02.05.2017   von rowohlt

Panther im Schnee

«Eine Geschichte voller Kraft, so zwingend wie ergreifend, leidenschaftlich und lange nachklingend» (The New York Times)

© iStockphoto.com
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Lula Ann ist ein so tiefschwarzes Baby, dass ihre Mutter Sweetness bei der Geburt fast zu Tode erschrickt und der Vater die junge Familie auf der Stelle verlässt, weil er nicht glauben kann, dass dieses Kind von ihm ist. Aus Angst vor rassistischen Angriffen erzieht Sweetness ihre Tochter zu Gehorsam und Unterwürfigkeit. Doch Lula Ann sträubt sich gegen die verordnete Angepasstheit. Sie ändert ihren Namen in Bride, kleidet sich in strahlendes Weiß, macht Karriere bei einer Kosmetikfirma, verliebt sich in einen eigenwilligen Mann und befreit sich auf ihre Weise von der Vergangenheit. «Gott, hilf dem Kind» – ein großer Roman der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison über Menschenwürde und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. «Hätte Amerika eine Nationalschriftstellerin, so wäre es Toni Morrison.» (The New York Times)

Stimmen zum Roman


Stern: «Wie Monet, der im hohen Alter seine Seerosen mit wenigen Strichen hinwarf – der Betrachter jedoch, das Gesamtwerk des Meisters im Kopf, steht trotzdem atemlos davor. Ähnlich ist es mit Toni Morrisons neuem Roman: hohe Erzählkunst.»
Der Spiegel: «Die Sprache ist schlanker und schneller, als man es von Morrison kennt, die emotionale Tiefe des Romans reicht an ihre großen Werke heran, an ‹Menschenkind› und ‹Paradies›.»
Süddeutsche Zeitung: «Wie das Leben selbst steckt dieses Buch voller Überraschungen, auf die niemand – auch kein Erzähler – dessen Protagonisten und Leser vorbereitet hätte.»
NZZ:  «Mit Bride setzt Toni Morrison ein weiteres markantes Porträt in ihre Jahrhunderte übergreifende Galerie afroamerikanischer Charaktere.»
NDR: «Warmherzig, sinnlich konkret, ohne Schnörkel erzählt.»
Berner Zeitung: «Ein kraftvolles Alterswerk über Rassismus und die Schutzlosigkeit von Kindern.»


«Romankunst, geprägt von visionärer Kraft und poetischer Prägnanz»


Als leitende Lektorin im Verlag Random House (1967–1983) kümmerte sich Toni Morrison – neben den Autobiografien von Angela Davis und Muhammad Ali – um die Förderung afroamerikanischer Literatur. In der Auseinandersetzung mit der Harlem Renaissance (1920–1933), Richard Wright und Ralph Ellison, James Baldwin, Zora Neale Hurston und den führenden Köpfe der Négritude-Bewegung, Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire, kristallisierte sich ihr eigener Ansatz immer schärfer heraus: die Frage nach den «verheerenden Folgen, welche die Negierung und Abwertung der eigenen Kultur und Geschichte auf das individuelle und kollektive Bewusstsein der kolonialisierten Menschen» hat.


«Nach all den Jahren des Bücherlesens in den Bibliotheken fiel mir auf: Es gibt hier kein Buch über mich. Wenn ich es also lesen wollte, musste ich es selbst schreiben.» Morrison war 39, als ihr erster Roman erschien: «Sehr blaue Augen» (1970). Aber erst nach dem Publikumserfolg von «Solomons Lied» (1977) habe sie sich eine «Schriftstellerin» genannt. «Menschenkind», ihr fünfter Roman, brachte ihr 1988 den Pulitzerpreis ein; 1993 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, für ihre «Romankunst, geprägt von visionärer Kraft und poetischer Prägnanz».


Vor drei Jahren traf Ijoma Mangold Morrison in New York; Anlass seines Besuchs war die Veröffentlichung des Romans «Heimkehr» auf Deutsch. Der Literaturredakteur der ZEIT war beeindruckt von der damals 83-Jährigen, von ihrer Klugheit, Klarheit und politischen Souveränität: «Toni Morrison war immer eine eindrucksvolle Person, bis zum Einschüchternden. Sie sah nicht einfach nur großartig aus, sie zeigte der Welt erstmals, wie intellektueller Glamour in Schwarz daherkommt. Ihr Selbstbewusstsein war groß und musste es wohl auch sein, denn für die Rolle der schwarzen Schriftstellerin gab es kein Vorbild. Sie schuf das Muster. Ihre Urteile waren klar, schneidend und unerbittlich – und sie ließ nie einen Zweifel daran, dass sie sich noch lange nicht in der Wirklichkeit der amerikanischen Gesellschaft eingerichtet, geschweige denn mit ihr ausgesöhnt hatte.»

Weil Hautfarbe nicht gleich Hautfarbe ist


Nun hat Toni Morrison, 1931 als Chloe Ardelia Wofford in der Stahlarbeiterstadt Lorain/Ohio geboren, ihren elften Roman vorgelegt. «Gott, hilf dem Kind» beginnt mit dem Schock einer Mutter bei der Geburt ihrer Tochter. Das Baby, das Sweetness zur Welt bringt, ist tiefschwarz, «sudanesisch schwarz», ein Wesen mit einer Haut wie Teer. «Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte.» Sweetness ging bisher meist als Weiße durch, umso tiefer ihre Bestürzung. Nichts sei für eine Schwarze in Amerika wichtiger als eine halbwegs helle Haut: «Wie sonst kann man vermeiden, im Drugstore angespuckt und an der Bustür weggedrückt zu werden, oder im Rinnstein gehen zu müssen, damit die Weißen den ganzen Bürgersteig für sich haben, oder beim Einkauf für die Papiertüte zahlen zu müssen, die der Weiße umsonst kriegt? Ganz abgesehen von den Beschimpfungen.»


