06.06.2016   von rowohlt

«Greatest of All Time»: Muhammad Ali ist tot

«Muhammad Ali bot der Welt einen bunten Strauß von Träumen und Möglichkeiten an, (…) in ihm kulminierten die Hoffnungen von Jung und Alt.» (Bob Dylan)

Auch jene, die sich für gewöhnlich im Kampfmodus mit Springers Boulevard-Flaggschiffen Bild und BamS befinden, dürften sich über die gestrige Seite 1 der Bild am Sonntag gefreut haben – Überschrift: «Danke, Großer!» Muhammad Ali war in jeder Hinsicht ein Großer dieser Welt: als Boxer, Entertainer, Vorkämpfer für schwarze Emanzipation und friedvoller spiritueller Mensch. Am 3. Juni 2016 ist der ehemalige Schwergewichts-Boxweltmeister, der am 17. Januar 1942 als Cassius Marcellus Clay geboren wurde, im Alter von 74 Jahren in Scottsdale, Arizona, gestorben. 


Der Mann, der als  Cassius Clay antrat, um die Boxwelt mit seiner Schnelligkeit und seinen unfassbaren Schlagkombinationen, seinem Mut und seiner Konsequenz aus den Angeln zu heben, wurde nach seiner Konvertierung zum Islam eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten in der Welt des Sports – und darüber hinaus. Unvergessen der Auftritt des schwer an Parkinson erkrankten Ali am 19. Juli 1996, als er in Atlanta das olympische Feuer entzündete. Für dreieinhalb Milliarden Fernsehzuschauer war er in diesem Moment wirklich «der Größte»; gebannt und bewegten blickten sie auf den herzergreifenden Kampf Alis gegen Wind und Wetter. Als Boxer wurde Clay/Ali bewundert, als Mensch wurde er geliebt.


David Remnick, Chefredakteur The New Yorker: «Binnen zweier Jahre sollte er, der schnelle und witzige Junge aus Louisville in Kentucky, sich zu einer der bezwingendsten und aufregendsten Gestalten des Amerikas seiner Zeit entwickelt haben. Er wurde so berühmt, dass er auf seinen Reisen um die Welt aus dem Fenster des Flugzeugs blicken – auf Lagos und L.A., auf Paris und Madras – und sicher sein konnte, dass praktisch jeder dort wusste, wer er war.» Wir zitieren einige Passagen aus der von Harald Krämer und Fritz K. Heering besorgten Bildmonografie «Muhammad Ali» (erschienen 2001).

Danke, Großer!


«Am 19. November 1999 wurde Muhammad Ali mit dem World Sports Award of the Century in Wien als ‹Kampfsportler des Jahrhunderts› geehrt. Hätten die in anderen Kategorien gewählten Größten ihrer Metiers wie Pelé, Carl Lewis, Nadia Comaneci, Michael Jordan, Steffi Graf oder Alain Prost den Sportler des Jahrhunderts küren müssen – ihre Wahl wäre zweifellos auf die Boxlegende aus Louisville, Kentucky, gefallen. 


In seiner aktiven Zeit wurde Ali nicht müde, sich im Glanz selbst kreierter Superlative zu sonnen: ich, der schnellste, klügste, effizienteste und schönste Schwergewichtler, der je in den Arenen der Welt zu bestaunen war: ‹I'm the Greatest›. Wo immer Muhammad Ali auftrat, bewegte er Massen: Verkehrschaos am Times Square, Menschenauflauf am Piccadilly Circus, Trubel auf den Straßen Kinshasas und Manilas. In den 1960er und 1970er Jahren dürfte es kein bekannteres Gesicht auf dem Planeten gegeben haben als seines – vertrauter und präsenter als das aller amerikanischen Präsidenten, vatikanischen Residenten und Hollywoodstars dieser Jahre.


