14.06.2016   von rowohlt

Mord in der Tetris-Siedlung

«Viele Autoren haben Leser. Jan Weiler aber hat Fans, und das aus gutem Grund» (Denis Scheck)

© Emiliano Ponzi/2agenten
© Emiliano Ponzi/2agenten

Martin Kühn, 44, ist überfordert. Als Polizist und Familienvater, als Nachbar und Freund. Überfordert von Sohn Niko, der in arg schlechte, um nicht zu sagen: arg rechte Gesellschaft geraten ist. Von Tochter Alina, die mit absurd zäher Konsequenz zum Geburtstag ein Pony fordert. Überfordert vom Leben auf der Weberhöhe, einer Neubausiedlung nahe München, auf einem Gelände, das mal eine Munitionsfabrik war. Das Leben plätschert so dahin, was soll es auch sonst tun. Bis ein alter Mann erstochen gleich hinter Kühns Garten liegt. Und Hauptkommissar Kühn plötzlich sehr viel zu tun hat …

Stimmen zum Roman

Münchner Merkur: «Weilers Art zu schrieben ist einzigartig. Voller Biss, Humor, wortgewandt, fesselnd und manchmal abgründig. (…) Dieses Buch will man nicht mehr aus der Hand legen.»
FAZ: «Ein sehr aktueller Gesellschaftsroman.» 
Süddeutsche Zeitung: «Weiler hat einen starken Kommissar geschaffen, der ein Typ ist und die Stärke hat, einen Krimi zu Literatur werden zu lassen.»

Willkommen auf der Weberhöhe!


Nicht jede Siedlung hat eine solche Geschichte. Früher wurden in der Weber Zündhütchen- und Munitionsfabrik im Auftrag von Hitlers Wehrmacht Geschosse für Granatwerfer, Sturmgewehre und Karabiner hergestellt (und nicht nur das). Später wurde auf den Trümmern der Fabrik eine Musterstadt errichtet, eine Tetris-artig verschachtelte Wohnsiedlung für fast 15.000 Menschen. Mit Mehrgenerationenhäusern, Sonnenkollektoren, Radwegen, 1a-Mülltrennung. Aber noch ahnt keiner, dass hier buchstäblich auf Gift gebaut wurde. Hier also wohnen die Kühns, eine Durchschnittsfamilie mit Durchschnittseinkommen. 


Polizeihauptkommissar Kühn: 1,96 Meter groß, 25 Dienstjahre, Besoldungsgruppe A12, Stufe 6. Verheiratet, zwei Kinder. Das Geld reicht hinten und vorn nicht, Haus, Versicherungen, Bausparvertrag, Monatskarten, Internet, Autoreparatur, Mamas Altenheim und-und-und. «550 bleiben. Da haben wir noch nichts zu essen gekauft. das machen wir meistens von Susannes Geld. Von dem bisschen, was übrigbleibt, wenn sie die Pflege ihrer Eltern bezahlt hat. Und dann soll ich Schnippikäse mitbringen, von dem ich nicht mal weiß, was es ist.» Überhaupt rotiert Kühns Kopf vor lauter Alltagszeug. Gedankenschlieren, Gedankensalat, Gedankenflut.


Kühn hat schon viele Tote gesehen, das gehört zu seinem Beruf dazu. Der alte Mann, zu dessen Leiche Kühn an diesem Tag gerufen wird, firmiert im Amtsdeutsch unter «Tötungsdelikt zum Nachteil des Albert Kocholsky». Die Lösung des Falls fällt Kühn überraschend leicht, zu dilettantisch war das Vorgehen des Täters – aber welcher Idiot bringt seinen Großvater für 41 Euro und 65 Cent um? 

Man nennt es Alltag

Ganz andere Probleme lauern dagegen beim nächsten Toten. Der blöderweise nur ein paar Schritte weg von Kühns Gartentor im nassen Gras liegt. Erstochen, ein Blutbad. Männlich, Rentner, 83 Jahre alt, Hermann Otto Beissacker. Wer kann einen alten Mann so hassen, dass er ihn derart brutal quält: entführt, fesselt, foltert?  31 Schnitte, dann ein tödlicher Stich.


Jetzt hat Kühn wirklich zu tun, und zwar viel mehr, als ihm lieb ist. Zwei Tote, dazu ein verschwundenes Mädchen aus der Siedlung, Emily, eine Klassenkameradin von Kühns Tochter Alina. Außerdem geht ihm die ausnehmend hübsche rothaarige Nachbarin (Nickname: Lilith) nicht aus dem Kopf. Und dass die Frau des Proktologen die Biege gemacht, aus ziemlich gutem Grund. Und Alinas Pony.  Und Blumenerde und Schnippikäse für Susanne. Und Nachbar Dirk Neubauer, mit dem er sich beim Feierabendbierchen so gern über dies und das unterhält. Und der Kiosk des Griechen, der in Flammenaufgeht. Und Sohn Niko, der sich in der ausländerfeindlichen Bürgerwehr – «Unsere Heimat, unser Stolz» – herumtreibt. Und die merkwürdigen, übel riechenden Flecke in den Kellern der Weberhöhensiedlung. Und …


Genau das ist nämlich Kühns Problem: Ständig gehen ihm tausend Dinge gleichzeitig durch den Kopf. Aber die Sache mit dem armen alten Beissacker, die muss endlich geklärt werden. Und sie wird geklärt werden. Auch wenn Martin Kühn davon stärker betroffen sein wird, als er sich je hätte vorstellen können.

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