21.10.2016   von rowohlt

Messeimpressionen: Frankfurt, Tag 3

Willkommen bei der Frankfurter Buchmesse, willkommen bei Rowohlt (Halle 3.1 E 65)!

© iStockphoto.com
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Vom 19. bis 23. Oktober hat die Frankfurter Buchmesse wieder ihre Tore geöffnet; Ehrengast in diesem Jahr sind Flandern und die Niederlande. Mehrere hunderttausend Besucher, 7.100 Aussteller aus über 100 Ländern, rund  4.000 Veranstaltungen, fast 1.000 akkreditierte Journalisten und Blogger – imposante Zahlen für das Branchenereignis des Jahres. Wieder einmal gilt: Frankfurt ist mehr als Goethe, Römer, Städel, Schirn, Eintracht und Ebbelwoi – in diesen Tagen ist die Mainmetropole the place to be für Büchermenschen aus aller Welt. 

Roll over Hirschhausen!

Wie Sie wissen, informieren wir in unseren Messeimpressionen aus Leipzig und Frankfurt gern auch über Innovationen im Bereich Buchwerbung. Eine der effizientesten, weil auffälligsten Werbeformen ist das sog. Groundposter. Kaum am Frankfurter Hauptbahnhof eingetroffen, begegnet den Messebesuchern gleich das erste Wunder. Kein blaues Wunder, sondern ein gelbes. Darauf zu sehen: Eckart von Hirschhausens kluges, witziges und extrem nützliches neues Buch, in aufmerksamkeitsstarkes Gelb gebettet. Tausende Rollkoffer werden in diesen Tagen über «Wunder wirken Wunder» gezogen, die Botschaft wird ankommen.  Wenn nicht, wäre es ein … Sie wissen schon.
Natürlich kann man über dieses Hirschhausen-Roll-over nicht schreiben, ohne dieser Tage dem großen Chuck Berry einen  Geburtstagsgruß zu schicken. Vor drei Tagen feierte der amerikanische Sänger, Gitarrist, Komponist und Erfinder des Duckwalks* seinen 90. Geburtstag. Nicht nur wegen Klassikern wie «Roll over Beethoven», «Johnny B. Goode» oder «Sweet Little Sixteen» gehört Chuck Berry verdientermaßen zur Rock and Roll Hall of Fame. All the best, Mr. Berry!


* Duckwalk: laut Wikipedia ein «tänzerisches Show-Element bei Live-Auftritten von Gitarristen»; kreiert von Chuck Berry, imitiert vom AC/DC-Gitarristen Angus Young.


It's so cruel!

Marmor, Stein und Eisen mögen ja brechen, aber dieser Eyecatcher von einem Buchobjekt sieht schon wahnsinnig stabil aus. Ob er allerdings den Entfesselungskünsten eines Magiers wie  Harry Houdini gewachsen gewesen wäre, darf bezweifelt werden. Der 1874 als Ehrich Weisz in Budapest geborene Zauberkünstler befreite sich aus martialisch vernagelten Kisten, knackte vielfach gesicherte Schlösser, entkam – in der Luft hängend! – Zwangsjacken und ging durch Wände. Finger weg, Harry! Das Ding bleibt schön in Frankfurt, zumindest bis der letzte Messebesucher am Sonntagabend aus der Halle ist!
Sie interessiert, was da eigentlich so exzentrisch gesichert am Rowohlt-Stand steht? Es ist einer der Sorte Thriller, der einen um den Schlaf bringen kann: «Cruelty», geschrieben von Scott Bergstrom, lange Jahre Texter und Creative Director einer der wichtigsten Werbeagenturen in New York. Im Mittelpunkt der dramatischen Story steht die 17-jährige Gwendolyn Bloom, die sich auf eigene Faust auf die Suche nach ihrem verschwundenen Vater macht. Ihre einzige Spur: der Name eines palästinensischen Informanten in Paris. Gwendolyns gefährliche Reise führt sie in die brutale Welt der Waffenschieber, Drogendealer und Menschenhändler. Pures Adrenalin! Blöderweise hat sie niemanden wie Harry Houdini an ihrer Seite, der sich noch aus jeder misslichen Lage befreit hätte ... 


Petra Hartlieb bei NDR Kultur

Wie viele Buchmessen sie wohl schon erlebt hat, in Leipzig, Frankfurt und anderswo? Petra Hartlieb ist durch und durch ein Buchprofi, wie es, pardon: im Buche steht. Der Auftritt bei NDR Kultur (gemeinsam mit ihren Schriftsteller-Kollegen Thomas Lang und Patricia Duncker) ist nur eine von vielen Stationen, die die Wiener Buchhändlerin und Autorin in Frankfurt zu absolvieren hat. Nach ihrem hinreißenden autobiografischen Text über die Gründung ihrer eigenen Buchhandlung Hartliebs und mehreren Kriminalromanen (zusammen mit Claus-Ulrich Bielefeld) hat sie mit «Ein Winter in Wien» eine wunderschöne historische Liebesgeschichte geschrieben. Erzählt wird die Geschichte der jungen Marie, die im Wien der 1920er Jahre im Hause des Arztes und Dichters Arthur Schnitzler eine Stelle als Kindermädchen antritt. Dass es auch hier (und nicht nur am Rande) um eine dieser wunderbaren Buchhandlungen im alten Cottage-Viertel geht – wen wundert's? 


