04.12.2017   von rowohlt

Neapel, eiskalt

Doppelmord im Vico Secondo Egiziaca – Ein neuer Fall für Inspektor Lojacono und die «Gauner von Pizzofalcone»

© iStockphoto.com
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In Süditalien herrschen Minustemperaturen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wer kann, verkriecht sich hinter dem Ofen. Inspektor Lojacono und seine Kollegen vom Kommissariat Pizzofalcone in Neapel aber müssen in die Eiseskälte hinaus – ganz in der Nähe ist ein Doppelmord geschehen.  Wer hat den jungen Biochemiker Biagio Varricchio und seine Schwester Grazia auf so grausame Weise ermordet? Verdächtige gibt es genug: der eifersüchtige Freund der Toten etwa, ein Möchtegern-Gitarrist aus der Provinz; und mehr noch der Vater, der gerade erst nach 16 Jahren Gefängnishaft wegen Totschlags freigekommen ist. Die Ermittler stehen unter enormem Druck. Wird der Fall nicht rasch aufgeklärt wird, droht dem Kommissariat von Pizzofalcone die Schließung – für Lojacono und seine Leute eine mittlere Katastrophe.

Wenn sich die Kälte in der Seele einnistet


Was Lojacono und Alex di Nardo, die als Erste am Tatort sind, in der Wohnung der Geschwister Varricchio sehen, erschüttert sie zutiefst. Biagio – zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Jahre – scheint von der Attacke seines Mörders überrascht worden zu sein. Seine jüngere Schwester Grazia, eine wahre Schönheit, muss sich aber mit all ihren Kräften gegen den Eindringling gewehrt haben. Beide stammen aus Roccapriora, einem Dorf in der kalabrischen Provinz Crotone, genau wie Domenico «Nick» Foti, Grazias Freund. Ein Typ mit Dreadlocks, der vom Durchbruch als Sänger und Gitarrist in Neapel träumt. Immer wieder hatte es lautstarke und handfeste Auseinandersetzungen zwischen ihm und Grazia gegeben. Aber deswegen ist er noch lange nicht der Mörder von Biagio und Grazia.


Verdächtiger als Nick erscheint den Ermittlern aber Cosimo, der Vater der beiden Opfer. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, in dem er wegen Totschlags sechzehn Jahre einsaß, hat er sich auf den Weg nach Neapel gemacht, um seine Tochter in die kalabrische Provinz, zurückzuholen; seinen karrierehungrigen Sohn, in Fachzeitschriften als einer de «jungen Wilden der Biotechnologie» gefeiert, hat er längst aufgegeben. Aber worin soll sein Motiv liegen? Und – wieso mussten beide sterben? Ob die mörderische Attacke auf die Geschwister damit zu tun hat, dass die verwirrend schöne und mit natürlicher Eleganz gesegnete Grazia begonnen hatte, für eine angesagte Modelagentur zu arbeiten?  


Der Doppelmord an den Varricchio-Geschwistern ist nicht der einzige Fall, der dem wilden Haufen vom Kommissariat Pizzofalcone unter den Nägeln brennt. Eine altgediente Lehrerin der Mittelschule Sergio Corazzini hat die Behörden mit ihrer Vermutung aufgeschreckt, ein 12-jähriges Mädchen werde mit großer Wahrscheinlichkeit von ihrem Vater sexuell missbraucht. In drei Klassenarbeiten von Martina Parise finden sich verräterische Sätze, die auf ein schwerwiegendes familiäres Problem hindeuten – Sätze wie «Er sieht doch, dass es mich anwidert, dass ich mich jedes Mal abwende, wenn er mir zu nahe kommt. Aber er macht es trotzdem …» In der Familie Parise tun sich Abgründe auf – und doch ist am Ende alles anders, als von den Ermittlern erwartet …

Lojacono und die «Gauner von Pizzofalcone»


«Frost in Neapel» ist der vierte Fall von Maurizio de Giovannis mitreißender, mit dem Premio Scerbanenco ausgezeichneter Krimireihe um Inspektor Lojacono. Mit einer Handvoll anderer Gescheiterter und Verstoßener wurde er in das zwischen Meer und Quartieri Spagnoli gelegene Kommissariat Pizzofalcone versetzt – jenes neapolitanische Skandal-Kommissariat, deren Beamte aus dem Polizeidienst entfernt worden waren, weil sie aktiv im Drogengeschäft mitgemischt hatten. Die Aufklärung einer Neapel in Atem haltenden Mordserie an mehreren Jugendlichen (siehe «Das Krokodil») hatte gezeigt, dass es der bunt zusammengewürfelten Truppe um Lojacono an manchem fehlen mochte, nicht aber an kriminalistischem Sachverstand. 



