27.08.2019   von rowohlt

Damals, als alles möglich schien

Von Aufbruch und Übermut, Nachwenderebellion und Gegenwartsschmerz: Tom Müllers Roman «Die jüngsten Tage»

© Benjamin Gutheil
© Benjamin Gutheil

«Strippe ist tot. Es gibt nichts mehr zu retten außer uns.» Jonathan Buck wartet auf den Zug, der ihn nach Berlin bringen soll, zur Mutter seines Jugendfreundes. Sie will wissen, was das war mit ihm und Strippe – und was werden soll. Aber Jonathan sträubt sich. Neben Elena liegen, D’Annunzio lesen, sich an früher erinnern, das ist alles, was er möchte. Aber er kann nicht ewig vor sich selber davonrennen, Strippes Tod verändert alles. Das, was gestern war, und das, was morgen sein wird. Denn «die Zukunft liegt nicht vor uns, sie fällt einem in den Rücken» ... Tom Müller erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die immer an ihre Grenzen ging und manchmal darüber hinaus. Ein herausragendes Debüt, cool und voller Emphase. Mehr Schmerz, mehr Witz, mehr Aufruhr war selten.


Bov Bjerg: «Wie rettet man den Sturm der Jugend über die Zeit? Tom Müller kann davon eindrucksvoll erzählen.»
Christoph Peters: «Ein wunderbares Buch, todtraurig und aberwitzig, trostlos und doch voller Hoffnung, dass es irgendwie möglich ist, dem Wahnsinn, der das Leben darstellt, die Stirn zu bieten, selbst wenn die Kreditkarte gesperrt ist.»


Hier die wichtigsten Akteure des Romans – eine Collage aus Andeutungen und Zitaten:

JONATHAN und STRIPPE


Freunde von Kindesbeinen an. Aufgewachsen in Berlin, eingekeilt zwischen dem Westen und Brandenburg. Stadtrandkids auf einer «Insel ohne Meer, ohne Dünen, ohne Natur. Die einzige Wildnis, das waren die Menschen». Zusammen mit den Freunden Nordwig und Buda sind sie das «Imperium von Nichts». Das «Imperium» handelt mit allem, was «irgendwo rumliegt», in Schuppen, Containern, Lagerhallen: Kassetten, Zeitschriften, Knallerbsen, Zigaretten, Parfüm, Deoroller, Haarspray, Schokolade. Bis es beinahe zum großen Knall kommt, als sie beginnen, heiße Mountainbikes, BMX- und Rennräder mitgehen zu lassen.
«Wir sind unsere Referenz. Wir haben Träume, aber keine Ideologie, unser Glaube ist stark und ohne Konfession, wir entscheiden uns nicht, wir legen nichts fest, wir verweigern uns im Namen der unantastbaren Möglichkeit.»


Jugendlicher Überschwang, Lebenslust, hochfliegende Träume – das ist die Basis der Freundschaft von Strippe und Jonathan, die das «Imperium» um Jahre überdauern wird. «Es klappt oder es klappt nicht. So haben wir es immer gehalten. Haben wir dem Zufall zu viel Platz eingeräumt, Strippe? Klar, wir waren leichtfertig. Das hatten wir den anderen voraus. Seid ihr lebensmüde?, haben die immer gefragt. Nein, dachten wir, das ist ja der Punkt. Kopf oder Zahl, ja oder nein, Fifty-fifty, das war unser Modus.»


Aber irgendwann ist «das Leben», «der Alltag» in ihre Freundschaft hineingegrätscht. Die gemeinsamen Reisen werden seltener, die Gespräche flacher. Wo sind sie hin, die hehren Ideale von gestern, der unbedingte Wunsch, anders als die Anderen zu sein? «So wollten wir nicht sein. So wollten wir nicht werden. Unsere Zeit kommt noch, das war dein Satz. Nach der Schule, nach dem Studium, als ich Lehrer wurde und du bei diesem Wurstblatt angefangen hast. Wenn wir verreisten, nach Australien, nach Indonesien und in die Mongolei, da zählten wir auf, was alles faul war in unserem Land. Wir müssen warten, hast du gesagt, bis wir so weit sind, in der richtigen Position, und wissen, wie man es macht. Irgendwann konnte ich nicht länger warten. (...) Du hast mich vertröstet, und das war dein Verrat.»


