16.01.2017   von rowohlt

«So böse wie Borat und lustiger als Nabokov»

Gary Shteyngart – Spezialist für Immigration und russisch-amerikanische Verwicklungen

© Brigitte Lacombe
© Brigitte Lacombe

Hay-on-Wye an der englisch-walisischen Grenze, ein Dorf mit 1500 Einwohnern – und einem Literaturfestival, das viele für das großartigste der Welt halten. Für seinen dritten Roman «Super Sad True Love Story» gewann dort Gary Shteyngart 2011  den Bollinger-Everyman-Wodehouse-Preis für komische Literatur gewonnen. Das brachte ihm jede Menge Champagner, eine Werkausgabe des großen P. G. Wodehouse und ein Schwein ein, genauer gesagt: eine Gloucester-Old-Spot-Sau. Weil er diese schlecht den Gefahren des New Yorker street life aussetzen konnte, verbringt das Tier, gemeinsam mit den Preisträgern vergangener Jahre, sein glückliches Schweineleben auf einem Bauernhof in Gloucestershire. Damals, 2011, war Gary Shteyngart für die meisten noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Heute gilt er auch bei uns als einer der aufregendsten jüngeren Autoren Amerikas. Nun liegen alle Romane und die Autobiografie «Kleiner Versager» bei rororo im Taschenbuch vor.


Der Spiegel: «Shteyngart ist ein großer Satiriker, in dessen Händen sich die Gegenwart zu einem Gebilde verbiegt, das schillert und glänzt und rattert und rappelt wie eine Albtraummaschine für erwachsene Kinder. Er ist der multikulturelle Springteufel der amerikanischen Literatur.»
Die Zeit: «Gary Shteyngart ist so böse wie Borat und lustiger als Nabokov.»
The New York Times: «Gary Shteyngart ist ein virtuoser Geschichtenerzähler.» 
taz: «Eine verführerische Mischung aus wohl überlegten Kalauern und historischen Anspielungen, identitätspolitischen Volten und zynischen Randbemerkungen.» 
SonntagsZeitung: «Shteyngart karikiert das Land, in welches seine Eltern 1979 aus Russland einwanderten, mit so viel Scharfsinn, Ironie und Zärtlichkeit, wie es nur Immigrantenkinder können.»

Handbuch für den russischen Debütanten


Vladimir Girshkin wurde in Leningrad geboren, mit zwölf kam er nach New York. Jetzt ist er 25 – und immer noch auf der Suche nach einem warmen Plätzchen in der Welt. Und er fragt sich, ob sein Job im Emma-Lazarus-Verein zur Förderung der Einwandererintegration tatsächlich das Ziel all seiner Anpassungsstrategien gewesen sein soll. Und so beschließt Vladimir, Nachfahre eines sogenannten «Weizenjuden», endlich zu Geld kommen (so wurden jene russischen Immigranten genannt, die Präsident Jimmy Carter gegen die Lieferung großer Getreidemengen in die USA rauskaufte …) Was liegt für ihn näher, als bei der Russenmafia einzusteigen? 


Vladimir verlässt New York und stürzt sich in eine aberwitzige Blitzkarriere in Prawa, der Hauptstadt des Wilden Ostens. Sein Rüstzeug: Er kennt beides aus dem Effeff, die amerikanische Psyche und die russische Seele. Schon bald scheint sich die amerikanische Tellerwäscherlegende für ihn zu erfüllen, doch dann geraten die Alte und die Neue Welt bedrohlich ins Wanken …  


Neue Zürcher Zeitung: «Ein anarchischer Lesespaß, ein gnadenlos boshaftes Feuerwerk von Sprüchen und Pointen, Einfällen und Einsichten.» Gary Shteyngart: «Es gab wohl fast keine ethnische Gruppe, die sich von dem Buch nicht beleidigt fühlte …»

Absurdistan


Mischa Borisowitsch Vainberg ist 30, beachtliche 147 Kilo schwer und stets auf der Suche nach der Liebe. Seine Mutter starb, als er noch klein war. Als 18-jähriger schickt ihn sein Vater zum Studium und zur Beschneidung nach Amerika, wo er Zeit und Geld verprasst und sich mit seiner dunkelhäutigen Freundin Rouenna vergnügt. Doch just als Mischa ihn in St. Petersburg besuchen will, wird der alte Vainberg bei einem Attentat erschossen. Jetzt hängt Mischa in Russland fest: Zurück in die USA kann er nicht, da ihm die Einreise verweigert wird. Also sucht er sein Heil in der Flucht. Ein Bekannter ist belgischer Diplomat in Absurdistan, einem ölreichen Flecken am Kaspischen Meer, vielleicht verschafft der ihm die nötigen Papiere? Dafür muss Mischa sich erst einmal die belgische Staatsangehörigkeit kaufen – geschenkt. Blöderweise  wird Absurdistan gerade von einem Bürgerkrieg erschüttert – was also tun?


