10.03.2017   von rowohlt

«Sie jagen mich. Alle …»

«Ein großartiges Buch, das Max Annas so schnell keiner nachmacht.» (Tobias Gohlis)

© Joerg Nicht/EyeEm/Getty Images; danleap/iStockphoto.com
© Joerg Nicht/EyeEm/Getty Images; danleap/iStockphoto.com

Kodjo lebt in Berlin, seit Jahren schon. Seine Adresse wechselt so oft wie seine Gewohnheiten – denn Kodjo ist illegal im Land. Der junge Mann aus Ghana kennt sämtliche dunklen Ecken der Großstadt. Weiß genau, wie er der Polizei entgeht. Tut alles, um unsichtbar zu sein, um unsichtbar zu bleiben. Dann kommt der Tag, der alles verändert: Von einem Abrisshaus aus beobachtet Kodjo einen Mord. Sieht den Täter davonfahren. Doch der Mörder hat auch ihn gesehen. Und hetzt ihm seine Männer auf den Hals. Auch die Polizei sucht den Mordverdächtigen: einen jungen Schwarzen … Der neue Roman des zweifachen Gewinners des Deutschen Krimi Preises Max Annas: rasant, packend, politisch brisant.

«Großes Kino! Annas guckt literarisch unter die Haut» (taz)


«Nur wenige Autoren … haben Berlin so konsequent aus der Sicht eines Illegalen auf der Flucht beschrieben. Die Hauptstadt als Falle, aber auch als Höhlensystem, in dem die Illegalen und ihre Freunde ein eigenes Habitat der Papierlosen schaffen.» (Tobias Gohlis) 


«Knapp, schnell, lakonisch, auf den Punkt und brisant» – so beschreibt Thomas Wörtche die Kriminalromane von Max Annas. Als Journalist (und Teilnehmer eines Forschungsprojekts über südafrikanischen Jazz) hat Annas  viel über Themen aus Politik, Popkultur und Sport publiziert. Zweimal gewann er den Deutschen Krimi Preis: 2015 für seinen ersten Roman «Die Farm», dann 2017 für «Die Mauer». «Lange nicht hat ein deutscher Autor so furios, so gewalttätig und so entschieden mit den Bestandteilen des Genres jongliert. Lange nicht ist ein derart radikaler Krimi auf Deutsch erschienen.» (Deutschlandfunk) 

Im Dickicht der Großstadt


Kodjo Awusi war vor zehn Jahren aus Ghana fortgegangen, weil er unbedingt nach Europa wollte. Seine Familie in Ghana ahnte nicht, dass er in Berlin als Illegaler lebte. Er hatte dann Geschichte studiert, war als wissenschaftlicher Mitarbeiter eine Zeitlang an der Uni beschäftigt. Danach arbeitete er bei einer NGO, bis dieser die Fördergelder entzogen wurden. Zum Glück fand er den Job im Café Hibiskus: Küchenhilfe, kein großes Geld, aber nette Leute. Als dann die Scheinehe mit einer Berlinerin in der Scheidung endete, war er von einem auf den anderen Tag wieder Illegaler. 


Seine Lebenssituation war alles andere als angenehm, aber Kodjo kam klar. Er hatte einen Job, er hatte Freunde, afrikanische und deutsche. Und manchmal hatte er auch eine Wohnung, in der er länger bleiben konnte. Wie diese Dachwohnung im 5. Stock des Abrisshauses in Moabit: Matratze, Kühlschrank, Kochplatte, mehr nicht. Sein Leben wäre vermutlich weiter in halbwegs ruhigen Bahnen verlaufen, hätte er an jenem Abend nur nicht aus dem Fenster  gestarrt. Und gesehen, was er besser nie gesehen hätte: wie ein Mann eine Frau in einem Akt von sadistischer Raserei totschlug.


Man kennt die Szene  aus Alfred Hitchcocks «Fenster zum Hof»: Jemand wird Zeuge, wie in unmittelbarer Nähe ein Mord geschieht. Genau das passierte Kodjo; mit Entsetzen hatte er den Mord an der Prostituierten beobachtet. Beim riskanten Versuch, sich im Haus gegenüber ein Bild vom Geschehen zu machen, wurde er von einer Bewohnerin gesehen – und flüchtig auch vom Mörder. 


Kodjo wusste, dass er einen fatalen Fehler begangen hatte. Als Illegaler in Deutschland war er ständig auf Achse, wohnte mal hier, mal dort. Sich unauffällig bewegen, unauffällig bleiben, Tag für Tag und Nacht für Nacht – das war das Gesetz Nr. 1 für alle Illegalen. Wer keine Papiere hatte und dazu noch schwarz war, wurde rasch zum Freiwild. «Schnelle Bewegungen waren das Schlimmste. Sie fixierten einen sofort. Anstarren, oder was sie dafür hielten, führte sofort zu Feindseligkeit.» Nie und nimmer hätte er an jenem Abend das Abrisshaus verlassen dürfen. Nun war es zu spät. 

«Unterschätze nie deinen Feind. Hat schon Clausewitz gesagt …»


Jetzt waren sie alle hinter ihm her. Zig Einsatzfahrzeuge der Polizei (auch wenn die nur über ein albernes Phantombild von ihm verfügte) und die Schergen des Mörders. Der war als Juniorchef eines Berliner Unternehmens in der günstigen Situation, ein ganzes Rudel Security-Schläger auf den Flüchtigen hetzen zu können: Sec-Tech-Leute, denen es eine Freude war, Schwarzafrikaner fertigzumachen. Jetzt wurde Kodjo gejagt: erbarmungslos, Ende offen. Tempelhofer Feld, Görlitzer Park, Hasenheide  – gut nur, dass er Berlin wie seine Westentasche kennt. Kodjo gab sich keinen Illusionen hin. Wenn sie ihn kriegten, würde er umgehend in einen Abschiebeknast verfrachtet. Und das wäre noch die humanere Option. An die andere wollte er gar nicht erst denken.


Die Treibjagd war eröffnet. Nun konnten ihm nur noch seine Freunde helfen: Linde, die ihm den Job im Café Hibiskus besorgt hatte. Und Marie, Kodjos Flamme. Und Marie versuchte alles, wirklich alles, um ihren Freund zu retten …

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