04.04.2020   von rowohlt

Schreiben in Zeiten von Corona von Thomas Steinfeld

Eine Chronik der Verunsicherung

© Rie Hägerdal
© Rie Hägerdal

In Zeiten der Verunsicherung verschiebt sich mitunter der Blickwinkel auf unsere Welt – und bei einigen von uns auch wortwörtlich. Viele arbeiten in diesen Tagen mobil, in ihren eigenen vier Wänden und mit neuer Aussicht. Und vielen fällt es schwer, mit dieser Situation umzugehen. Drinnen zu bleiben und nicht zu wissen, was noch auf uns zukommt.


Wie viele andere machen wir Rowohltianer uns Sorgen - um unsere Familien, Freunde und Bekannte und um unsere Autor*innen. Einige unserer Autor*innen haben wir gefragt, wie sie mit der Pandemie leben. Was sie gerade beschäftigt. Einige der Texte, die uns erreicht haben, sind humorvoll, viele machen nachdenklich und ein paar auch traurig, die meisten geben uns aber Hoffnung. Hoffnung, dass wir diese Krise gemeinsam irgendwie überstehen werden. 

In Venedig lebt ein älteres Paar, mit dem ich schon seit vielen Jahren befreundet bin. Wie viele unter den immer weniger werdenden festen Bewohnern der Stadt haben die beiden ein kleines Stück Land auf einer der vielen Inseln in der Lagune gepachtet. Diese Parzelle ist gewöhnlich ein wunderbarer Ort hinter Tamarisken, mit einem Gemüsegarten, ein paar Ostbäumen und einer Veranda, auf der man in der Hängematte liegen kann. Ein kleines Boot liegt am Ufer, mit dem man zu den benachbarten Inseln fahren kann, zum Supermarkt auf Burano zum Beispiel. Im November wurde der Garten überschwemmt. Das Aufräumen dauerte zwei Monate, die Zerstörungen werden noch lange bleiben. Doch scheinen die Verhängnisse zurzeit in Serien einzutreffen: Vor drei Wochen, mitten im Winter, zog das Paar deshalb auf die Insel. Dort sind die beiden nun allein, ohne Risiko, sich dem Coronavirus auszusetzen. Ähnlich war Venedig vor fast 1500 Jahren entstanden: weil sich Menschen in die Lagune zurückzogen, um sich vor den Gefahren auf dem Festland in Sicherheit zu bringen. Jetzt wiederholt sich die Geschichte in kleinstem Maßstab. 


In Zeiten von Not und Gefahr sucht man die Gemeinschaft: Die Freunde, die Familie, die vertraute, alte Umgebung zählen dann mehr als der Staat, das Gesetz und der Fortschritt. In Italien galt das schon immer. Darin liegt ein Reiz dieses Landes und auch etwas Fremdes. Und eine Möglichkeit, selbst große Krisen zu überstehen.


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