10.01.2015   von rowohlt

Nicholson Baker weiß, wie's geht

Über dies und jenes, über alles und nichts: Perlen der Essayistik

Fünfzehn Jahre nach seinem ersten Essayband «U & I – Wie groß sind die Gedanken?» wendet sich Nicholson Baker in «So geht's» ein weiteres Mal speziellen Problemen der Welterklärung zu. Hier fliegen die Fetzen, und die Lachmuskeln werden gehörig strapaziert. 34 Perlen der Essayistik – Aufsätze, die Baker in den letzten 15 Jahren für The New Yorker und andere renommierte Zeitschriften schrieb. Ob es um die Kunst des Drachensteigenlassens, die Faszination brutaler Computerspiele oder venezianische Gondeln geht: Bakers unbändige Neugier richtet sich auf kleine und kleinste Dinge, um vor unseren erstaunten Augen aus ihnen etwas Unerwartetes, Faszinierendes zu zaubern.


Deutschlandradio, Lesart: «Die unscheinbaren Dinge des Alltags mit einer hyperpräzisen Beobachtungsgabe zu erfassen und dann beides – die Dinge wie den Prozess ihrer Wahrnehmung – bis in die feinsten Verästelungen zu schildern, das ist das Markenzeichen von Baker, diesem vielleicht eigensinnigsten und lässigsten Stilisten unter den amerikanischen Gegenwartsautoren.»

Ja, so geht's!

«Nicholson Baker erschafft aus den kleinen Dingen einen Regenbogen, und er heißt: die Welt.» (The New York Times Book Review) Zuletzt brillierte er mit dem surrealistisch-pornografischen «Haus der Löcher»; der Roman ist der Endpunkt seines mit «Vox» und «Die Fermate» begonnenen erotischen Dreiklangs. Den Spaß am verspielten Um-die-Ecke-Denken zeigt sich in Nicholson Bakers lässig-provokanten Romanen ebenso wie in seinen essayistischen Betrachtungen über Gott und die Welt.


Gruppiert sind die knapp drei Dutzend Essays nach fünf losen Kategorien: Leben – Lesen – Bibliotheken und Zeitungen – Technik – Krieg. Es geht um private Themen (etwa wie Baker seine spätere Frau im Studentenwohnheim kennenlernte), technische Themen (worin u.a. der Charme von Wikipedia liegt und weshalb Steve Jobs zu Recht als Ikone verehrt wird), politische Themen (weshalb es richtig ist, in einer an kriegerische Gewalt gewöhnten Welt Pazifist zu sein). Es geht auch um bizarre Erfahrungen wie den Versuch, sich in einen Menschen hineinzuversetzen, der das «Oxford English Dictionary» in einem Zug durchgelesen hat – und der als «Alphabetesser» jede Menge «untergegangener, missgebildeter, wunderschön unglücklicher Wörter» zu Tage gefördert hat.


Wir dokumentieren hier den mit Abstand kürzesten Text, verfasst 2007; in ihm geht es um eine segensreiche Erfindung für Menschen, die sich in einer aufdringlich lauten Umgebung auf ihre innere Stimme(n) konzentrieren möchten …

Mit Ohrstöpseln schreiben

«Vor ein paar Jahren kaufte ich mir bei earplugstore.com eine Industrie-Spenderbox mit 200 Paar Mack's Ohrstöpseln. Meistens kaufe ich sie aber im Drugstore. Seit kurzem bietet Mack's sie in Orange an, was weniger eklig ist als weiß.


Ich kann überall sitzen, an jedem lauten Ort, und arbeiten. Alles geht sieben Meter weiter weg, als es tatsächlich entfernt ist. Jene tschilpende, bellende, klingelnde Kassenlade, die die Welt darstellt, ist außer Reichweite und daher kostbarer.


Man braucht eine gute Abdichtung. Löst man den Daumen von einem hineingestopften Stöpsel, stößt das Trommelfell einen winzigen, stummen Schmerzensschrei aus, wie ein Wort auf Arabisch. Dann weiß man, dass man eine gute Abdichtung hat.»

Top