02.01.2016   von rowohlt

Model, Schauspielerin, John-Huston-Tochter

«Leuchtend, liebevoll, genau so, wie Memoiren sein sollten» – die Autobiografie von Anjelica Huston

© privat
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Als Tochter eines berühmten Filmregisseurs und einer Balletttänzerin ist man vermutlich prädestiniert für ein Leben im Scheinwerferlicht. Auf Anjelica Huston jedenfalls trifft das zu – auch wenn sie erst in Umwegen zu ihrer Berufung fand. Mit siebzehn stand sie das erste Mal vor einer Kamera; der Durchbruch auf der großen Leinwand gelang ihr aber erst durch das Mitwirken in zwei großartigen Spätfilmen ihres Vaters John Huston: In der schwarzen Mafia-Satire «Die Ehre der Prizzis» (sie gewann 1985 einen Oscar als beste Nebendarstellerin) und der James-Joyce-Adaption «The Dead – Die Toten». 

Berühmtheit schützt nicht vor Einsamkeit

Anjelica Hustons opulente Autobiografie ist ein Schaulaufen großer und größter Namen. Robert Capa, Carson McCullers, John Steinbeck, Peter O'Toole, Marlon Brando, Montgomery Clift, Richard Avedon, Jack Nicholson, Mick Jagger, Marianne Faithfull, Woody Allen, Michael Douglas, Art Garfunkel, Sofia Coppola, Michael Jackson …


«Das Mädchen im Spiegel» («Eine Elegie auf eine verschwundene Welt», The New York Times) erzählt auch vom Drama, als Kind eines Mannes aufzuwachsen, der rücksichtslos und liebevoll, egoistisch und fürsorglich zugleich war. Und dessen übergroßer Schatten lange über dem Leben und der Karriere der 1951 geborenen Anjelica Huston lag. 


Ihr Auftritt 1969 in «A Walk With Love And Death» («Eine Reise mit der Liebe und dem Tod») erhielt einige spektakulär negative Kritiken. Der Filmkritiker John Simon schäumte: «Der Film zeigt eine vollkommen ausdruckslose, außerordentlich stümperhafte Darstellung von Hustons Tochter Anjelica, die das Gesicht eines erschöpften Gnus, eine Stimme wie eine ausgeleierte Tennisschlägerbespannung und eine Figur ohne erkennbare Formen hat.» Geschadet hat dieser vehemente Verriss ihrer Karriere nicht; bis heute hat Anjelica Huston in mehr als 70 Filmen, Serien und TV-Produktionen mitgespielt.

Die Zeit mit Jack Nicholson

«Eine schwedische Freundin von Cici namens Brigitta, die Eigentümerin von Strip Thrills, einem Modegeschäft auf dem Sunset, erzählte Cici, sie gehe zu einer Party bei Jack Nicholson, und lud sie ein, sie zu begleiten. Cici fragte, ob sie ihre Stieftochter mitbringen dürfe, und Brigitta sagte, sicher doch, Jack habe Geburtstag und liebe hübsche Mädchen.


Ich lieh mir ein Abendkleid von Cici – schwarz, bodenlang, mit offenem Rücken … Brigitta und eine andere Schwedin holten uns ab, und zu viert fuhren wir in Brigittas Wagen zu Jacks Haus am Mulholland Drive, auf einem hohen Bergkamm, der Beverly Hills vom San Fernando Valley trennte. Es fühlte sich an, als wären wir auf dem Dach der Welt.


Die Tür eines zweistöckigen Hauses öffnete sich, und da war dieses Lächeln. Später, als er ein Superstar war und das Titelblatt des Time-Magazins zierte, sollte Diana Vreeland es ‹Das Killerlächeln› taufen. Aber damals dachte ich: ‹Ah! Ja. Das ist mal ein Mann, in den ich mich verlieben könnte.›


1969, als ich noch in London lebte, hatte ich mir mit ein paar Freunden Easy Rider in einem Kino am Picadilly Circus angesehen und war ein paar Tage später allein noch einmal in den Film gegangen. Es war Jacks Mischung aus Ungezwungenheit und Ausgelassenheit, die mich vom ersten Moment an gefesselt hatte. Ich glaube, ich habe mich wahrscheinlich – wie viele andere – bei diesem Film zum ersten Mal in Jack verliebt.


Das zweite Mal war jedenfalls, als er an jenem frühen Abend im April die Tür zu seinem Haus öffnete, während die Sonne noch golden am Himmel hing. ‹Schönen guten Abend, die Damen›, begrüßte er uns strahlend und fügte in einem aufgesetzten schleppenden Tonfall hinzu: ‹Ich bin Jack, und ich freue mich, dass ihr kommen konntet.› Er bedeutete uns einzutreten. Das Wohnzimmer hatte eine niedrige Decke, war von Kerzen erleuchtet und voller fremder Menschen. Es gab griechisches Essen, und es lief Musik. Ich tanzte stundenlang mit Jack. Und als er mich bat, bei ihm zu übernachten, fragte ich Cici, was sie davon hielt. ‹Machst du Witze?›, fragte sie mich. ‹Keine Frage!›


Am Morgen, als ich aufwachte und mir das Abendkleid wieder anzog, war Jack schon unten. Jemand, den ich später als den Drehbuchautor Robert Towne kennenlernen sollte, spazierte durch die Haustür und musterte mich eingehend, als ich oben auf dem Treppenabsatz stand. Dann tauchte Jack auf und sagte: ‹Ich ruf dir ein Taxi, wenn das okay ist. Ich muss jetzt zum Baseball.›»

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