«Snack Daddys abenteuerliche Reise» war der Titel von Shteyngarts Roman, als er erstmals auf Deutsch erschien (jetzt wie das amerikanische Original: «Absurdistan»). Erzählt wird die Geschichte des reichen, sexsüchtigen, verwöhnten Juden Mischa, der mit seinem besten Kumpel Robert Lipshitz alias Aljoscha-Bob die Erfahrung macht, dass eigentlich überall Absurdistan ist: verrückte, verrückte Welt. Hier eine kleine Kostprobe von Shteyngarts exzentrisch-wilder Prosa:


«Da wir uns in Russland befanden, einer Nation aus aufdringlichen, in eine tölpelhafte Moderne geschleuderten Kleinbauern, war klar, dass uns bald jemand den Spaß verderben würde. Und so versuchte es unser Neben-biznesman, ein sonnenverbrannter Killer aus dem mittleren Management, seine teigige Freundin aus irgendeiner kuhreichen Gegend im Gespann, mit: ‹Na, Jungs, ihr müsst doch nicht singen wie die Austauschstudenten aus Afrika. Ihr seht doch kultiviert aus›, anders gesagt: wie ekelhafte Judenfressen, ‹warum deklamiert ihr nicht lieber ein wenig Puschkin? Gibt es von ihm nicht ein paar schöne Verse über die Weißen Nächte? Das würde doch zur Jahreszeit passen. – ‹He, wenn Puschkin heute leben würde, wäre er Rapper geworden›, sagte ich. – ‹Genau›, sagte Aljoscha-Bob. ‹Er wäre MC Push.› – ‹Fight the power›, sagte ich.»

Super Sad True Love Story


Welcome to the USA! Das Amerika, in das uns Shteyngart katapultiert, ist nur einen Wimpernschlag von heute entfernt. Das große Amerika ist Geschichte, zur Karikatur seiner selbst verkommen – das «amerikanische Jahrhundert» ist definitiv am Ende. Das Land steht am Rande eines Bürgerkriegs, es hängt an Chinas Tropf, die eigene Währung zählt auf den globalen Finanzmärkten nichts mehr. Und der Staat? Stützt sich auf den technologisch letzten Schrei, auf «Äppärät» genannte Smartphones; alle surfen – jederzeit kontrollierbar – durchs CrisisNet. Kontostand, Krankenstand, Konsumgewohnheiten, sexuelle Vorlieben, verborgene Leidenschaften: nichts bleibt verborgen.


Lenny Abramov, der Held in «Super Sad True Love Story», ist wie sein Schöpfer russischer Herkunft, dazu absolutely old school und old fashioned. Er liebt und liest Bücher (physische Bücher!), Äußerlichkeiten sind ihm egal, mit der Technik steht er auf Kriegsfuß: Lenny ist ein Stadtneurotiker wie aus einem Woody-Allen-Film entsprungen. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Angestellter der Firma «Posthumane Dienstleistungen», ihr Produkt: Unsterblichkeit.


Dieser Super-Nerd verliebt sich in Eunice Park, unter kulturellen Aspekten eine perfekte Kreuzung aus USA und Korea. Eunice ist hübsch, viele Jahre jünger als Lenny und in allem sein kompletter Gegenentwurf. Bücher: nehmen Platz weg und stinken. Kritisches Denken: eine Zumutung. Chatten, shoppen, durchs Leben floaten, um nichts anderes geht es in ihrer modernen Welt. Und trotzdem werden Lenny und Eunice ein Paar. I der Reizüberflutung New Yorks versuchen sie, ihr Leben und Lieben zu synchronisieren … Eine Geschichte wie von Huxley & Orwell auf Speed zu Papier gebracht.

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