09.08.2017   von rowohlt

Troll dich, Magnus!

Nur ein bisschen Herzklabaster? Hans Raths neuer Roman ist ein hinreißendes Plädoyer für frischen Wind im eigenen Leben

© Mirjam Knickriem
© Mirjam Knickriem

In Adams Leben knirscht es gewaltig. Als sein Herz rebelliert und damit ein deutliches Signal sendet, fliegt er nach Island, um in der urwüchsigen Landschaft über sein Leben nachzudenken. Im Sturm stürzt Adam von einer Klippe – und wird von einem seltsamen Typen gerettet. Magnus ist ein kleinwüchsiger, etwas verlotterter Typ in Wollklamotten, der behauptet, ein waschechter Troll zu sein. Wer auch nur ein wenig über Island weiß, ist sich der Bedeutung von Elfen, Trollen und Zwergen für die Nordländer bewusst.  Tatsache ist: Adam wird seinen isländischen Troll nicht wieder los, auch nicht bei der Rückreise nach Berlin. Adams Versuch, sein Leben aufzuräumen und neu durchzustarten, wird von Magnus' anarchischen Aktionen herzerfrischend unterlaufen …

Sterben ist ein seltsames Gefühl


Was für ein Drama! Stechende Schmerzen in der Brust, krasse Atemnot – und schon liegt Adam in den Hortensienbüschen des Stadtparks. Als er im Krankenhaus wieder einigermaßen beieinander ist, erfährt er von der behandelnden Ärztin, dass ihm, rein medizinisch betrachtet, ein seltenes Kunststück gelungen ist: «Eine Synkope, also eine plötzliche Ohnmacht, wie sie Ihnen gerade passiert ist, kann alle möglichen Ursachen haben. Das geht von leichtem Kammerflimmern bis hin zum schweren Herzinfarkt. Aber wie dem auch sei, in jedem Fall haben Sie heute das große Los gezogen. Ein überlebter plötzlicher Herztod ist extrem selten.» Als Adam – pardon: Dr. Adam Schmitt, Anwalt in der Kanzlei X & Y – seiner Lebensretterin danken will, winkt sie ab: «Oh, das ist nicht mein Verdienst. Sie sind ganz allein zurückgekommen … Mir selbst ist noch niemand begegnet, der ohne mein Zutun auf halbem Weg ins Jenseits kehrtgemacht hat.» 


Gründe für einen gepflegten Herzstillstand gibt es in Adams Leben reichlich. Seine Ehe mit Conny ist an einen toten Punkt gelangt, spätestens seit der Affäre mit Astrid, die sich lasziv als «Mata Hari der Pharmabranche» zu inszenieren weiß. Seine Arbeit in der Kanzlei seines Schwiegervaters Dr. Rainer Ernst & Kollegen frustriert ihn von Tag zu Tag mehr. Für Menschen mit einem Rest an Moral, Anstand und sozialer Peilung ist es wenig erbaulich, in schlimmster Winkeladvokatenmanier millionenschwere Steuerkriminelle vor Gericht rauszuhauen. Auch sonst ist Adam ein klassischer Risikopatient: Er raucht, trinkt regelmäßig Alkohol, treibt keinen Sport – und wird in wenigen Monaten fünfzig. Als ihm der leitende Kardiologe Dr. Han-Kim Zhang dringend zu einer Auszeit rät, willigt Adam sofort ein. Wo es hingehen soll, ist ziemlich egal. Also wirft Dr. Zhang einen Dartpfeil auf die Landkarte in seinem Büro. Der Pfeil landet im Nordatlantik, irgendwo zwischen Grönland und Island – Adam hat die Wahl. Also: Island, weshalb auch nicht.


«Mögen die Götter dich vor Ungeheuern und rothaarigen Frauen bewahren»


Wer den Rehabedürftigen in Reykjavik bereits sehnsüchtig erwartet, verschweigen wir an dieser Stelle dezent. Nur so viel: Die sich in Adams Hotelbett lustvoll räkelnde Dame ist der Hauptgrund, dass Gattin Conny kurz darauf tatsächlich die Scheidung einreicht. Im tiefsten Inneren weiß Adam, dass es gut ist, wenn er und Conny getrennte Wege gehen. Ihre 23-jährige Tochter Lena hat eh andere Sorgen als das Eheglück ihrer Eltern. Die Hochzeit mit dem Sohn des millionenschweren Kunsthändlers Titus Steiner wurde gecancelt – weil: «nicht standesgemäß». Was aber nichts daran ändert, dass Lena vom jungen Steiner schwanger ist. Das alles aber nur am Rande.


