25.06.2018   von rowohlt

«Perlt alles ab!»

«Marco Göllners Geschichten ziehen einen tief in das Labyrinth seiner herrlich komischen Phantasie.» (Olli Schulz)

©  Privat
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Ab ins Lippische, wo man Püfferken und Klappbutter isst, Spiele spielt wie «Hoher Blutdruck» und Sachen sagt wie «Wisste einen anne Labbe?» oder «Is ja alles innen Tödda»! Marco Göllner wuchs bei Oma Martha auf, einem echten Original der Generation Kittelschürze. In einem Haushalt, in dem sich alle auf eines verlassen konnten: Oma Martha war in der ganzen Gegend eine Autorität, sie hatte alles und jeden im Griff. An sie erinnern Göllners wunderbar lakonische, heitere Episoden aus jenen Jahren tief in der deutschen Provinz, als es hieß: «Das soll woh so sein!»
Im Interview präsentiert der Autor einen verwegenen Mix aus U & E-Antworten – und spendiert formal wie semantisch erstklassige Sätze wie «Krich mich ma´n Bolchen ausse Trecke!»

DAS INTERVIEW


Ihre Oma, mit vollem Namen Martha Emma Auguste Kaufmann, kurzzeitige Krüger, geborene Säger, ist seit anderthalb Jahrzehnten tot. Was hat Sie auf die Idee gebracht, ihr ein Erinnerungsbuch zu widmen?
U – Antwort:
Das Traurige an der ignoranten Welt da draußen ist, dass Ostwestfalen nicht für Humor bekannt ist. Und das Traurigste an der ignoranten Welt da draußen ist, dass sie uns Lipper für Ostwestfalen hält. Diesem traurigen Umstand musste beigekommen werden. Die Welt sollte endlich erfahren, dass der Humor in Lippe erfunden wurde. Genauer gesagt in Aspe. Noch genauer gesagt von Oma. Denn was rechts ist, muss rechts bleiben. Und was links, das links. Ich habe meine Bestimmung erkannt und sie ergriffen und die Fahne mit der Lippischen Rose auch (von Oma erfunden und genäht) – und halte sie hoch und stolz und reite hinaus. Denn nur wenn man weiß, wo man «wech» kommt, weiß man, wo man «wech» kommt!


E – Antwort:
Als ich anfing, ein paar der Geschichten zu Papier zu bringen, war Oma noch nicht lange tot, und ich selbst wurde Vater. Ich fand, all die Aussprüche, Redewendungen und Regionalismen sollten irgendwie festgehalten werden, um unser aller Erinnerung wach und frisch zu halten und nachfolgender Verwandtschaft einen ausdrücklichen Eindruck der Vorfahrin zu vermitteln. Meine Tochter heißt im Übrigen auch Martha …


Oma Martha kann man ja nicht mehr fragen, die würde zu dem Projekt ganz sicher «So 'n Quatsch!» sagen. Aber was sagt der Rest Ihrer Familie dazu, dass Sie mit ihr ein ganzes Buch füllen? «Perlt alles ab» – oder was?
U – Antwort:
Der unliebsame Teil der Familie weiß nix davon.  Und ich möchte, dass das so bleibt. Sollte also jemand bei Ihnen anrufen und sich nach sich selbst in einem Ihrer Bücher erkundigen, sagen Sie einfach, Sie wüssten von nix. Und meinen Namen hätten Sie noch nie gehört. Vielen Dank.


E – Antwort:
Dem engeren Teil der Familie (Mama und Papa z.B.) habe ich sogar angeboten, sie könnten es lesen, bevor es gedruckt wird, aber sie haben abgelehnt, denn sie wollten lieber das fertige Buch lesen, als meine lose Zettelsammlung. Das kann man für Vertrauen halten, ich halte es allerdings für Leichtsinn. Sollten sie also nun irgendwas einzuwenden haben, kann ich wenigstens behaupten: «Selbst schuld!»


