17.01.2015   von rowohlt

Poet des amerikanischen Südens

William Faulkners Lieblingsbuch «Schall und Wahn» in der großartigen Neuübersetzung von Frank Heibert

«Der Südstaatler William Faulkner wurde geehrt, geachtet, ja geliebt und ein bisschen auch als Rätsel bestaunt», schreibt Paul Ingendaay im Nachwort zu Licht im August. «War er doch ein Exemplar aus der seltenen Gattung der totalen Schriftsteller, ein zwanghafter Schöpfer mit einem eigenen Königreich (2400 Quadratmeilen, 15611 Einwohner), das er Yoknapatawpha County nannte und nicht nur in siebzehn Büchern und zahlreichen Erzählungen verewigte, sondern auch mit allen Merkmalen einer wirklichen Gegend samt Häusern, Läden, Leuten, Viehweiden, Fuhrwerken und Straßenlaternen versah.»

Schall und Wahn

Über der Südstaatenfamilie Compson, den Nachfahren eines Bürgerkriegsgenerals, liegt ein Fluch. Der Vater trinkt sich zu Tode; die Mutter verstößt in falschem Familienstolz die Tochter Caddie, deren Kind «in Sünde gezeugt» wurde; Sohn Jason ist ein Ausbund an Grausamkeit und Verkommenheit; der geistig und körperlich zurückgebliebene Benji lebt in seiner ganz eigenen Welt; und Quentin, der dritte Sohn der Comptons, wird von der Vorstellung gequält, mit Caddie «Blutschande» getrieben zu haben.


Diese von Selbstsucht, Härte und Lieblosigkeit geprägte Familie ist dem Untergang geweiht. Schall und Wahn, spielt an drei aufeinander folgenden Tagen im April 1928 in Jefferson, der Kreisstadt des fiktiven Yoknapataphwa County. Dieser Roman des Literaturnobelpreisträgers von 1949 ist das, was man literarisch einen harten Brocken nennt. Der vagabundierende Umgang mit Raum und Zeit, die «wilden, aber streng funktionalen Perspektivwechsel» (Brigitte Kronauer), die verschlungenen Rückblenden und inneren Monologe, kurz: das Pulverisieren linearen Erzählens machen diesen amerikanischen Klassiker von 1929 so sperrig – und so faszinierend.

Welcome to Yoknapatawpha County!

Faulkner hat mit seiner archaisch-sinnlichen Bildsprache, mit der bibel- und mythengesättigten Wortmusik seiner Romane das moderne Erzählen geprägt. Es war Sherwood Anderson, der Faulkner dazu brachte, das Land seiner Kindheit, seines Lebens in Literatur zu verwandeln: «Alles, was Du kennst, ist der kleine Fleck da oben in Mississippi, wo Du herkommst.» Faulkner, 1897 in New Albany (Miss.) geboren, entstammte einer alten Pflanzerdynastie aus dem Süden. Bald nach seiner Geburt zog die Familie nach Oxford, Mississippi, eine kleine Universitätsstadt, die er praktisch sein ganzes Leben nicht verließ und wo er am 6.7.1962 auch starb.


Hier entstanden die wichtigsten Teile seiner große Südstaaten-Saga, neben Schall und Wahn u.a. Als ich im Sterben lag, Absalom, Absalom, Wilde Palmen, Der Strom und Licht im August. Faulkners literarischer Mikrokosmos: eine hymnische Beschwörung seines native land. DER SPIEGEL beschrieb 1956 in einem großen Porträt William Faulkner als «notorischen Whisky-Trinker und genialen Chronisten der Legende und Verdammnis des amerikanischen Südens; ein homerischer Provinzler, dem der Sezessionskrieg und sein Problem, die Sklavenbefreiung, noch heute als Bühne und Horizont der Welt gilt, als das zentrale und tragisch-gleichnishafte Ereignis der amerikanischen, wenn nicht der Weltgeschichte.»

«Notorischer Whisky-Trinker, homerischer Provinzler

Yoknapatawpha County mit seiner imaginären Topographie – das hat für viele einen ähnlich magischen Klang wie das Combray Prousts, wie Kafkas Prag und Joyces Dublin, Dieser Landschaft und ihren Menschen blieb Faulkner, der seinen wachsenden Ruhm (Pulitzerpreis, National Book Award, Literaturnobelpreis) mit einer «Mischung aus kauziger Verschlossenheit und Provokationslust» (Paul Ingendaay) nahm, ein Leben lang treu geblieben. In seinem Werk schwingen alle Probleme des verlorenen Südens mit: die Wunde des Bürgerkriegs zwischen Nord und Süd, Klassenkampf und Rassenkonflikte, die Bedrohung durch schwarze Männlichkeit, Ku-Klux-Klan und Prohibition, die archaische Schönheit des Landes, die überall lauernde Gewalt.


«Faulkner darf als eines der sieben stilistischen Weltwunder des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden,» hieß es in der Neuen Zürcher Zeitung emphatisch. Das Einzige, was einen wirklichen Schriftsteller etwas anhaben könne, sei der Tod – so sah das der Mann, der auch nach 38 Schreibjahren noch behauptete, kein Literat zu sein: «Ich bin Farmer.» Friedrich Dürrenmatt schrieb nach Faulkners Tod am 6. Juli 1962: «Für mich ist der größte Schriftsteller der Welt gestorben.»

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