21.08.2018   von rowohlt

«Das wohl größte Geheimnis ist die Zeit»

So verführerisch kann Wissenschaft sein: «Die Ordnung der Zeit», der Nachfolger von Carlo Rovellis Weltbestseller «Sieben kurze Lektionen über Physik»

Warum stehen wir mit den Füßen auf dem Boden? Newton meinte, weil sich Massen anziehen, Einstein sagte, weil sich die Raumzeit krümmt. Carlo Rovelli hat eine andere Erklärung – vielleicht ja deshalb, weil es uns immer dorthin zieht, wo die Zeit am langsamsten vergeht. Wenn, ja wenn es so etwas wie Zeit überhaupt gibt. Kaum etwas interessiert theoretische Physiker von Rang so sehr wie der Begriff der Zeit. Einstein hat sie mit dem Raum zur Raumzeit zusammengepackt und der Gravitation unterworfen. Die Frage ist: Geht es wirklich ohne die Zeit? Leben wir in der Zeit oder lebt die Zeit vielleicht nur in uns? Um diese Fragen dreht sich das neue, aufregende Buch des italienischen Ausnahme-Physikers. Rovelli nimmt uns mit auf eine Reise durch unsere Vorstellungen von der Zeit und spürt ihren Regeln und Rätseln nach.

La Repubblica: «Dies ist nicht nur eine Lektion über Physik, es ist auch Philosophie, Poesie, Biologie, sogar Musik.»
BBC Channel 4 News: «Carlo Rovelli – ein globaler Superstar.»

Prägnanz, Präzision, Poesie


Die Struktur der Zeit
ist kein gleichförmiger Ablauf. Zeit verlangsamt und verdichtet sich. Zeit wechselt ihre Richtung und macht Sprünge. Noch immer wissen wir nicht, wie die Zeit wirklich funktioniert. «Das Wesen der Zeit ist wohl immer noch das größte Geheimnis, eines, das über seltsame Fäden mit weiteren großen ungelösten Rätseln verbunden ist: das Wesen des Geistes, der Ursprung des Universums, das Schicksal Schwarzer Löcher oder die Funktionsweise von Leben. Wesentliches führt immer wieder zum Wesen der Zeit zurück.»


Carlo Rovellis Essay «Die Ordnung der Zeit» ist dreigeteilt. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Zerfall der Zeit, der zweite mit einer Welt ohne Zeit – und Teil 3 mit den Quellen der Zeit. Wer bisher noch nichts von Rovelli gelesen hat, kann im folgenden Epilog des Buches eine erstaunliche Entdeckung machen: wie poetisch-philosophisch die Beschäftigung mit Phänomenen der Naturwissenschaften sein kann. Und das Nachdenken über den Tod.

Schlafes Bruder


Bleicher Tod pocht gleichen Fußes an der Armen Hütten wie an der Herrscher Burgen: O glücklicher Sestius, Lebens Spanne, zu kurz, verwehrt und langwährende Hoffnung zu hegen. Bald schon wird dich bedrängen die Nacht […] (I, 4)


«Im dritten Buch des großen indischen Epos Mahabharata fragt der mächtige Geist Yaksha den ältesten der fünf Pandava-Brüder, Yudhishthira, welches das größte Mysterium sei. Die Antwort hallt Jahrtausende nach: ‹Jeden Tag sterben zahllose Menschen, und doch leben diejenigen, die am Leben bleiben, als wären sie unsterblich.›


Ich möchte nicht leben, als sei ich unsterblich. Der Tod macht mir keine Angst. Ich fürchte mich vor dem Leiden. Und vor dem Alter, allerdings inzwischen weniger, wenn ich das schöne, heitere Alter meines Vaters betrachte. Ich habe Angst vor Schwäche, vor fehlender Liebe. Aber nicht vor dem Tod. Er hat mich schon als Kind nicht erschreckt, was ich damals darauf zurückführte, dass er so weit weg schien. Jetzt, mit um die sechzig, hat sich die Angst immer noch nicht eingestellt. Ich liebe das Leben, selbst wenn es Mühen, Leiden und Schmerzen mit sich bringt. An den Tod denke ich als eine wohlverdiente Ruhe. Bach bezeichnet ihn in seiner herrlichen Kantate BWV 56 als ‹Schlafes Bruder›. Ein freundlicher Bruder, der bald kommen wird, um meine Augen zu schließen und mir über den Kopf zu streichen.


