07.02.2017   von rowohlt

Provinz ist da, wo Landlust aufhört

Vergessene Gegenden am Rande der Wahrnehmung: Andrea Diener reist in die internationale Provinz

© Andrea Diener (alle Abb.)
© Andrea Diener (alle Abb.)

Menschen ziehen scharenweise in die Metropolen und fahren am Wochenende aufs «Land». Doch Provinz ist da, wo Landlust aufhört. Das Land ist Sehnsuchtsort, die Provinz nicht; das Land ist liebenswert altmodisch, die Provinz rückständig. Die Provinz ist nicht ironisch: die Provinz ist echt. Wer allerdings wie Andrea Diener viel in der Welt unterwegs ist, erkennt: Ein sehr großer Teil der Welt besteht aus Provinz, sei es in Burundi,  Japan, dem Westharz, Sibirien oder dem Thüringer Wald – und die kann ausgesprochen reizvoll sein. Feinsinnig und mit hintergründigem Humor erzählt die Feuilletonredakteurin der F.A.Z. Geschichten, die es sich zu hören lohnt.

«Deichmann, Subway, Yves Rocher: Das ist die Fresse der BRD!» (Rainald Grebe)


Wer bislang den Unterschied zwischen Land und Provinz noch nicht kannte, der weiß nach dem ersten Absatz von Andrea Dieners Reisebericht Bescheid. «Provinz, so die Arbeitshypothese dieses Buches, ist da, wo Landlust aufhört. Also ungefähr da, wo man sich das viele Grün nicht mehr mit kreativ bepflanzten Terrakottatöpfen heranholen muss, sondern langsam dazu übergeht, es sich mit Großgerät vom Leib zu halten. Dort, wo man froh ist, wenn jemand in die Nähe zieht, weil das Dorf dann nicht ausstirbt oder wenigstens nicht so schnell. Provinz ist vor allem auch dort, wo der Einflussbereich großer Metropolen nicht hinreicht. Der Stadtbewohner fährt hindurch und fragt sich: Was machen diese Leute hier? Wie leben die hier?»


Wie DIE hier leben, hat Andrea Diener auf zahlreichen Reisen quer durch die Welt erkundet. Denn Provinz gibt es überall; Provinz ist ein internationales Phänomen. 13 Berichte aus der internationalen Provinz – Westharz, Mekong, Slowenien, Burundi, Japan, Erzgebirge, Burg Piberstein («Mittelalter»), Brandenburg, Innere Mongolei, Schweiz, Thüringer Wald, Sibirien, Henan. Dort, in der östlichen Mitte der Volksrepublik China, kann Provinz auch mal etwas ganz anderes bedeuten: «Die Städte sahen alle gleich aus. Es waren typische chinesische Kleinstädte von ein, vielleicht zwei Millionen Einwohnern. Diese Einwohner wurden in bunten Hochhäusern gestapelt, die aussahen, als stammten sie aus den sechziger Jahren, aber eigentlich waren sie erst zwanzig Jahre alt. Ja, da Material, seufzte unser Guide.»


Entdecken Sie die wahre Provinz. Hier ein paar Stationen: international beginnen wir, in Henan, eine der bevölkerungsreichsten Gegenden in der  Volksrepublik China, um uns dann innerdeutsch einiges anzusehen, was gut und gerne Provinz genannt werden darf 

HENAN, China


«Wer durch China reist, muss sich von so mancher Vorstellung verabschieden. Von der Vorstellung, wie ein Naturpark auszusehen hat (naturnah) und auf welche Weise er bewundert werden will (still), von der Vorstellung, wie Baudenkmäler zu präsentieren sind (in historischem Kontext), und von der Vorstellung, ruhige Momente seien etwas grundsätzlich Erstrebenswertes. 


China hat vor allem zwei Eigenschaften: Es ist groß, und es ist voll. Alles ist monströs, aber komischerweise nie leer. Die Menschen ziehen in wuchtige, schwindelerregend hohe Trabantenstädte, die überall in erstaunlicher Geschwindigkeit dem Himmel entgegengebaut werden, sie leben dort auf nicht gerade viel Raum, sie kämpfen sich täglich durch einen Albtraum von Verkehr und können rätselhafterweise nicht einmal in ihrer Freizeit genug von ihren Mitmenschen bekommen, während wir langsam, aber sicher anfangen, uns gegenseitig mitzuteilen, dass das jetzt wirklich nichts Persönliches sei, aber heute Abend müssten wir mal allein, alle nicken erleichtert, und dann gehen die Hoteltüren hinter uns zu, und wir legen uns aufs Bett und vergewissern uns alle noch mal gründlich, wo genau wir eigentlich anfangen und wo aufhören, so lange, bis das Rauschen in den Ohren abklingt …»

DER WESTLICHE HARZ


«Der Harz ist schuld daran, dass in meiner Familie das Urlaubsmotto «Nie wieder Norden!» ausgerufen wurde und jahrzehntelang Gültigkeit behalten sollte. Besagte Familie mietete sich damals im Ettershaus in der ehrwürdigen Kurstadt Bad Harzburg ein. Das Ettershaus war ein Siemens-Mitarbeitererholungsheim und erwies sich als nur halb so schlimm, wie es klang, (…)


Meine Erinnerungen an diesen Aufenthalt sind diffus und bedürfen der Auffrischung. Ich befinde mich in einer Gemütslage irgendwo auf halbem Weg zwischen Masochismus und Neugier: Es kann doch nicht so schlimm gewesen sein. Oder? In bester gesundheitlicher Verfassung begebe ich mich knapp dreißig Jahre später im frühen Frühjahr wieder in den Harz. Und in dieser Zeit hat sich einiges verändert, unter anderem die politische Geographie. 


