27.03.2018   von rowohlt

«Philip Kerrs Stimme wird fehlen»

Geliebt für seine Krimis, Science-Fiction-Thriller und Kinderbücher: Der britische Bestsellerautor Philip Kerr ist tot

© ullstein bild – EFE/Alberto Estevez
© ullstein bild – EFE/Alberto Estevez

Der Spiegel nannte den in Edinburgh 1956 geborenen Philip Kerr einen «literarischen Streuner». Er war ungemein produktiv, seine literarische Kreativität beeindruckend. Kerrs Plots sind virtuos – und originell, ob es sich um historische Stoffe (wie «Newtons Schatten»), Kinderbücher (wie «Die Kinder des Dschinn» oder «Friedrich der große Detektiv»), Science-Fiction-Szenarien (wie «Das Wittgensteinprogramm» oder «Game over») oder Kriminalromane wie die Serie um Bernhard «Bernie» Gunther handelt.  
Am 23. März 2018 ist Philip Kerr im Alter von 62 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Frau, die Autorin Jane Thynne, und drei Kinder. «Philip Kerrs Stimme wird fehlen.» (Berliner Zeitung)


Anstatt nach dem Jura-Studium den Anwaltsberuf zu ergreifen, arbeitete Philip Kerr zunächst als Werbetexter. Mit Deutschland, vor allem mit Berlin kannte er sich bestens aus. Die deutsche Hauptstadt war ihm immer mehr als nur die Kulisse für seine grandiosen Bernie-Gunther-Krimis: «Berlin Noir» wurde zu seinem Markenzeichen.


Den Deutschen Krimipreis erhielt der gebürtige Schotte für seine futuristischen Thriller «Das Wittgenstein-Programm» und «Game over». Kerrs Kindern war es zu verdanken, dass ihr Vater auch für ein junges Publikum zu schreiben begann. Unter dem Quasi-Pseudonym P. B. Kerr erschienen zahlreiche Bände der Fantasy-Abenteuerreihe «Die Kinder des Dschinn» (Filmrechte: Steven Spielberg). In «Winterpferde» erzählt er die Geschichte des jüdischen Mädchens Kalinka, die sich 1941 in dem Naturreservat versteckt hält, in dem auch viele der seltenen Przewalski-Pferde zu Hause sind. Zuletzt erschien das wunderbare Kinderbuch «Friedrich der große Detektiv», eine Hommage an Erich Kästner und seinen Roman «Emil und die Detektive».

Bernie Gunther – Privatdetektiv in finsteren Zeiten


In die Geschichte der Kriminalliteratur eingegangen ist Philip Kerr mit seiner insgesamt 13-bändigen Reihe um den Privatdetektiv und ehemaligen Berliner Kriminaloberkommissar Bernhard «Bernie» Gunther. Der Spiegel: «Eine der herausragenden Reihen der zeitgenössischen Kriminalliteratur.» Neue Zürcher Zeitung: «Die Übertragung des hartgesottenen Krimis auf die Verhältnisse jener Epoche funktioniert nicht nur, sie erweist sich als ein ausgesprochener Glücksfall.» Ian Rankin: «Seine Bernie-Gunther-Romane sind außergewöhnlich, eine Mischung aus großartigem Geschichtenerzählen und brillanter Recherche mit einem glaubhaften (a)moralischen Helden.»


Im schnoddrigen Ton Chandlers Philip Marlowe und Hammetts Sam Spade in Sachen geschmeidiger Moral wesensverwandt, beackert Kerrs Protagonist in der Nazi-Metropole Berlin ein einträgliches, aber brandgefährliches Geschäftsfeld: die Suche nach Vermissten. Es sind die Jahre, in denen das Naziregime durch eine Mischung aus Massensuggestion, Populismus und Gewalt seine Machtbasis zementiert. Was ursprünglich als Trilogie gedacht war, mauserte sich über die Jahre zur Großserie. 


Bernie Gunther ist ein komplexer Charakter, ein gebrochener Held. Nazigegner (wenn auch nicht im Widerstand) und doch schuldig geworden im Krieg. Zynisch bis hart an die Grenze des Korrupten und doch ein kantiger Typ mit Mut und Moral. «Der Kellner hatte Hindenburgs Schnurrbart, Hitlers Augen und Adenauers Persönlichkeit. Es war, als bedienten einen fünfzig Jahre deutscher Geschichte» – solche scharfkantigen Sätze schüttelte Kerr in jedem Roman dutzendfach aus dem Ärmel. 