Vom ersten Augenblick an ist ihr das Baby peinlich, sie ekelt sich geradezu vor Lula Ann. Schreckliche Gedanken quälen sie, die hellbraune Mutter des nchtschwarzen Kindes, angesichts dieses «kleinen Negerleins». Für ihren Mann Louis ist Lula Ann eine Katastrophe, ein Schandfleck: «Gottverdammt! Was zum Teufel soll das sein?» Damit ist ihre Ehe kaputt, es ist der Anfang vom Ende. Louis behandelt sein Kind wie eine Fremde, «wie einen Feind» – und verlässt seine Familie. Nur ein Seitensprung seiner Frau, das ist für ihn klar, kann ihm dieses pechschwarze Etwas beschert haben. Dieser Romanauftakt ist eine Einführung in afroamerikanischen Selbsthass: eine Konfrontation mit der Illusion, Rassismus durch Assimilation zu beseitigen.


Anstatt ihr Kind auszusetzen oder wegzugeben, versucht Sweetness, das Kind in ein der weißen Umwelt genehmes Verhaltenskorsett zu zwängen. Halt den Mund, duck dich weg, mach keinen Ärger – das sind die Erziehungsimperative, mit denen sie ihr Kind vor den Zumutungen einer rassistischen Gesellschaft bewahren will. Aber dieses Zucht- und Züchtigungsprogramm scheitert; Lula Ann lehnt sich auf, geht ihren eigenen Weg – auch wenn sie alles Schreckliche, was sie als Kind erlebt hat, wie eine zweite Haut mit sich trägt. 


Sie macht Karriere in der Kosmetikbranche, wird Bezirkschefin des Modekonzerns mit eigener Produktlinie. Supergehalt, Eigentumswohnung, Jaguar-Limousine. Vor allem aber ändert sie ihren Namen. Aus Lula Ann Bridewell wird Bride, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, eine «black new woman» mit modernem, stylishem Image. Dass sich Bride wie eine Braut nur noch in strahlendem Weiß präsentiert, entspringt der Idee eines gewieften Imageberaters, der mit Marketingphrasen nur so um sich wirft: «Schwarz ist das neue Schwarz, du verstehst, was ich meine … Nur du, Mädchen. Nur Nacht und Eis. Ein Panther im Schnee.» Aber diese Verwandlung ist nicht von Dauer, auch nicht ihre Schönheit. Nach einem Gewaltexzess ist ihr schönes Bride-Gesicht dahin, die Rückverwandlung der 23-Jährigen in ein «verängstigtes kleines schwarzes Mädchen» beginnt. 


Vier Teile, kurze Kapitel, mehrere Erzählstimmen: Sweetness und ihre Tochter, Lula Anns Arbeitskollegin Brooklyn, die Lehrerin Sofia Huxley (die sie als Kind durch eine Falschaussage für 15 Jahre ins Gefängnis bringt), das weiße Mädchen Rain, dazu der verlorene Liebhaber Booker, mit dem Lula Ann eine selbstzerstörerische Beziehung führt  – und ein lastendes Kinderschicksal teilt.


Der  Roman entfaltet einen immensen Sog. Statt epischer Fülle und magischem Realismus ist «Gott, hilf dem Kind» ein novellenhaft geraffter Text, hart an der Wirklichkeit entlang geschrieben: dicht, knapp, konzentriert. Dass die Figuren in Toni Morrisons Spätwerk immer skizzenhafter werden, hat nach Ansicht des FAZ-Literaturkritikers Hubert Spiegel einen plausiblen Grund: «Einen Mangel an Empathie wird man ihr deshalb gewiss nicht vorwerfen wollen, eher schon mag eine Rolle spielen, dass die bald neunzigjährige Autorin in ihrem Leben viele literarische Figuren hat kommen und gehen sehen, während die Probleme, mit denen sie sich herumschlagen mussten, nahezu unverändert geblieben sind. Sie haben alle ihre Wurzeln in der amerikanischen Geschichte, in Sklaverei, Rassentrennung, Unterdrückung und Gewalt.»

«Dieser Hochstapler, der 77 Wörter in seinem Vokabular hat …»


In einem gutgelaunten Interview mit dem SZ Magazin fasst Toni Morrison den Inhalt ihres elften Romans übrigens so zusammen: «Diese junge Frau ist sehr, sehr schwarz und sehr, sehr schön. Ihr Liebhaber ist ein Klugscheißer. Beide sind sehr auf sich selbst fixiert, und sie kommen an einen Punkt, an dem sie sich um eine andere Person kümmern müssen. Diese Erfahrung holt sie heraus ihrer kleinen Muschel des ‹Ich, ich, ich.› Und so sind sie am Ende fähig, Respekt voreinander zu haben, sogar Zuneigung.» (Schöner Klappentext!): Apropos Zuneigung: Als Barack Obama Toni Morrison 2012 die Presidential Medal of Freedom verlieh, beugte er sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr «Ich liebe dich» ins Ohr. 


Das würde ein Donald Trump gewiss nicht tun, die Abneigung dürfte auf Gegenseitigkeit beruhen. Den gelbstichigen US-Präsidenten nennt sie «widerlich», «überheblich» und «empörend dumm»: «Dieser Hochstapler, der 77 Wörter in seinem Vokabular hat. Wir haben sie gezählt. Philip Roth hat sie gezählt. Sieben … und … siebzig … Wörter.»»


Autor: Werner Irro

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