Am nächsten Tag fährt Adam mit einem geländetauglichen Range Rover über die Insel.  Es ist ein angenehm warmer Tag; Adam folgt der Küstenlinie nach Norden. Bei einer grün bewachsenen Klippe oberhalb einer malerischen Bucht streckt er sich auf dem weichen Moosbett aus. Als er Stunden später erwacht, ist das Wetter umgeschlagen: Trübes Dämmerlicht liegt über der Szenerie. Als Adam sich ein Stück weiter zum Rand der Klippe vortastet, erfasst ihn eine Windbö. Hätte ihn nicht jemand an den Handgelenken gepackt und nach oben auf die Klippe gezogen, es wäre sein sicheres Ende gewesen. Adams Retter ist ein kleiner, ein sehr kleiner Mann. Nicht größer als 1,40 Meter, aber stark wie zwei. Das erste, was Magnus ihm beibringt, ist das isländische Du: «In Island duzt man sich. Selbst Priester, Präsidenten und Lebensretter muss man hier nicht siezen.» 


Aus Dankbarkeit für seine zweite Lebensrettung innerhalb weniger Tage begeht Adam einen fatalen Fehler. Und zwar mit diesem Satz: «Ich hab übrigens ein Auto dabei; wenn du willst, kann ich dich mitnehmen.» Vielleicht hätte Adam bei Magnus' Antwort hellhörig werden sollen: «Wirklich? Du würdest mich tatsächlich mitnehmen? Das würdest du tun?» Und plötzlich wird aus einem kleinen Missverständnis eine richtig große Sache. Denn jetzt hat Adam einen leibhaftigen Troll an der Hacke Und zwar nicht nur in Reykjavik, sondern auch in Berlin. Magnus, sieht übrigens aus wie ein kauziger Mittzwanziger, ist aber doch schon 108 Jahre alt. Was im Land der Trolle als blutjung gilt. 

«Sie sind jetzt der Pate eines Trolls, ob Sie wollen oder nicht ...»


An dieser Stelle vielleicht doch ein paar Bemerkungen über Trolle. Isländer haben einen Heidenrespekt für das, was sie «die verborgene Welt» nennen. Jene Sphäre, in der Elfen und Trolle, Feen und  Zwerge, Gnome und Geister aller Art leben, Berggeister, Flussgeister, Feuergeister. Werden Straßen oder Brücken gebaut, schauen Experten (zum Beispiel das ortsansässige Elfen-Medium), ob auch ja keine Wohnstatt eines Fabelwesens betroffen ist. Aber wundert einen das bei einem Land, in dem statistisch alle fünf Jahre ein Vulkan ausbricht und in dem es folglich von Eruptionsspalten, Höhlen, Wasserfällen und unterirdischen Gängen nur so wimmelt? Perfekte Rückzugsgebiete für … na für wen wohl?.


Hans Raths neuer Roman sprüht nur so vor tollen Einfällen. Allein mit den Eskapaden des dreisten Steuerbetrügers Marco Göttlicher könnte man ein Buch füllen – etwa dessen Harakiri-Idee, wie einst das paranoide amerikanische Schachgenie Bobby Fisher die isländische Regierung um politisches Asyl zu bitten. Man spürt auf jeder Seite, mit welchem Vergnügen Rath sich all die tolldreisten Windungen und Wendungen der Geschichte ausgedacht hat. 


Zur Hochform läuft Hans Rath auf, als er den von Wind und Wetter zerzausten Island-Patienten Adam in Berlin wieder heimischen Boden unter die Füße nehmen lässt. Von Helgi Hannesson, dem isländischen Botschafter in Berlin, weiß Adam mittlerweile, dass er für alles, was sein Troll anstellt, verantwortlich ist, finanziell, sozial, strafrechtlich. «Sie sind jetzt der Pate eines Trolls, ob Sie wollen oder nicht». «Wissen Sie wenigstens, wie lange ich auf ihn aufpassen muss?» – «Vielleicht nur für ein paar Tage, vielleicht auch ein paar Monate. Vielleicht sogar für immer.» Kurz und gut: Adam ist Magnus auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.


Während Adam einen letzten Versuch startet, seinen Ehe und den Job in Schwiegerpapas Kanzlei zu retten und seine angeschlagene Gesundheit zu stabilisieren (plötzlicher Herztod – Sie erinnern sich noch?), hat Kumpel Magnus Magnusson in der hippen Metropole freien Auslauf. Und den nutzt er  – auch weil er sich über eine Partnerkarte Zugang zu Adams Kreditkarte verschafft hat. Sicher möchten Sie gern wissen, was es mit dem Saufen in Zimmerlautstärke auf sich hat. Und weshalb auf der Spree ein Ausflugsdampfer in Flammen aufgeht und am historischen Gemäuer des Brandenburger Tors eines Tages aus unerfindlichen Gründen acht großflächige Runen auftauchen. Das alles darf – ebenso wie der spektakuläre Fortgang der Geschichte in Island – hier keinesfalls verraten werden. Wir sagen nur: Thingvallavatn! Und: «Mögen die Götter dich vor Ungeheuern und rothaarigen Frauen bewahren!»

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