Hier die bisher auf Deutsch erschienenen 11 Bände der Reihe im Überblick – historisch chronologisch sortiert (und nicht nach Erscheinungsdaten):

Berlin 1934, Berlin 1936, Berlin 1938


DIE ADLON-VERSCHWÖRUNG. Der Leiter einer großen Baufirma liegt tot in einem Zimmer des Hotels Adlon, dort, wo Gunther inzwischen als Privatdetektiv arbeitet: Kurz darauf treibt die Leiche eines jüdischen Boxers im Landwehrkanal. Ob und wie beide Mordfälle miteinander zu tun  haben, ist ihm zunächst ein Rätsel. Schon bald aber ist Bernie einem Komplott auf der Spur, das in perfider Weise auf Berlin als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 1936 zielt: Die Nazis haben ein riesiges Netz aus Scheinfirmen errichtet, mit dem sie den gigantisch teuren Bau des Olympiastadions finanzieren wollen.  Zur gleichen Zeit artikuliert sich auf der anderen Seite des Atlantiks der politische Widerstand gegen die «Nazi-Olympiade» immer massiver. Eine der entschiedensten Gegnerinnen der Instrumentalisierung des weltgrößten Sportfestes durch den deutschen Faschismus ist die jüdisch-amerikanische Journalistin Noreen Charalambides. Kein Wunder, dass auch sie bald ins Fadenkreuz der Nazis gerät …
Für «Die Adlon-Verschwörung» gewann Philip Kerr den weltweit höchstdotierten Krimipreis der spanischen Mediengruppe RBA und den renommierten Ellis Peters Award.


FEUER IN BERLIN. Privatdetektiv Bernie Gunther bekommt von dem reichen Industriellen Six einen Auftrag. Seine Tochter und ihr Mann sind ermordet worden, und aus ihrem Safe sind wertvolle Juwelen verschwunden. Der Mörder hat das Haus in Brand gesteckt, um seine Spuren zu verwischen. Bei der Suche nach dem Mörder samt verschwundenen Edelsteinen hat Bernie Gunther einen schweren Stand. 1936, im Nazi-Deutschland, ist es eine verwegene Herausforderung, sich als Privatdetektiv seine Brötchen zu verdienen. Es ist einfach unmöglich, den Nazis und ihren Mordbanden bei den Ermittlungen nicht in die Quere zu kommen.


IM SOG DER DUNKLEN MÄCHTE. Als Bruno Stahlecker, sein Detektei-Kompagnon, erstochen wird, werden Bernie Gunthers Ermittlungen durch ein eigenartiges Angebot aus der Gestapo-Zentrale blockiert. «Kommen Sie zurück zur Kripo. Ich brauche Sie dort», teilt ihm Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei, persönlich im Prinz-Albert-Palais mit. Sich Heydrichs «Wunsch» zu widersetzen, würde ihn ins KZ oder Gefängnis bringen. Also kehrt Gunther als Kommissar an den Alexanderplatz zurück. Im heißen Sommer 1938 wird er in die Jagd auf einen Wahnsinnigen eingespannt, der in den Straßen Berlins hübsche junge Frauen ermordet. Aber das ist nichts im Vergleich zum Spätherbst jenes Jahres …

Böhmen und Mähren 1941, Zagreb 1942, Katyn 1943


BÖHMISCHES BLUT. September 1941: Reinhard Heydrich, Polizeigeneral und stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, lädt Bernie Gunther zu einem geselligen Wochenende in sein Landhaus bei Prag ein. Bernie bleibt keine Wahl, eine Absage an seinen Chef wäre gefährlich. Doch dann wird eine Leiche in einem von innen verschlossenen Zimmer gefunden. Bernie muss den Täter finden. Dabei darf er keine Zeit verlieren, denn ein Mann wie Heydrich kann einen ungelösten Mordfall nicht auf sich sitzenlassen …


OPERATION ZAGREB. Sommer 1942, auf Berlin lastet die Gluthitze. Bernie Gunther arbeitet wieder im Polizeipräsidium am Alex in Berlin. Im Windschatten des Krieges scheinen sich die Verbrecher sicherer denn je zu fühlen. Für Bernie heißt das: Er hat besonders viel zu tun. Ein Befehl von Nazi-Propagandaminister Goebbels zwingt ihn, alles stehen und liegen zu lassen, um in geheimer Mission nach Zagreb zu reisen. Er soll den Vater von Goebbels' Lieblingsschauspielerin Dalia Dresner finden – der Kriegsverbrecher Anton Djurkovic, Oberst der faschistischen kroatischen Ustascha, soll sich in der Gegend von Banja Luka versteckt halten. Doch dann verschwindet Dalia selbst aus Goebbels' Dunstkreis, und Bernie muss sie unbedingt wiederfinden. Denn der Propagandaminister – Spitzname: der «Bock von Babelsberg» – wird unberechenbar, wenn etwas nicht nach seinem Willen läuft ...


WOLFSHUNGER. Lang und bitterkalt ist der russische Winter 1943. Doch im März wittern die ausgehungerten Wölfe von Katyn etwas im angetauten Boden: Knochen. Menschliche Gebeine. Gerüchten zufolge ein Massengrab für polnische Offiziere – ermordet von Russen. Goebbels will das Kriegsverbrechen für seine Propaganda nutzen. Um Beweise für die angebliche Tat zu sammeln, schickt er Privatdetektiv Bernie Gunther nach Katyn. Bernie steht unter dem unbarmherzigen Druck, Goebbels zu geben, was er fordert. Doch was, wenn die Wahrheit eine ganz andere ist?

