vorstellen!

Immer wieder begegnet einem der (mit großer Sicherheit gefakte) Albert-Einstein-Satz: «Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.» Bienen sind tatsächlich in aller Munde, in allen Medien – mal emphatisch, mal mit apokalyptischem Touch. Überrascht dich ein Phänomen wie der fulminante Bestsellererfolg von Maja Lundes «Die Geschichte der Bienen»?
Irgendwie schon, und andererseits auch nicht. Vor allem in Deutschland war das Buch so erfolgreich, das zeigt, wie sensibel man bei uns für ökologische Themen ist. Mir hat der Roman von Maja Lunde sehr gefallen. Die norwegische Autorin verwebt darin die Geschichte der Bienen mit Familiengeschichten aus drei Ländern, England, USA und China, in drei Zeitaltern. Sehr spannend und sehr alarmierend, «apokalyptisch», wie du sagst. In meiner dokumentarischen Erzählung ist die Welt heller, die Akteure, also die Imker, zeigen uns, was wir tun können gegen das Bienen- und Insektensterben.

Du lebst mit deinem Mann, dem Filmemacher Winfried Lachauer, hinreißend naturnah in einem Mehrgenerationenwohnprojekt im deutschen Norden. Wir gehen fest davon aus, dass ihr da einen ganzen Schwung Bienenvölker herumschwirren habt, also quasi in eigenem Honig badet. Und dass du längst einen Imkerkurs besucht hast – oder machen das nur Berlins Hipster und Hipsterinnen?
Unser Nachbar Stefan hat Bienen. Wir alle schauen ihm gern zu, besonders die Kids. Imkerkurs? Wäre längst fällig, bislang hab ich nur einen Online-Kurs gemacht. Im nächsten Frühjahr fange ich an, und dabei werde ich hoffentlich meine Angst vor Bienen endlich überwinden. Der Stich einer Biene, hat der berühmte Maurice Maeterlinck mal gesagt, ist wie ein «Wüstensonnenbrand». So dramatisch habe ich das auch empfunden, wenn ich bei meiner Recherche gestochen wurde.

Im Buch wird jedes Porträt mit einer Köstlichkeit abgerundet. Die hören auf wundervolle Namen wie Honigkuchen, Hirtenspeise (aus Ziegenkäse und Honig), Tannenhonigparfait, Sauerhonig, Honigpudding oder memelländische Honiggurken. Hast du tatsächlich gelernt, all diese Honeybee-Spezialitäten selber zuzubereiten?
Ich versuche es immer wieder, doch oft sind es nur Annäherungen an ein Rezept. Denn der Honig von den Memelauen ist anders als der von den Elbauen, wo ich lebe. Was nicht weiter schlimm ist, man holt sich Inspirationen aus der Fremde und weiß zugleich, die Zutaten hierzulande sind andere. Letztlich geht es darum, Genüsse in der eigenen Region zu entdecken, mit dem Vorhandenen zu experimentieren.

«Ohne Plan, ohne Auftrag, einfach ins Blaue reisen … Ich brauche das ab und zu, dieses ziellose Umherstreifen, das extreme Fremdsein, in Situationen geworfen zu werden, wo ich nichts oder sehr wenig verstehe» – so hast du das einmal in einem Interview formuliert. Wie sieht es heute mit Reiseplänen aus – Sesshaftigkeit, das kann man sich bei dir nicht vorstellen, oder? 
«Ins Blaue reisen» ist immer noch das Schönste! Doch nach einem großen Projekt muss ich mich wieder erden: Gemüse anbauen, schwimmen im See, in den Mond gucken, Familie, Freunde … das ist mein Sommer 2018. Von mir aus könnte er bis Dezember andauern.

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