Hiob starb, als er ‹an Lebenstagen satt› war – eine wunderschöne Formulierung (Hiob 42,17). Auch ich möchte an den Punkt gelangen, an dem ich am Leben satt geworden bin, und den kurzen Kreislauf des Daseins mit einem Lächeln beschließen. Noch kann ich es genießen, den Mond, der sich im Meer spiegelt, die Küsse der Frau, die ich liebe, ihre Gegenwart, die allem Sinn gibt. Ebenso die Sonntagnachmittage im Winter, ausgestreckt auf dem häuslichen Sofa, um Seiten mit Zeichen und Formeln zu füllen in der Hoffnung, ein weiteres kleines Geheimnis der Tausenden zu lüften, die uns noch umgeben. Mir gefällt die Aussicht, weiter am goldenen Kelch zu nippen, am prallen Leben, dem zarten und feindseligen, dem klaren und undurchschaubaren, dem unerwarteten … Aber aus diesem süßen und bitteren Kelch habe ich schon viel getrunken. Käme gerade jetzt der Engel und verkündete mir: ‹Carlo, es ist Zeit›, würde ich ihn nicht bitten, mich den Satz zu Ende schreiben zu lassen, sondern ihn anlächeln und ihm folgen.


Die Angst vor dem Tod erscheint mir als eine Fehlentwicklung der Evolution: Viele Tiere zeigen eine Schreck- und Fluchtreaktion, wenn ein Räuber naht. Eine gesunde Reaktion, die es ihnen ermöglicht, Gefahren zu entrinnen. Aber dieser Schreck währt immer nur kurz. Dieselbe Selektion hat diese unbehaarten großen Affen mit riesenwüchsigen Frontallappen hervorgebracht, ausgestattet mit der übertriebenen Fähigkeit, die Zukunft vorauszusehen. Hilfreich beim Überleben, hält uns dieses Privileg allerdings auch den Spiegel des unausweichlichen Todes vor. Und diese Zukunftsaussicht löst denselben Schreck- und Fluchtinstinkt aus wie der Anblick jenes Raubtieres. Kurzum: Ich meine, dass die Angst vor dem Tod ein zufälliges und unsinniges Störfeuer ist, entstanden aus einem Selektionsdruck, der in zwei verschiedene Richtungen gewirkt hat: das Ergebnis schlechter Verschaltungen in unserem Gehirn, die für Automatismen sorgen, ohne dass sie für uns nützlich oder sinnvoll wären. Alles ist von begrenzter Dauer, auch die Menschheit. (‹Die Erde hat ihre Jugend verloren, verflogen wie ein glücklicher Traum. Jetzt bringt uns jeder Tag der Zerstörung, der Dürre näher›, verkündet Vyasa im Mahabharata.) Sich vor dem Übergang, dem Tod zu fürchten, ist so, als fürchte man sich vor der Realität, vor der Sonne: Aber wozu?


Das ist die rationale Deutung. Aber im Leben geben uns nicht die rationalen Argumente den Antrieb. Der Verstand dient dazu, sich Klarheit zu verschaffen, Irrtümer aufzuspüren. Aber eben er zeigt uns, dass die Motive, aus denen wir handeln, unserer inneren Struktur als Säugetiere, Jäger und soziale Wesen eingeschrieben sind: Der Verstand erhellt diese Verbindungen, bringt sie aber nicht hervor. Rationale Wesen sind wir nicht an erster Stelle, sondern können es, mehr oder weniger, vielleicht an zweiter werden. In erster Instanz treiben uns Lebenslust, Hunger, Liebesdurst und das Bedürfnis um, in der menschlichen Gesellschaft unseren Platz zu finden … Und ohne die erste gibt es die zweite Instanz erst gar nicht. Der Verstand richtet zwischen Instinkten, nutzt aber selbst die Instinkte als oberste Kriterien für seinen Richterspruch. Er gibt den Dingen und dem Durst Namen, ermöglicht es uns, Hindernisse zu vermeiden und Verborgenes zu sehen, versetzt uns in die Lage, unwirksame Strategien, irrige Überzeugungen und Vorurteile zu erkennen, die wir unzählig mit uns herumtragen. Er hat sich herausgebildet, um uns zur Einsicht zu verhelfen, dass die Spuren, die uns auf der Pirsch scheinbar zu den Antilopen leiten, in die Irre führen. Aber was er uns bringt, ist nicht das Nachdenken über das Leben, sondern letztlich Leben.


Was also bringt er uns wirklich? Schwer zu sagen. Vielleicht wissen wir es gar nicht. Wir erkennen in uns Antriebe, die wir dann mit Bezeichnungen versehen. Und wir haben viele. Von manchen meinen wir, dass wir sie mit zahlreichen Tierarten, von anderen, dass wir sie nur mit Menschen gemein haben. Und wieder andere nur mit kleineren Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen. Hunger und Durst, Neugierde, das Bedürfnis nach Gesellschaft, die Lust zu lieben, Verliebtheit, Streben nach Glück, das Bedürfnis, uns einen Platz in der Welt zu erobern, geschätzt, anerkannt, geliebt zu werden, Treue, Ehre, Gottesliebe, Gerechtigkeitsempfinden, Freiheit, Wissensdurst …


Woher kommt all dies? Daraus, wie und was wir sind. Produkte einer langen Selektion, bestehend aus chemischen, biologischen, sozialen und kulturellen Strukturen, die auf unterschiedlichen Ebenen lange Zeit miteinander in Wechselwirkung standen und diese ulkigen Prozesse hervorbrachten, die uns Menschen ausmachen. Von denen wir in der Reflexion über uns selbst, beim Blick in den Spiegel, nur wenig verstehen. Wir sind komplexer, als unsere geistigen Fähigkeiten fassen können. Die gewaltige Hypertrophie unserer Stirnlappen hat es uns ermöglicht, zum Mond zu reisen, Schwarze Löcher zu entdecken und uns als ganz entfernte Verwandte der Marienkäfer zu erkennen. Aber noch reicht sie nicht hin, damit wir uns selbst erkennen.