Und das sind sie, die «Gauner von Pizzofalcone», wie die Amtsnachfolger der Kokainbullen von Freund und Feind spöttisch genannt werden. Inspektor Giuseppe Lojacono hatte eine perfide Intrige beim Mobilen Einsatzkommando von Agrigent den Job gekostet: Ein gekaufter Kronzeuge behauptete, er habe die sizilianische Mafia mit internen Informationen versorgt. Statt unehrenhaft entlassen zu werden, versetzte man ihn nach Neapel. Seine Ehe mit Sonja zerbrach – zum Glück für sein Seelenheil entschied sich aber seine Tochter Marinella, zu ihm nach Neapel  zu kommen, Dorthin, wo sich gleich zwei Frauen nach dem Sizilianer verzehren: die sardische Staatsanwältin Laura Piras, «die schöne Unnahbare» – und die wunderbare Köchin Letizia, deren kleine Altstadttrattoria zu Lojaconos zweiter Heimat geworden ist.


Dann Ottavia Calabrese, das Computergenie des Kommissariats. Sie stürzt sich in die Arbeit, um ihrem «Familiengefängnis» zu entrinnen, in dem neben ihrem Mann Gaetano ihr schwerstbehinderter Junge auf sie wartet – Riccardo, der, eingeschlossen in seine eigene Welt, nur ein einziges Wort halbwegs verständlich aussprechen kann: «Mama». Nachts träumt Ottavia von ihrem (geschiedenen) Chef Luigi Palma, dessen erotischer Aura sie unrettbar verfallen ist. Giorgio Pisanelli, der Senior der Truppe, ist ein introvertiert Mensch, krebskrank (was außer seinem Freund, dem winzigen Franziskanerpater Bruder Leonardo, keiner weiß) und mit einem sehr speziellen Tick geschlagen: Nach dem Suizid seiner kranken Frau Carmen beschäftigt er sich in seiner Freizeit obsessiv mit Selbstmorden, von denen er glaubt, dass sie in Wahrheit Morde waren. (Wie recht er damit hat, erfahren wir im Verlauf dieser Geschichte …)


Polizeioberwachtmeisterin Alessandra («Alex») di Nardo, zum Pizzofalcone-Team mit dem zweifelhaften Ruf einer absoluten Waffennärrin gestoßen, steht eindeutig auf Frauen. Sie traut sich aber nicht, sich zu outen – als Tochter eines Generals tut man das nicht (zumindest nicht, bis eine Frau wie Rosaria Martone, Leiterin des Kriminaltechnischen Instituts, in Alex' Leben auftaucht). Marco Aragona ist ein draufgängerischer Typ mit Elvis-Tolle und ziemlich reaktionären Ansichten – und bildet doch, man weiß nicht wie, mit Lojacono ein funktionierendes Ermittlerteam. Auch wenn er oft wie ein Macho-Hanswurst auftritt, verfügt er über eine außergewöhnlich gute Intuition. Und schließlich Francesco Romano. Solange er nicht zum Opfer seiner unkontrollierbaren Wut wird, gilt er als kluger, durchsetzungsfähiger Polizist. Weil sich sein Jähzorn aber auch gegen seine Frau gerichtet hat, steht er nun vor den Trümmern seines Lebens und hat keine Ahnung, wie er sie neu zusammensetzen soll


So haben alle «Gauner von Pizzofalcone» ihr Päckchen zu tragen – und sind doch gemeinsam eine der schlagkräftigsten Einheiten der neapolitanischen Polizei. Was sich auch im Fall Varricchio bestätigen sollte …

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