02.04.2020   von rowohlt

Schreiben in Zeiten von Corona von Jens Mühling

Eine Chronik der Verunsicherung

Foto © Max Zerrahn
Foto © Max Zerrahn

In Zeiten der Verunsicherung verschiebt sich mitunter der Blickwinkel auf unsere Welt – und bei einigen von uns auch wortwörtlich. Viele arbeiten in diesen Tagen mobil, in ihren eigenen vier Wänden und mit neuer Aussicht. Und vielen fällt es schwer, mit dieser Situation umzugehen. Drinnen zu bleiben und nicht zu wissen, was noch auf uns zukommt.


Wie viele andere machen wir Rowohltianer uns Sorgen - um unsere Familien, Freunde und Bekannte und um unsere Autor*innen. Einige unserer Autor*innen haben wir gefragt, wie sie mit der Pandemie leben. Was sie gerade beschäftigt. Einige der Texte, die uns erreicht haben, sind humorvoll, viele machen nachdenklich und ein paar auch traurig, die meisten geben uns aber Hoffnung. Hoffnung, dass wir diese Krise gemeinsam irgendwie überstehen werden. 


Über dem Bosporus kreisten heute Störche. Hunderte, wenn nicht Tausende. Spiralförmig rotierten sie umeinander, eine riesige Windhose aus Störchen, die sich langsam nordwärts walzte, Richtung Schwarzes Meer, Richtung Europa, Richtung Sommer.


Die Störche kehren heim. Ich nicht. Mitte März hat die Türkei den Flugverkehr nach Deutschland gekappt, mindestens bis Mitte April, wahrscheinlich länger. Ich bin dann mal in Istanbul.


In der Türkei gilt jetzt eine Ausgangssperre für Menschen ab fünfundsechzig. Natürlich hält sich niemand daran, diese unvernünftigen Alten feiern einfach weiter ihre Corona-Partys. Sitzen gestikulierend auf Parkbänken. Lassen grüppchenweise die Gebetsketten klickern. Trinken Tee, den ihnen weiß Gott wer, ausschenkt, die Teehäuser sind längst alle dicht. Alte Leute haben in der Türkei derzeit ein ähnlich unbelehrbares Image wie junge Leute in Deutschland. Im türkischen Netz kursiert ein Video, in dem zwei alte Männer plaudernd auf der Wartebank einer Bushaltestelle sitzen und beharrlich alle Passanten ignorieren, die sie auffordern, nach Hause zu gehen. Sie springen erst auf, als jemand ihnen aus einem Fenster einen Schwall Wasser vor die Füße kippt.


Zuhause bleiben war noch nie eine Stärke der Türken. Abstand halten sowieso nicht. Der Virus stellt dieses Land auf eine härtere Probe als den berührungsscheuen Stubenhockerstaat Almanya.


Selbst die Muezzins lassen ihren Gesängen jetzt die blecherne Lautsprecherwarnung folgen, zu Hause zu bleiben. Kommen Sie nicht in die Moschee. Beten Sie daheim. Allahu ekber.


Kein Kondensstreifen trübt den Himmel über dem Bosporus. Blinzelnd lege ich den Kopf in den Nacken. Storch müsste man sein.

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