Die ureigene Bedeutung von ‹verstehen› ist uns noch nicht klar. Wir sehen die Welt, beschreiben sie und bringen sie in eine Ordnung. Wenig wissen wir von der vollständigen Beziehung zwischen dem, was wir von der Welt wahrnehmen, und von der Welt selbst. Dass unser Blick nicht sehr weit reicht, wissen wir sehr wohl. Vom weiten, von Objekten emittierten elektromagnetischen Spektrum sehen wird nur einen kleinen Ausschnitt. Die Atomstruktur der Materie wie auch die Krümmung des Raums bleibt unseren Augen verborgen. Wir sehen eine kohärente Welt, die wir aus unserer Wechselwirkung mit dem Universum extrahieren, organisiert in Begriffen, die unser jämmerlich schwaches Gehirn verarbeiten kann. Wir denken die Welt in Steinen, Bergen, Wolken und Personen: Das ist ‹die Welt für uns›. Von der Welt, die von uns unabhängig ist, wissen wir viel, ohne zu wissen, wie viel es ist.


Aber unser Denken ist nicht nur Opfer der eigenen Schwäche, sondern mehr noch der eigenen Grammatik. Wenige Jahrhunderte genügen, damit sich die Welt verändert: Einst von Dämonen, Engeln und Hexen bevölkert, füllt sie sich jetzt mit Atomen und elektromagnetischen Wellen. Wenige Gramm Pilze genügen, damit sich vor unseren Augen die gesamte Realität auflöst und auf verblüffende Weise neuorganisiert. Man muss sich nur wenige Wochen lang bemüht haben, zu einer Freundin durchzudringen, die einen schizophrenen Schub erlitten hat, um zu erkennen, dass der Wahn eine Theatermaschinerie ist, welche die Welt auf ganz neue Weise strukturieren kann. Und nur schwer lassen sich Argumente finden, um ihn von den kollektiven Wahnvorstellungen zu unterscheiden, auf denen unser soziales und spirituelles Leben sowie unser Weltverständnis beruht – abgesehen wohl von der Einsamkeit und Verletzlichkeit dessen, der sich von der gemeinsamen Ordnung entfernt … Die Sicht von der Realität ist der kollektive Wahn, den wir organisiert haben. Er hat sich im Verlauf seiner Entwicklung als ausreichend effizient erwiesen, um uns immerhin bis an den gegenwärtigen Punkt zu führen. Von den vielen Instrumenten, die wir entdeckt haben, um ihn zu leiten und im Zaum zu halten, hat sich der Verstand als eines der besten erwiesen. Er ist eine kostbare Gabe.


Aber er ist eben ein Werkzeug, eine Zange, mit der sich ein Material bearbeiten lässt, das aus Feuer und Eis besteht: aus etwas, das wir als lebhafte und brennende Gefühle wahrnehmen. Sie sind unsere Substanz. Sie tragen uns, reißen uns mit sich. Und wir kleiden sie in schöne Worte. Sie treiben uns an. Und etwas von ihnen entzieht sich stets unseren Ordnung stiftenden Reden, weil wir wissen, dass im Grund jeder Versuch, Ordnung zu schaffen, immer etwas außen vor lässt.


Mir scheint, dass das Leben, dieses kurze Dasein, nur dies ist: das ständige Rufen dieser Emotionen, das uns mit sich reißt, das wir zuweilen in einen Namen für Gott zu kleiden versuchen, in eine politische Überzeugung, in einen Ritus, der uns die Sicherheit gibt, dass alles am Ende in Ordnung ist, eine große gewaltige Liebe. Und der Ruf ist schön. Zuweilen äußert er sich als Schmerz, zuweilen als Gesang.


Gesang ist, wie Augustinus bemerkte, das Bewusstsein von Zeit. Er ist die Zeit, ist wie der vedische Hymnus, der selbst das Erblühen von Zeit ist. Im Benedictus von Beethovens Missa Solemnis entfaltet sich der Gesang der Violine als reine Schönheit, reine Verzweiflung, reines Glück. Gespannt halten wir den Atem an, spüren auf geheimnisvolle Weise, dass hier die Quelle des Sinns, der Urquell der Zeit liegt.


Dann flaut der Gesang ab und verklingt. ‹Die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug [wird] an der Quelle zerschmettert […], das Rad [fällt] zerbrochen in die Grube […], der Staub [fällt] auf die Erde zurück […]›. Und so ist es auch gut. Wir dürfen die Augen schließen, ruhen. Dies alles erscheint mir süß und schön. Das ist die Zeit.

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