25.10.2014   von rowohlt

«Paranoia ist der Knoblauch in der Küche des Lebens»

«Ein grandioses Sinn-Verwirrspiel» (Georg Klein): halb digitaler Verschwörungsthriller, halb New Yorker Gesellschaftskomödie

Irgendwann in den sechziger Jahren ist er einfach von der Bildfläche verschwunden. Abgetaucht, undercover in eigener Sache unterwegs: Thomas Pynchon, der «berühmteste Abwesende der modernen Literatur» (FAZ). Seit Jahrzehnten ist man Pynchon auf der Spur – mehr aber auch nicht. Dafür ist sein literarisches Werk umso präsenter. Mit Romanen wie «V.», «Die Enden der Parabel», «Die Versteigerung von No. 49», «Vineland» und «Mason & Dixon» wurde er zu einem Kultautor der literarischen Moderne in den USA. Bleeding Edge gilt vielen als das herausragende Pynchon-Werk seit langem.

Stimmen zum Roman

Die Welt: «Der beste Pynchon-Roman seit langem. (…) Hier gibt er wieder den Shakespeare der Popkultur, schreibt ein ‹Was ihr wollt› in Manhattan-Mum-, Risikokapitalisten- oder Hackerlingo statt in Blankversen. Alles passt, die Welt hat den irrwitzigen Pynchon der frühen Jahre eingeholt.»
Süddeutsche Zeitung: «Pynchon erzählt zwei Romane gleichzeitig: einen finsteren Thriller und eine absurde New Yorker Komödie.»
Welt am Sonntag: «Ein irrer Krimi, in dem es von Fährten, Spuren, Indizien nur so wimmelt, und alle weisen irgendwie in dieselbe Richtung: auf jene zwei Passagiermaschinen, die am 11. September von religiösen Fanatikern in die Zwillingstürme von Manhattan gesteuert wurden.»
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Wer jetzt immer noch behauptet, Thomas Pynchon könne keine echten, liebens- und beschützenswerten Figuren entwerfen, der hat nicht alle Stecker in der Platine.»

New York, Frühjahr 2001 bis Frühjahr 2002

Um was es in Bleeding Edge geht? Eine Kurzfassung könnte so lauten: Frühjahr 2001, die Dotcom-Blase ist geplatzt, viele Existenzen, Firmen und Visionen sind ruiniert. Dennoch macht sich hier und dort vager Zukunftsoptimismus breit. Maxine Tarnow führt auf New Yorks Upper West Side eine kleine Betrugsermittlungsagentur mit dem zupackenden Namen «Tail 'Em and Nail 'Em» (Jag sie und erleg sie). Die staatliche Detektivlizenz ist ihr entzogen worden, ein Glück – umso freier kann sie bei ihren Jobs agieren. Auf eigene Faust ermitteln, die Damen-Beretta in der Handtasche, das ist ihr Ding. Nebenher kümmert sich Maxine als gute jüdische Mama um ihre beiden Jungs Otis und Ziggy, die an der Otto-Kugelblitz-Schule, einer «Klapsmühle mit Hausaufgaben», auf die Wechselfälle des Lebens vorbereitet werden.
Normalerweise schlägt sich Maxine mit kleinen Internetbetrügereien herum. Als aber ein Computernerd ihr von seltsamen Buchungen und Kontenbewegungen des Technologie-Start-up hashlingrz berichtet, ahnt sie, dass sie einer großen Sache auf der Spur ist. Nur: welcher? George Ice, der milliardenschwere Boss des Unternehmens, weiß, wie man Spuren legt und sofort wieder verwischt. Keine blöde Geschäftsidee eigentlich: riesige Serverfarmen dort hochziehen, wo das Problem der Kühlung nicht existiert – in der Arktis. Aber was steckt hinter den Geldbewegungen Richtung Nahost? Geldwäsche, Unterstützung arabischer Terroristen, Projekte der neuen Mafia, Geheimdienste aller Couleur – wer plant was, wer steckt mit wem unter welcher Decke?
Als Pynchon-Leser kennt man das Gefühl, am Nasenring durch die Manege der Möglichkeiten geführt zu werden, im Ungefähren herumzutappen. Kaum erscheint eine Sache halbwegs plausibel, da wird sie vom Autor wieder lustvoll zerbröselt. Die wirklich wichtigen Dinge lauern unter und jenseits der Oberflächen, wie Georg Klein in seiner Besprechung von Bleeding Edge im Philosophie Magazin erkennt: «Das eingangs gewährte Wirklichkeitsraster und mit ihm die beruhigenden Mittelwerte des Bescheidwissens und des Bescheidfühlens geraten nun zügig ins Schwimmen. Denn es gibt eine Welt hinter der Welt: ein stets gegenwärtiges Jenseits, das unser alltägliches Diesseits subversiv durchdringt und die gewohnten Großerklärungen im Handumdrehen als Lügen entlarven könnte, wenn es nicht zum Wesen dieses unheimlich intimen Paralleluniversums gehörte, immer aufs Neue ein feinmaschiges Netz aus Finten und Lügen über das Dasein der Menschen zu werfen.»

V. wie: Verschwunden. Verschanzt. Verschollen.

«Bleeding Edge», wörtlich «blutende Ecke», ist ein Fachbegriff für die Risiken einer neuen, unausgereiften und deshalb hochriskanten Technologie. Der Titel passt perfekt zu Pynchons Spiel mit «Realität» und «Identität». Seine Romane sind ihrer Zeit stets ein Stück voraus: «Man kann sie wohl zusammenhängend lesen als eine Chronik des Verschwindens und der Suche nach dessen Ursachen – in der Geschichte, in den Medien, im Verlust dessen, was man einst den amerikanischen Traum genannt hat.» (Markus Metz/Georg Seeßlen)
Pynchon-Romane sind Gespräche der USA mit sich selbst, gesampelt wie Musik aus Tausenden von Splittern: Wissenschaftschinesisch, Politphrasen, Werbesprüche, literarische Zitate, Modemarken, Songzeilen, Black-Metal-Gruppen, Jugendslang, Eiskremsorten, Figuren aus Filmen und TV-Soaps, Comic Strips. Computerspiele. Nie hat jemand derart obsessiv-vergnügt über Paranoia und Verschwörungen geschrieben. Geheimbünde, Dunkelmänner, Illuminaten. Das amerikanische Postwesen: unterwandert. Die Machthaber: gefährliche Verrückte. Die Protagonisten seiner Geschichten: desolate Alt-Hippies, Spinner, Sektierer aller Art, traumatisierte Kriegsüberlebende, Hacker, CIA-Desperados, Fußfetischisten. Willkommen im Pynchon-Kosmos!
Und Pynchon selbst? Seit die Journalistin Nancy Jo Sales ihren Artikel «Triff deinen Nachbarn Thomas Pynchon» 1996 im Magazin «New York» veröffentlichte, gilt der große Unbekannte offiziell als «enttarnt». Er lebt, so heißt es, seit den neunziger Jahren mit Frau (angeblich die Literaturagentin Melanie Jackson) und Sohn in Manhattan, in der «Yupper West Side». Lange graue Haare, weißer Schnurrbart, Brille, Jeans, das soll er sein: Sensation! Er kauft häufig in Bioläden ein, es gibt ein Stammcafé, eine Lieblingspizzeria: aha! Er hat CNN ein Interview gegeben: am Telefon! Ein, zwei verwackelte Fotos: interessant!
Das «edelste Wild der amerikanischen Gegenwartsliteratur ist erlegt», verkündete FOCUS damals verwegen. Darauf würden wir keinen Dollar verwetten.

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