18.01.2017   von rowohlt

Praxis Dr. Evers. Was ist Ihr Problem?

Das Leben ist wunderbar – macht aber verdammt viel Arbeit! Ein Band mit neuen Geschichten von Horst Evers

©  Hans-Georg Gaul
© Hans-Georg Gaul

Wie können wir den mannigfaltigen Tücken des Daseins begegnen? Horst Evers macht den Alltagstest und erzählt Geschichten mitten aus dem Hier und Jetzt: Er verbessert fremde Sprachen derart, dass man sie versteht, ohne sie zu sprechen. Er entdeckt Sportarten wie «Ultimate Surfing», deren Ausübung man vor dem eigenen Körper geheim halten kann. Er schlägt der NSA vor, seine Überwachung von nun an selbst zu übernehmen, möchte aber von den eingesparten Kosten profitieren. Und er lässt sich online massieren … Was wir alle von Horst Evers lernen können: Man sollte das Leben preisen, wie ein Schweizer seine Heimatstadt Thun: «Thun ist schön, aber nichts Thun ist schöner.» So komisch war Alltag noch nie!

«BVG-mäßig Richtung Kreuzberg chillen»


Noch nie was von Nazi-Heidelbeeren gehört? Keine Ahnung, was Unterarm-Pilates für die Work-Life-Balance bringt? Warum die Nacktschleife als Geschenktipp nicht unumstritten ist? Und wieso man in der Paarkommunikation mit Begriffen wie «stalinistisch-feministischer Druckerpapierplanwirtschaftstotalitarismus» resp. «Verschussel-Faschist» eher sparsam hantieren sollte? Ein neugieriger Blick in die Welt des Horst Evers, in der durchaus auch einmal ein fein gereimter Zweizeiler dargeboten wird: «Zwei Dinge, die wir nie vermissten: / Diddl-Maus und Dschihadisten.»


Apropos heilige Krieger: Kann es sein, dass das Terror-Thema medial ziemlich falsch angepackt wird? Vielleicht sollten Horst Seehofer und seine CSU-Kohorten öfter mal in der Fußgängerzone von, sagen wir: Coesfeld aufkreuzen und nach der Obergrenze für Flüchtlinge fragen. Klar müsse es die geben, würde halb Coesfeld antworten. «Ein Meter neunzig. Ich finde, kein Flüchtling sollte größer als ein Meter neunzig sein.» 


Vielerlei Probleme und Tücken des Hier & Jetzt werden in Horst Evers' neuem Buch frontal angegangen, zum Beispiel in diesen Geschichten:

«Sie wissen, warum ick Ihnen angehalten habe?»


POLIZEIKONTROLLE. Am Kurfürstendamm in Berlin. Unser Held des Alltags überfährt bei Rot eine Fußgängerampel. Und wird prompt angehalten, von einer «erstaunlich schönen Polizistin». Als ausgewiesener Charmebolzen beginnt der Ertappte zu blödeln und zu schäkern. Die Bußgeldandrohung über 60 Euro pariert er mit der wahnsinnig lustigen Retourkutsche «Wie, ich krieg da sechzig Euro für?» Die ebenso schöne wie schön berlinernde Dame in Uniform retourniert auch nicht schlecht: «Und da kostet's ooch schon achtzisch Euro. Einverstanden?» Wäre der uneinsichtige Verkehrssünder mit 80 Euro doch bloß einverstanden gewesen! Als ihm endlich eine genialische Ausrede einfällt – bin unterwegs zu Nachbarin Oma Schwirrat, die einen akuten Allergieschock erlitten hat … –, wird's dann richtig teuer …


ES IST NICHT DAS, WONACH ES AUSSIEHT. Herr Evers steht an einem Mittwochnachmittag in der Lingerie-Abteilung eines großen Textilkaufhauses und fotografiert Mädchenunterhosen. Nein nein, es ist ganz und gar nicht das, wonach es aussieht, wenn «in diesem riesigen hippen Modekaufhaus inmitten Hunderter junger Mädchen ein einzelner mittelalter, untersetzter, kahlköpfiger Mann Mädchenunterhosen schwenkt». Aber ob das die herbeigeeilten Verkäuferinnen samt Käuferinnenpublikum überzeugt?