Ihr Text enthält «(ganz sicher) Spuren von lippischer Grammatik». Würden Sie unseren Leser*innen drei, vier typisch-lippische Sätze spendieren – zum Einhören quasi, damit man als Auswärtiger beim Besuch in Aspe, Lockhausen oder Knetterheide nicht völlig aufgeschmissen ist?
U – und E- Antwort:
Wenn jemand zu Ihnen sagt: «Krich mich ma´n Bolchen ausse Trecke!» ist das ein Befehlssatz und sofort auszuführen. Sie sollen dann ein Bonbon aus der Schublade des nächstgelegenen Möbels herausholen. 
Sagt jemand zu Ihnen, Sie sollen mit dem «Rumdölmern» aufhören, müssen Sie sofort die gerade ausgeführte Handlung einstellen. Welche hochwahrscheinlich aus Langeweile oder Leichtsinn oder Übermut heraus begonnen wurde.
Sagt jemand zu Ihnen, er habe eine «chanze Bieke jestrullt», ist er sehr stolz auf seine Urinabgabe. Er meint damit, dass sein Wasserlassen ein langes war, mindestens so lang wie ein kleiner Bach.
Wenn Sie jemand fragt: «Haste Emmel inne Mäse?», hat dieser die Situation bereits erkannt, und Sie antworten einfach: «Ja.»


Man glaubt gar nicht, wo überall Menschen aus Bad Salzuflen herumkreuchen und -fleuchen, allein drei im Stockwerk unter uns. Dieser Ort, von dem ich früher nie hätte sagen können, wo genau er liegt,  existiert offenbar wirklich. Klar – was wäre der deutsche Gitarrenpop ohne die Hamburger Schule, also ohne Bad Salzuflen: ohne Bernd Begemann, Frank Spilker, Die Sterne, Jochen Distelmeyer, Bernadette La Hengst, kurz: «Bad Salzuflen weltweit – Die Geburt des Diskurspop aus dem Geist der Kurtaxe»? Wie lippisch verwurzelt fühlen Sie sich dank Oma Martha, Üttchen und all den anderen?
Wenn jemand behauptet, er hätte irgendwo «Wurzeln geschlagen», ist das absoluter Blödsinn. Er meint damit natürlich, dass er irgendwo seine Wurzeln «eingepflanzt» hat, aber «geschlagen» sagt ja eher aus, er habe sie abgetrennt. Egal, wie man es dreht und wendet, Wurzeln wachsen nur dort, wo der Samen einst auf und in fruchtbaren Boden fiel. Sie kriegen den Jungen oder das Mädchen aus Lippe, aber Lippe nie aus dem Jungen oder dem Mädchen. Mit einem Bein sind wir Lipper immer daheim. Selbst bei «appem Bein» und selbst wenn wir in Hamburg wohnen. Ich selbst habe auch schon hier und da gelebt, aber Heimat bleibt doch immer dort, wo ich diese sehr, sehr gute Erziehung erhalten habe.