Mauerfallbedingt ist der Westharz nun kein Zonenrandgebiet mehr, und die damit verbundene Zonenrandförderung wurde eingestellt. Wenn nicht gleich hinterm Waldrand der Todesstreifen lauert, kann das einer Gegend eigentlich nur förderlich sein, sollte man denken. Allerdings fahren die wanderbegeisterten Harztouristen jetzt zu einem nicht geringen Teil geradewegs in den Ostharz durch, ins hübsch herausgeputzte Wernigerode zum Beispiel. Seitdem kränkelt der Tourismus im Westen, die Übernachtungszahlen sind auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Die Mauer hielt also nicht nur die DDR-Bürger in der DDR, sie zwang auch die Westdeutschen in den öden Westharz, den sie, seit sie die Wahl haben, nicht mehr unbedingt freiwillig besuchen. Der Westharz ist ein Wendeverlierer …»

SCHWARZENBERG, Erzgebirge


«Die aufregendste geschichtliche Epoche des Städtchens Schwarzenberg dauerte genau 42 Tage. Deutschland kapituliert, der Zweite Weltkrieg ist zu Ende, die Besatzungsmächte rücken ein, von Osten die Sowjets, von Westen die Amerikaner und irgendwo noch ein paar Franzosen und Briten, aber die sind gerade nicht so wichtig. Die alten Strukturen und Machtverhältnisse lösen sich auf, neue werden schnellstmöglich aufgebaut. 


Nur in einem kleinen Landkreis im Erzgebirge rund um Aue und die Kreisstadt Schwarzenberg rückt niemand ein. Das Gebiet bleibt unbesetzt, und bis heute weiß niemand, warum. Vielleicht, so eine Theorie, verwechselten die Besatzungsmächte auf ihren Landkarten die Flüsse, denn es gibt die östliche Freiberger Mulde und die westlicher gelegene Zwickauer Mulde. Vielleicht waren sie sich unsicher, ob die westliche oder östliche Grenze des Landkreises gemeint war. Vielleicht wollten sie einen neutralen Korridor schaffen, um dort Beute abzutransportieren oder versprengte Wehrmachtsgrüppchen einzukesseln. Oder man wurde sich nicht recht einig über das Gebiet, in dessen Boden unschätzbare Werte ruhten. All das sind nur Mutmaßungen, und sie laden zu weiteren Mutmaßungen ein …»

MITTELALTER, Burg Piberstein


«Geräuschvoll zerre ich meinen Rollkoffer die steinernen Stufen der Burgtreppe hoch und rumple über die Platten einer kleinen Galerie, der der Gestaltungswille der Renaissance ein paar wenig spektakuläre Fresken verpasst hat. Im Rittersaal wartet Tine auf mich, die in der Burgküche das Feuer hütet und mir mein Bett und die Holztruhe zeigt, die mir als Schrank dienen wird.
«Und wo ist die Dusche?», frage ich.
«Wir werden übermorgen mal den Zuber anheizen», sagt Tine.


Keine Dusche. Und kein warmes Wasser, keine Spülmaschine, kein Radio. Das Mobiltelefon hat nur dann Empfang, wenn der Wind günstig steht, und dient ansonsten mit seiner Kamera als Taschenspiegel. Immerhin gibt es eine Toilette, sogar mit Toilettenpapier, und meine Unterwäsche darf ich auch behalten. Allerdings finde ich eine Leihgewandung auf meinem Bett. Ich befürchte kratzige, unförmige Nesselsäcke, aber es ist ein leinenes Untergewand mit dunkelrotem Überkleid. Und ein weißes Häubchen, das ich mir sogleich über die Frisur stülpe.


Vor einer Stunde bin ich am Flughafen von Linz angekommen, jetzt bin ich im Mittelalter. Wir sind aus der Stadt herausgefahren, durch Kreisel und an Autohäusern und mittelständischen Bauunternehmen vorbei, dann wurde es dörflicher. Vieh graste auf Butterblumenweiden, und hinten am Horizont sah man die erste Alpenkette. Oben auf einem Hügel stand die Burg, wie es sich für eine ordentliche Verteidigungsanlage gehört. Und da stehe ich nun leicht unschlüssig, gewandet, mit Häubchen.


Die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten ist kein Phänomen der Gegenwart, bereits in den letzten Jahrhunderten begeisterten sich schwärmerische Zeitgenossen abwechselnd für Antike, Mittelalter und Renaissance, lobten edle Einfalt und stille Größe sowie die vermeintlich verlorengegangene Einfachheit vergangener Zeitalter, fanden sie konserviert bei «edlen Wilden», den Naturvölkern in entfernteren Winkeln abseits der westlichen Zivilisation. Einige wollten nur spielen, nämlich die, die es sich leisten konnten. Sie kleideten sich in Schäfergewänder oder bauten Burgen in ihre Landschaftsgärten, mittelalterlicher, als es sie im Mittelalter je gab. Andere stiegen konsequenter aus der Zivilisation aus und gingen in den Wald, sei er heimisch oder fern. Meine Gewandung und mein Häubchen und ich, wir stehen in großer Tradition. So sitze ich jetzt auf dem Bett und gewöhne mir die Gegenwart ab. Und frage mich, was es braucht, um ihr zu entkommen. Reicht eine Kulisse, eine Verkleidung? Reichen drei Tage? Löst es etwas in mir aus und, wenn ja, was?»

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