Er begann seine Laufbahn als Cassius Clay – ein junger Mann, respektlos, prahlerisch, charmant und mit unzähmbarer Lust an der Selbstinszenierung. Heute ist Ali eine lebende Legende – ein alter Mann, parkinsonkrank, ein gläubiger Moslem, der in Frieden mit sich und der Welt lebt. Dass jemand, der sich aller Welt als ‹Großmaul› mit manischem Redezwang präsentierte, mittlerweile fast zur Sprachlosigkeit verdammt ist, mutet wie ein böses Spiel des Schicksals an. Doch Ali hat gelernt, seine gesundheitliche Beeinträchtigung in Demut anzunehmen als eine von Allah auferlegte Herausforderung und nicht als eine gerechte Strafe, wie sein ewiger Antipode Joe Frazier orakelte: ‹Er stand so knietief in seinem Ego, dass Gott zur Strafe mit Parkinson ein Exempel an ihm statuiert hat.›

«Float like a butterfly, sting like a bee»


Nicht ob Ali ‹der Größte› war, ist von Interesse. Er beeindruckt bis heute durch seinen Charakter und sein Charisma: als Boxer, als politischer und gläubiger Mensch. Seine legendären Kämpfe gegen Floyd Patterson, George Foreman und Joe Frazier haben Millionen von Menschen in aller Welt verfolgt, auch wenn sie weder davor noch danach etwas mit Boxen zu tun haben wollten. Keiner brachte Kraft, Eleganz und Schnelligkeit im Ring so perfekt zusammen wie Ali.


‹Er schien von der Voraussetzung auszugehen, dass es obszön sei, getroffen zu werden›, schrieb Norman Mailer. Wenn es überhaupt jemandem gelang, dem rohen, gewalttätigen Treiben im Boxring (das nicht viele als ‹Sport› zu akzeptieren bereit sind) einen Hauch von Anmut und Grazie, ja Magie zu verleihen, dann ihm. Selbst als Ali in der zweiten Karrierehälfte nicht mehr in der Lage war, seine Gegner vorzuführen und auszutanzen, brillierte er mit einem riskant-minimalistischen Defensivstil. Wie er George Foreman in Kinshasa 1974 überwältigte und in die Knie zwang, ist unvergessen.


Muhammad Alis Ausstrahlung zeigte sich aber nicht nur im Ring. Das Bekenntnis zu Elijah Muhammads und Malcolm X' Sekte Nation of Islam hätte ihm seine Boxkarriere ruinieren können; Ali ließ sich nicht beirren. Seine Weigerung, den Kriegsdienst in Vietnam als patriotische Pflicht zu akzeptieren – I ain't got no quarrel with them Vietcong –, hätte ihm fünf Jahre Gefängnis einbringen können; Ali blieb standhaft. Dafür zahlte er einen hohen Preis: Verlust des Weltmeistertitels, Berufsverbot, Verbannung aus der Boxszene für dreieinhalb Jahre. ‹Ali war der erste Schwarze in Amerika, der mit dem weißen Establishment gebrochen und der das überlebt hat›, bemerkte Andrew Young, der ehemalige UNO-Botschafter der USA und Bürgermeister von Atlanta. (…)

«Mit der Zeit lernte ich Ali lieben. Ich erkannte, dass ich Boxer war und er Geschichte» (Floyd Patterson)


Seine Parkinson-Erkrankung hat Ali reifer und weicher, spiritueller und introvertierter gemacht. ‹Der Muhammad Ali, den ich kenne, ist erleichtert darüber, dass er nicht mehr der lebenssprühende Ali ist›, weiß sein Freund Davis Miller.


Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, hat Albert Camus geschrieben. Auch wir können uns Muhammad Ali als einen glücklichen Menschen vorstellen. So, wie Cassius Clay in jungen Jahren mit Charme, Unbekümmertheit und atemberaubenden Aktionen im Ring die Boxwelt revolutionierte, so beeindruckte Muhammad Ali später mit seiner gereiften Persönlichkeit, seinem Charisma – als ein Mensch, der sein körperliches Handicap gelassen annimmt, als Botschafter seines Glaubens, der seinen Frieden und seine Bestimmung gefunden hat.


‹Wahrheit gibt es im Hinduismus, im Christentum, im Islam, in allen Religionen. Und im einfachen Gespräch. Die einzig wichtige Religion ist die wirkliche Religion – die Liebe.›»

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