ALTERSVORSORGE. Des Autors Tochter benützt altersbedingt jede Menge webtauglicher Abkürzungen. «hdl» («hab dich lieb»), okay kennt jeder, «hlf», «cu» und «SzosG» vielleicht auch. Aber «SEF»? Steht für: «Sein-Essen-Fotografierer», die ultimative Schmähung. Was die Frage aufwirft, ob der prozessierfreudige Türkenautokrat Erdogan wohl böhmermannmäßig beleidigt gewesen wäre, wenn man ihn öffentlich einen «Sein-Essen-Fotografierer» genannt hätte. Damit nicht genug gegrübelt: «Wenn ich jetzt beispielsweise sagen würde: ‹Nicht einmal für zehn Millionen Euro wäre ich bereit, Sex mit Erdogan zu haben.› Dann ist das die Wahrheit. Wirklich. Total. Gut, bei zwölf Millionen käme ich natürlich ins Überlegen. Klar. Wer nicht? Aber zehn Millionen? No way.» Wie man's dreht und wendet, Essen oder Sex: Erdogan wäre vermutlich  IMMER beleidigt …

«Kein Netz ist das neue keine Ahnung»


ALS ICH EINMAL FAST TARZAN WAR. Eines der Glanzlichter des neuen Evers-Bandes! Hier nur kurz die Versuchsanordnung: Oma Schwirrat ist verreist. Der nette Herr Evers hat versprochen, ihren auf den schönen Berliner Namen Wowereit hörenden Kater täglich zu füttern und Omas eBay-Konto zu checken (wg. «Prince-Bootlegs aus Minneapolis», jaja!). Ein plötzlicher Windstoß fegt den Zettel mit Omas Passwörtern und Zugangsdaten in die hohe Linde vor dem Küchenfenster. Was tun? Kater Wowereit wird hinterhergeschmissen. Keine gute Idee. Was jetzt? Hinterherspringen wie Superman in den gut zehn Meter hohen Baum. Überhaupt keine gute Idee! Sie wollen wissen, wie die Sache ausgeht? Das glauben wir Ihnen gerne!


NAZI-HEIDELBEEREN. Das Leben stellt einen manchmal vor die absonderlichsten Aufgaben: Qual der Wahl! Als aufgeklärte Öko-Bürger dieses Landes kaufen wir selbstverständlich nur Produkte aus der Region, versteht sich. Was aber, wenn diese von dem Nazi-Biobauern in Brandenburg stammen, der sich einen Spaß daraus macht, Berliner Gutmenschen mit Slogans wie diesen zu quälen: «Obst und Gemüse aus der Region. Unbehandelt, dafür aber mit vielen braunen Stellen.» Die Sache ist nämlich die: Herr Evers soll einer Freundin Heidelbeeren mitbringen. Riesenproblem! «Nun frage ich daraufhin die Freundin: ‹So, mal angenommen, ich habe jetzt im Supermarkt nur die Wahl zwischen weitgereisten Übersee-Heidelbeeren und regionalen Nazi-Heidelbeeren. Was ist da besser?› Sagt sie: ‹Erdbeere. Und zwar möglichst ortsansässige, basisdemokratisch selbstverwaltete.›»


IQ-TARIER. Der eine so, die andere so. Früher zählte Essen zu den einfacheren Dingen des Alltags. Man aß, was auf den Tisch kam. Versuchen Sie heute mal, mit einer größeren Gruppe essen zu gehen! Zwei sind Vegetarier, zwei weitere strikte Veganer, drei lieben große Fleischportionen, einer ist Fruktarier. Und wenn Sie Pech haben, ist auch noch Micha dabei. «Micha ist seit kurzem IQ-Tarier. Das heißt, er isst nur noch dumme Tiere.» Wieder andere sind Gefühlsvegetarier und Rache-Vegetarier; die verspeisen nur Tiere, die sie nicht niedlich finden bzw. nur solche, die auch (an) Menschen fressen. Alles klar? 

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