Und dann ist Strippe tot. Für Jonathan steht mit dem Tod des Freundes buchstäblich alles auf der Kippe: die Ansprüche, die Träume, die Zukunft ...
«Das Leben ist ein Weg zwischen zwei Mauern des Unmöglichen, sagt D’Annunzio, aber wie man den gehen soll, sagt er nicht.»

GABRIELE D’ANNUNZIO


Stimmt es wirklich, dass «Veränderung an den Rändern beginnt»? Hatte Strippe, die Quasselstrippe, der Strippenzieher, recht, als er Jonathan mit den Worten provozierte: «Werd erwachsen, Jo ... Wir waren Kinder. Stadtrandtaugenichtse. Ossis. Sonst nichts. Wir hatten keinen Schimmer.»


Aber was war, was ist mit Gabriele d’Annunzio, dem romantischen Helden ihrer wilden Jahre? Dichter des Fin de Siècle, Symbolist, begeisterter Soldat im Ersten Weltkrieg, Mentor von Benito Mussolini – einer, der sich an seiner eigenen Stimme und den radikalsten Parolen seiner Zeit berauschte: «kein Schimmer», alles nur Gerede? «Ardisco, non ordisco. – Ich schmiede keine Pläne, ich glühe.»


D’Annunzios Maßlosigkeit, die operettenhaften Posen, die heroische Verstiegenheit seiner politischen Ambitionen, die lyrische Feier der Sinneslust: War es das, was jugendliche Träumer wie Strippe und Jonathan in den Bann schlug, damals, im Vakuum der Wendejahre in Berlin? Oder war es eher die elegische Stimmung von Gedichten wie Meriggio aus D’Annunzios berühmtem Alcyone-Zyklus?
«Ich las Meriggio, ein Gedicht von der Hitze eines Mittags an der Küste vor Livorno, ein Mann steht in völliger Flaute an der Mündung des Arno, das Schiff relos, das Meer spiegelglatt, über allem ein Flirren, das es unmöglich macht, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

ELENA und PASOLINI


Elena ist die Enkelin von Madrignani, dem Hausmeister an Jonathans alter Schule. Sie ist sein Halt, seine Inspiration. Dabei ist ihr Beziehungsalltag mehr als heikel. Während sie in einer Hamburger Agentur große Projekte stemmt, fügt er sich in die Rolle des Hausmanns, nachdem er seinen Job als Lehrer gekündigt hat.
«Wir haben Absprachen. Sie geht zur Arbeit, ich spüle das Geschirr, sauge den Teppich, besorge das Nötigste ... Wir gewöhnen uns.»


Nach Strippes Tod drängt Elena ihren Freund, nach Berlin zu fahren. Strippes Mutter will Klarheit haben über das Leben und Sterben ihres Sohnes, Klarheit und ein Stück innere Ruhe. Aber Jonathan tut alles, um der schmerzhaften Konfrontation mit der Vergangenheit auszuweichen.
«Du musst der Wirklichkeit ins Auge sehen, sagt sie.
Schall und Wahn, sage ich. Strippe ist tot.
Du musst den Schmerz teilen, sagt sie.
Du musst, du musst, du musst.»


Wie gut, dass es Pasolini gibt, Elenas kleinen Hund mit dem großen Namen! «Pasolini scharrt mit den Vorderpfoten an meinem Schienbein. Ich kann ihm die Ungeduld nicht verdenken. Irgendwann werde ich mich bei ihm entschuldigen. Für all den Irrsinn, und danken werde ich mich bei ihm für die gute Gesellschaft.»

Die jüngsten Tage

Die jüngsten Tage

"Wie rettet man den Sturm der Jugend über die Zeit? Tom Müller kann davon eindrucksvoll erzählen." (Bov Bjerg)
Jonathan Buck steht am Bahnsteig nach Berlin, er wartet auf den Zug. Die Mutter seines Jugendfreundes Strippe will ihn dringend sprechen, und es gibt keine Ausflucht mehr. Denn Strippe ist tot, und seine Mutter will von Jonathan hören, was ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 240
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-04544-9
20.08.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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