Berlin 1947, München 1949


ALTE FREUNDE – NEUE FEINDE. Im bitterkalten Winter 1947 stellen sich die Berliner auch auf einen politischen Winter ein. Konjunktur haben allein die Schwarzmarkthändler und Kriegsgewinnler. Als ihn ein russischer Oberst bittet, nach Wien zu reisen, um Gunthers Ex-Kripokollegen Emil Becker zu helfen, zögert er nur einen kurzen Moment: Becker wird verdächtigt, einen amerikanischen Nazijäger ermordet zu haben. In Wien, der europäischen Nachkriegszentrale für Spionage und Geschäftemacherei, vergeht Bernie Gunther buchstäblich Hören und Sehen. Wer ist Freund, wer Feind?


DAS JANUS-PROJEKT. Dass Bernie Gunther das Inferno des Zweiten Weltkriegs überlebte, war ein mittleres Wunder. Mit seiner zweiten Frau Kirsten übernimmt er das Hotel seines Schwiegervaters, ausgerechnet in Dachau. Vom ehemaligen KZ ist die marode Erbschaft nur durch den Würmkanal und eine Pappelallee getrennt. Als seine Frau unter zweifelhaften Umständen in einer psychiatrischen Anstalt stirbt, beendet Gunther sein tristes Dasein als Hotelier, um in München wieder als Privatdetektiv zu arbeiten. Der Auftrag einer schönen Fremden führt ihn auf die Spur eines gesuchten Nazi-Verbrechers … Das Ende ist spektakulär: Ins Fadenkreuz von alten Kameraden und neuen Herren geraten, besteigt Bernie Gunther an einem Frühlingstag des Jahres 1950 in Genua ein Schiff Richtung Argentinien, wohin sich nach Kriegsende viele Nazimörder wie Adolf Eichmann oder Otto Skorzeny flüchteten … 

Buenos Aires 1950, Kuba 1954, Französische Riviera 1956


DAS LETZTE EXPERIMENT. In dieser Geschichte tauchen – wie so häufig bei Kerr – reihenweise historische Personen, Ereignisse und Schauplätze auf. Unter anderem dabei: Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann, der meistgesuchte Mann Europas, Juan und Evita Perón, SS-Oberstgruppenführer Kurt Daluege oder Otto Skorzeny, der im September 1943 Diktator Mussolini im Rahmen eines waghalsigen Kommandounternehmens aus der Hand italienischer Partisanen befreit hatte. Der Fall, mit dem Bernie es in Buenos Aires zu tun hat, lehrt ihn das Gruseln – und erinnert ihn an Mordermittlungen, in die er 1932 involviert war. Damals waren zwei junge Mädchen bestialisch abgeschlachtet worden, eine in Berlin, die andere in München. Achtzehn Jahre später steht er in der Gerichtsmedizin von Buenos Aires vor der Leiche eines 15-jährigen Mädchens, der Deutsch-Argentinierin Grete Wohlauf. Ihr waren die Gebärmutter und die übrigen Fortpflanzungsorgane herausgeschnitten worden, genau wie den beiden Mädchen in Deutschland. Recherchen in der argentinischen Exil-Nazi-Szene sollen klären, ob die drei Mädchen demselben sadistischen Psychopathen zum Opfer fielen. Bei seinen Recherchen stößt er in der Wüste auf ein verlassenes Lager, das seine schlimmsten Befürchtungen weckt …


MISSION WALHALLA. Bernie Gunther hat es 1954 nach Kuba verschlagen. Mit Ruhe und Beschaulichkeit ist es aber nicht weit her. Mit seiner unnachahmlichen Berliner Sturheit hat er es auch hier geschafft, zwischen alle Fronten zu geraten. Bei einem Fluchtversuch wird er von der CIA festgesetzt und nach Guantánamo verschleppt: Er soll für die Amerikaner Stasi-Funktionär Erich Mielke fassen, sonst droht ihm die Exekution. Gleichzeitig verlangen die Franzosen seine Auslieferung. Sie wollen, dass er für sie einen Kriegsverbrecher identifiziert, den er als Kriegsgefangener in Russland kennengelernt haben soll.  Tief verstrickt im Geflecht nationaler Interessen, droht Gunther von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden …


KALTER FRIEDEN. Französische Riviera, 1956: Es ist einsam geworden um Bernie Gunther. Um sich vor seinen vielen Feinden zu verstecken, heuert er als Concierge in einem Grandhotel an der Côte d'Azur an. Als eine attraktive Engländerin ihn bittet, ihr Bridge beizubringen, erfüllt er ihren Wunsch nur zu gern. Aber die junge Frau verfolgt ihre eigenen Pläne: Sie will Zugang zu dem Schriftsteller W. Somerset Maugham bekommen, der ebenfalls an der Riviera lebt. Bernie erfährt, dass Maugham erpresst wird. Kurz vor der Übergabe des Lösegeldes wird Bernie von den Briten verhaftet und gerät zwischen die Fronten eines Friedens, der weit brüchiger ist, als sich die Alliierten den Anschein geben ...

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