Vom «Klangforscher» Frank Werner gibt es das Statement «Anzuecken war in Bad Salzuflen nicht schwer». Local Hero Bernd Begemann hat das so auf den Punkt gebracht: «Als junger Mensch in Bad Salzuflen war man umgeben von Siechen und Sterbenden. Und von degenerierten Arbeitern aus dem Ruhrgebiet, die viermal pro Jahr ne Kur verschrieben bekommen haben.» Wie haben Sie das Bad Salzuflen Ihrer Kindheit und Jugend erlebt – auch so krass? 
U- Antwort:
Als ich einmal mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fuhr, rammte mir ein älterer Mann seinen Spazierstock zwischen die Speichen. Ich stieg daraufhin über den Lenker hinweg ab (Koppsabolda in der Luft), und der Mann sagte, dass man das nicht darf, und ich hab dann auch gleich eingesehen, dass man das nicht darf, denn es konnte ja gefährlich enden, wie ich just in dem Moment selbst erfahren hatte, und hab es daraufhin einfach unterlassen. Das Miteinander konnte also ganz einfach sein, wenn man sich denn fügen tat. Dass unsichere und leichtsinnige Geister wie Frank und Bernd pubertärbedingt mal einen Ausfallschritt vollzogen, war sicherlich wichtig für ihre ganz eigene Entwicklung, zeugt jedoch nicht von raffinierter Schläue. Ich selbst schien übrigens äußerlich sehr angepasst … –
Ich glaube, was uns Salzufler alle vereint, ist das Kurkonzert. Damals hatte Bad Salzuflen noch ein eigenes Orchester. Und dessen Versuche beschallten aus der Open-Air-Konzert-Muschel heraus die ganze Stadt. Und da es ja bekanntlich nur zwei Arten von Musik gibt, nämlich «schöne Musig» und «Quatsch», beschlossen wir Kinder der Stadt, dass diesem «Quatsch» etwas entgegenzusetzen sei. Jeder auf seine Ton-Art, denn auch meine Anfänge finden sich ja in der Musik …


E – Antwort:
Vor der Wiedervereinigung hatte Bad Salzuflen im Schnitt die ältesten Einwohner Deutschlands. Viele hatten hier Kur gemacht, den Ort als «schön» empfunden und waren nach der Pensionierung hergezogen. Darunter viele Berliner und Ruhrpötter oder auch Ilse Werner. Meist also nettere ältere Damen, die das Geld ihres verstorbenen Mannes noch unter die Leute bringen wollten. Und Gespräche, aufgeschnappt in einschlägigen Cafés, drehten sich nur um gerade bewältigte Krankheiten und was man sich als nächstes vorgenommen hat. Insofern: ja, war krass in Bad Salzuflen. Aber ich war ja meist in Aspe.


Als erfahrener Hörspielregisseur und Tonproduzent haben Sie vermutlich schon an eine Hörspielfassung von Oma-Martha-Episoden gedacht. Das müsste doch zumindest im lippischen Kernland um Bad Salzuflen-Lemgo-Herford-Bielefeld ein absoluter Hit sein …
U – Antwort:
Traurig, wirklich traurig … Und ich dachte ernsthaft, Sie interessierten sich für Lippe. Aber dann bringen Sie Herford und Bielefeld mit in dieses Interview und bezeichnen diese wirklich miesen Städte auch noch als «lippisches Kernland» … traurig, wirklich traurig… Entweder sind Sie wirklich, wirklich beschämend (und abgrundtief!) schlecht in Erdkunde oder einer dieser Journalisten, die «mit der Zeit gehen wollen» und einfach unwahre Behauptungen als Tatsachen verkaufen. Wie dem auch sei: Meine wirklich schöne Erziehung, die ich von Oma erhalten habe, erlaubt es mir nicht, Sie so bekloppt sterben zu lassen: Lippe hört hinter Lockhausen auf! Einst war ganz Norddeutschland von Preußen besetzt. Ganz Norddeutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Lippern bevölkerter Landstrich hörte nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten … Als irgendwann in den fünfziger Jahren zwei kleine Franzosen per Anhalter durch Deutschland trampten und auch in Aspe Halt machten, nahm Oma sie für ein paar Tage auf und erzählte natürlich auch von unserer Geschichte, denn die Franzosen sollten ja was lernen. Die beiden hörten wohl auch ganz gebannt zu und machten sich sogar Notizen. Und dann fuhren sie irgendwann ganz glücklich nach Hause. Goscinny und Uderzo hießen die wohl, hat Oma gesagt …


E – Antwort:
Wenn man in dem Spartenmedium Hörspiel auch noch ein regional beschränktes Stück abliefert, kann man sich auch gleich ins Knie schießen. Das ist angenehmer und hält länger vor.

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