01.09.2016   von rowohlt

Schöne neue Welt?

Eugen Ruge hat mit «Follower» die finster-komische Geschichte der nächsten Generation geschrieben

© Jasper James/Getty Images;
© Jasper James/Getty Images;

Wir sind im Jahr 2055. Unter dem künstlichen Himmelsblau von HTUA-China wacht ein Mann desorientiert in einem Hotelzimmer auf. Nio Schulz – geboren am 1.September 2016, dem Veröffentlichungstag von Eugen Ruges neuem Roman –  ist unterwegs in Wú Chéng, um die neueste Geschäftsidee seiner Firma zu vermarkten: True Barefoot Running, ein erstaunlich anachronistisches Produkt in einer Welt, in der Big Data und technische Selbstoptimierung regieren. Einer Welt, in der es normal erscheint, wenn die UN in Australien H-Bomben gegen die Klimakatastrophe zündet und Paare über Leihmütterkosten verhandeln … Eugen Ruges «Follower» ist ein Buch über die Zukunft, die für uns bereits begonnen hat.


Stimmen zum Roman


Süddeutsche Zeitung: «Ein grotesker, sehr komischer und äußerst unterhaltsamer Roman über unsere absurde Gegenwart.» 
Radio Eins: « Der ‹Steppenwolf› der Generation Facebook.»
NDR Kultur: «Eugen Ruge entlässt seine Leser amüsiert und erschrocken, verstört und verzaubert. ‹Follower› ist das wohl ungewöhnlichste Buch in diesem Herbst.» 
Hamburger Abendblatt: «Eine deutsche und komischere Version von Dave Eggers' ‹The Circle›.» 
Frankfurter Allgemeine Zeitung: «So viel unnütz tolle Wut! … Ruge schreibt mit geballter Faust, beißend, viril, stellenweise überdeutlich, doch präzise und kenntnisreich … Bewundernswert, wie mühelos ihm der Genrewechsel gelingt.»

Triumph der Warenwelt


2055, ein schneller Blick in die Zukunft. China ist nach Unternehmensanteilen in vier Zeitzonen aufgeteilt, Russland wird als Aktienpaket an die Börse gebracht, Europa und die USA existieren in der uns bekannten politischen Formation nicht mehr. Die kapitalistische Globalisierung ist auf ihrem Höhepunkt, «postpostmodernes» Business versucht jede Lebensregung dem Diktat universeller Vermarktung zu unterwerfen: eine klaustrophobische Welt, faszinierend  und frustrierend zugleich. Ein paar Jahre entfernt und doch beängstigend nah.


Die Datenbrille Glass hat die Funktionen von Smartphone und Tablet verschmolzen; staatliche Behörden arbeiten nur noch mit maschinell erstellten Persönlichkeitsprofilen; Silikonimplantate perfektionieren die Körperperformance; programmierbare Haarelektroden erzeugen im Kopf unterschiedlichste Stimmungslagen; Gourmetrestaurants werben mit vegetarischem Tofu-Eisbein und In-vitro-Rippchen auf Kraut; Modedesigner kreieren hautenge Kleidung für junge Frauen, die wie Tattoos Körperformen fotorealistisch reproduzieren. Schöne neue Welt? Komische Zukunft!


Gendertechnisch ist alles zu einem wilden Identitätsroulette geworden. Mann-Frau-Trans, eine Grammatik des Begehrens mit tausend Zwischenformen – und ein Mörderstress für Menschen mit eigebautem Gedankenscanner. Ruge spart nicht mit aparten Crossgender-Details (zum Beispiel aus dem Intimleben von Jeff, dem Lieblingsmitarbeiter und Liebhaber von Schulz' russisch-bulgarischer Chefin). Aber wehe, jemand verletzt die Political-correctness-Codes mit ihren internalisierten Tabus! 


Die Konsequenzen regelt Glass: Pausenlos jagen Hashtag-Tweets, Tickernews und Postings von der Datenbrille direkt ins Bewusstsein: von @luzia, die Geburtstagsglückwünsche erpressen will und mit Suizid droht, bis @femfetal, die Schulz und seine Macho-Konsorten, die Männerselbsthilfegruppe «Anonyme Kritische Weiße Heterosexuelle» an der Berliner Steve-Jobs-Oberschule, Tod und Teufel an den Hals wünscht: «Geh sterben fetter weißer Hetero».

Von Neo («Matrix») zu Nio («Follower»)


Als Nio Schulz, ein Nachfahre der Umnitzer-Sippe aus Eugen Ruges Erfolgsroman «In Zeiten des abnehmenden Lichts» (Deutscher Buchpreis 2011), in seinem Hotelzimmer erwacht, weiß er nicht, was ihn nach Wú Chéng in HTUA-China verschlagen hat («seit der Aufteilung Chinas in kommerzielle Sektoren hatten HSBC, Toyota, UNIVERSE und Alibaba eine eigene Zeitzone eingeführt»). Irgendwann dämmert ihm, dass er an diesem Tag chinesischen Investoren das True Barefoot Running als letzten Schrei der Moderne andrehen soll: nicht als konkretes Produkt (Barfußlaufen!), sondern als reine Idee, als Identitätsfetisch, als futuristisches Must-have.


Dabei hat Nio Schulz eigentlich ganz andere Sorgen. Seine Freundin Sabena hätte, findet er, Gründe genug, ihn zu verlassen. Mit der Qualität seines Spermas ist es nicht weit her, und ob sie sich eine nepalesische Leihmutter leisten können, steht auch noch in den Sternen. Als ihn dann noch über @dpa die irritierende Meldung vom Tod seines Großvaters Alexander Umnitzer (neben vielem anderem Autor eines Buches namens «Follower») erreicht, verliert er endgültig die innere Balance. Am Ende ist Nio Schulz vom Radar der Überwachungsbehörden verschwunden, lost in reality.


Bevor Ruge seinen Held Nio in einen Ausbruchsversuch aus der technologischen Zwangsjacke schickt, der ihn prompt ins Visier der Europäischen Sicherheits- und Anti-Terror-Behörde (EUSAF) katapultiert, setzt er noch zu einem «kleinen» historischen Exkurs an: «Genesis», eine 54-seitige Abschweifung in die Geschichte von Nios Familie. Diese geht nicht etwa zwei oder drei Generationen zurück, sondern setzt da ein, wo alles begonnen hat, mit dem Urknall vor rund 14 Milliarden Jahren – die Geschichte der Menschheit in einer Nussschale.


Auch formal ist Eugen Ruges «Follower» ein ambitioniertes Projekt. Das ganze Buch, vom «Genesis»-Einschub und den eingestreuten Polizeiakten, Beziehungsclustern und Sozialprofilen abgesehen, besteht aus nur mit Kommata getrennten «Vierzehn Sätzen über einen fiktiven Enkel» (so der Untertitel des Romans): ein mitreißendes Stakkato aus Perspektiven und Genres. «Follower» könnte tatsächlich «das wohl ungewöhnlichste Buch in diesem Herbst» (NDR Kultur) sein.

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