12.07.2016   von rowohlt

«Oliver Sacks, der Literat unter den Medizinern»

Der Wissenschaftler mit dem «Röntgenblick für die Abgründe der Seele»

© Oliver Sacks
© Oliver Sacks

In einem großen Artikel im New Yorker vom Februar 2015 über inneres Gleichgewicht und «Ärger im Körper» teilte Oliver Sacks seinen Lesern mit, dass er nicht mehr lange leben werde: «Ich stehe im Angesicht des Sterbens.» Seine brillanten medizinischen Fallschilderungen (u.a. Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte oder Der Tag, an dem mein Bein fortging) haben den seit Jahrzehnten in den USA lebenden britischen Neurologen weltberühmt gemacht. In seiner Autobiografie On the Move sehen wir Oliver Sacks als einen Menschen mit vielen Facetten: als wissensdurstigen Arzt und Wissenschaftler, als Draufgänger in Motorradkluft, als Homosexuellen, den es aus der Enge Großbritanniens in die USA trieb. Als einen Mann, der ein Leben lang on the move war.


Mit seinen berühmten Fallgeschichten hat er eine faszinierende neue Art von medizinischer Prosa geschaffen, in der komplexe Krankheitsbilder auch Laien verständlich werden. «Dies ist Literatur, wie sie nur wenige, Freud vielleicht und C. G. Jung, schreiben konnten, und es ist zugleich sachliche Information.» (Die Zeit) 


Mit Oliver Sacks on the move – auf geht's!

Lederkluft und Arztkittel

Motorräder. Vor allem aber liebte ich Motorräder. Vor dem Krieg hatte mein Vater eins, eine Scott Flying Squirrel mit einem großen wassergekühlten Motor und einem brüllenden Auspuff. Ich wollte auch so ein mächtiges Motorrad besitzen. In meiner Phantasie verschmolzen die Bilder von Motorrädern und Flugzeugen und Pferden wie die von Bikern und Cowboys und Piloten, die ich mir bei der gefahrvollen, doch triumphierenden Beherrschung ihrer kraftstrotzenden Fortbewegungsmittel vorstellte. Meine knabenhafte Phantasie war gesättigt mit Western und Filmen über heroische Luftkämpfe, in denen Piloten ihr Leben in Hurrikans und Spitfires aufs Spiel setzen, aber von ihren dicken Fliegerjacken geschützt waren wie die Motorradfahrer von ihren Lederjacken und Helmen.


Homosexualität. Als meine Mutter 1951 von meiner Homosexualität erfuhr und zu mir sagte: «Ich wünschte, du wärest nie geboren worden», sprach daraus nicht weniger Schmerz als Anklage – obwohl ich mir nicht sicher bin, dass ich das damals schon begriff. Es war der Schmerz einer Mutter, die einen Sohn an die Schizophrenie verloren hatte und nun fürchtete, einen weiteren an die Homosexualität zu verlieren, an eine «Krankheit», die damals als Schande und Stigma galt, als eine Heimsuchung, die die Macht hatte, einen Menschen zu zeichnen und sein Leben zu ruinieren. Ich war ihr Lieblingssohn, als Kind war ich ihr «Knuddel» gewesen, ihr «Lämmchen», und jetzt war ich «einer von denen» – eine schreckliche Bürde, die sie zusätzlich zu Michaels Schizophrenie tragen musste.


Schwul in London. Im London der fünfziger Jahre war es nicht leicht, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen oder sie zu praktizieren. Wurde man entdeckt, konnte das zu hohen Geldstrafen, Gefängnis oder, wie in Alan Turings Fall, zu chemischer Kastration durch Zwangsverabreichung von Östrogen fuhren. (…) Zwar besuchte ich, so oft es ging, «offene» Städte wie Amsterdam, aber ich wagte es nicht, mir Sexualpartner in London zu suchen, zumal ich zu Hause wohnte und meine Eltern ein wachsames Auge auf mich hatten.

Geheime Reisen und spezielle Handicaps

Drogen. Während meiner zwei Jahre in San Francisco hatte ich ein harmloses Wochenend-Doppelleben geführt, indem ich meinen weißen Arztkittel gegen die Lederkluft getauscht hatte und mit dem Motorrad davongefahren war, doch jetzt trieb es mich zu einem dunkleren, gefährlicheren Doppelleben. Von Montag bis Freitag widmete ich mich meinen Patienten an der UCLA, aber an den Wochenenden setzte ich mich nicht auf mein Motorrad, sondern unternahm virtuelle Reisen – Drogentrips mit Hilfe von Cannabis, Prunkwindensamen oder LSD. Das waren geheime Reisen, niemand nahm an ihnen teil, niemand erfuhr von ihnen. 


Geschichten erzählen. Meine Mutter war eine geborene Geschichtenerzählerin. Sie erzählte ihren Kollegen, ihren Studenten, ihren Patienten, ihren Freunden medizinische Geschichten. Und auch uns – meinen Brüdern und mir – hat sie seit unserer frühsten Kindheit medizinische Geschichten erzählt, die manchmal schlimm und schrecklich waren, aber immer die persönlichen Vorzüge, den besonderen Wert und Mut des Patienten erkennen ließen. Auch mein Vater war ein großer medizinischer Geschichtenerzähler. Ihr Empfinden für die Wunder und Unwägbarkeiten des Lebens, diese Verbindung von klinischer und erzählerischer Sichtweise haben meine Eltern uns allen vererbt. Meinen eigenen Schreibimpuls – nicht Fiktion oder Gedichte zu schreiben, sondern zu berichten und zu beschreiben – scheine ich direkt von ihnen zu haben. 


Lebenslang schüchtern. In gewöhnlichen sozialen Situationen bin ich schüchtern. Ich kann nicht mühelos «plaudern». Ich habe Schwierigkeiten, andere Menschen zu erkennen (das geht mir schon mein ganzes Leben so, wenn es sich auch jetzt, da mein Sehvermögen beeinträchtigt ist, verschlimmert hat). Ich habe wenig Kenntnis von aktuellen Ereignissen und genauso wenig Interesse daran, gleich, ob politischer, sozialer oder sexueller Natur. Inzwischen kommt noch erschwerend hinzu, dass ich schwerhörig bin, eine höfliche Umschreibung für eine fortschreitende Taubheit. Angesichts all dieser Handicaps neige ich dazu, mich in eine Ecke zurückzuziehen, unsichtbar zu werden, zu hoffen, dass ich unbemerkt bleibe.

Robin & Billy

Robin Williams. Einige Tage später kam Robin mit mir zum Bronx State. Wir verbrachten einige Minuten auf einer sehr verstörenden geriatrischen Station, wo ein halbes Dutzend Patienten alle auf einmal durcheinanderschrien und bizarre Äußerungen von sich gaben. Als wir hinterher im Auto saßen, ließ Robin plötzlich ein unglaubliches Playback dieser Station vom Stapel, wobei er Stimme und Sprechstil jedes einzelnen Patienten mit unglaublicher Perfektion nachahmte. (…) Nach unserem ersten Treffen begann Robin, einige meiner Manierismen, meiner Körperhaltungen, meines Gangs und meiner Redeweise nachzuahmen – lauter Dinge, deren ich mir bis dahin nicht bewusst gewesen war. Ich war betroffen, mich in diesem lebenden Spiegel zu sehen, aber es gefiel mir, mit Robin zusammen zu sein, mit ihm herumzufahren, essen zu gehen, über seinen funkensprühenden, raschen Witz zu lachen und mich an seinem weiten Wissenshorizont zu erfreuen. 


Billy Hayes. Ich hatte gelegentlich das Gefühl gehabt, etwas am Leben vorbeizuleben. Das veränderte sich, als Billy und ich uns verliebten. Mit zwanzig Jahren hatte ich mich in Richard Selig verliebt; mit siebenundzwanzig unglücklich in Mel; mit zweiunddreißig ambivalent in Karl; und jetzt war ich (Herr des Himmels!) in meinem siebenundsiebzigsten Lebensjahr. (…) Es war eine neue Erfahrung für mich, ruhig in den Armen eines anderen zu liegen, zu reden, Musik zu hören oder gemeinsam zu schweigen. (…) Wir fuhren ein friedliches Leben, das wir auf vielen Ebenen teilen – ein großes und unerwartetes Geschenk in meinem fortgeschrittenen Alter, nachdem ich mein ganzes Leben lang Distanz gewahrt hatte.»

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