Das Zing-Zing von Großvaters Sense

Was Sie hier sehen, ist kein Gebets- oder sonstiger Weiheraum. Es ist eine der großen, rotgepolsterten Sitzecken am Rowohlt-Stand in Halle 3.1. Dekoriert ist sie mit einem tollen Zing-Zing-Satz und 50 Exemplaren von Eugen Ruges neuem Roman «Follower» – einem Buch über die Zukunft, die für uns bereits begonnen hat. «Follower« nimmt uns mit ins Jahr 2055. Unter dem künstlichen Himmelsblau von HTUA-China wacht ein Mann desorientiert in einem Hotelzimmer auf. Nio Schulz ist unterwegs in Wú Chéng, um die neueste Geschäftsidee seiner Firma zu vermarkten: True Barefoot Running, ein erstaunlich anachronistisches Produkt in einer Welt, in der Big Data und technische Selbstoptimierung regieren. Eine Welt, in der es normal erscheint, wenn die UN in Australien H-Bomben gegen die Klimakatastrophe zündet und Paare über Leihmütterkosten verhandeln …
Um noch einmal zing-zing-technisch auf die Sitzecke zu sprechen zu kommen: Dass über ihr nicht das künstliche Himmelsblau von HTUA-China wacht, sondern das Bundesland Thüringen, finden wir absolut in Ordnung.


Wigald Boning in klassischem Buchmessen-Outfit

Was macht die TV-Unterhaltungsfachkraft Wigald Boning am liebsten in ihrer knapp bemessenen Freizeit? Nein, weder Briefmarken sammeln noch Chinchillas züchten. Sondern: Mara- und Triathlons bewältigen; im Eiltempo die Zugspitze erklimmen; 24-stündige Mountainbike-Sausen gnadenlos durchziehen; einmal durch die Alpen von Deutschland nach Italien wandern. Außerdem sammelt der Comedian, Moderator, Musiker und Autor Einkaufszettel (ja, Einkaufszettel!) – und er übernachtet wahnsinnig gern im Zeit. Nicht für eine Nacht oder für zwei Urlaubswochen, nein: 200 Tage am Stück. Und: nein, nicht im Frühling und Sommer, sondern im Herbst und im Winter. An Orten und Nicht-Orten (merke: «Unser Leben ist der Aufenthalt in einem kugelförmigen Wartesaal»).
Er hat mitten in Großstädten geschlafen und allein im Wald, manchmal auch in zugigen Ecken von Konzerthallen (im Zelt natürlich) oder im Anstoßkreis des Bremer Weserstadions. (Allein wegen diese guten Tat wird Werder Bremen auch nach dieser Saison der Fußball-Bundesliga erhalten bleiben.) Über diese Grenzerfahrung hat Wigald Boning ein großartiges Buch mit dem schön schlichten Titel «Im Zelt» geschrieben, das er in Frankfurt, in solide überdachten Räumlichkeiten (wie hier bei der ARD), einem glückselig lauschenden Publikum vorstellt. Und zwar, wie es sich bei Boning gehört, in ortsüblicher Kleidung in dezent gedeckten Farben.


Chinese Tea-time in Frankfurt

Diesen Schnappschuss verdanken wir unserer Lizenz-Kollegin Carolin Mungard. Entstanden ist er am Stand des chinesischen Verlages, der sich die Übersetzungsrechte an David Safiers Romanen «Mieses Karma» und «Mieses Karma hoch 2» gesichert hat. Das erleben Carolin und ihre Kolleginnen der Lizenzabteilung auch nicht alle Tage: eine Vertragsunterzeichnung, die man mit Fug und Recht eine «Unterzeichnungszeremonie» nennen kann, gefolgt von einer traditionellen Teezeremonie für die deutschen Gäste. Übrigens ein Tee, mit gaaanz viel Akkuratesse und Liebe zubereitet – und mit absolut tollem Karma. Wir verneigen uns!


Akos Doma bei arte

In seinem Roman «Der Weg der Wünsche» (nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreis 2016 ) erzählt Akos Doma, der selbst als Jugendlicher mit seiner Familie Ungarn verließ, die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht von Ost nach West: Für die Eltern Teréz und Károly ist das Leben im sozialistischen Ungarn unerträglich geworden. Niemand darf von ihren Fluchtplänen erfahren, schon gar nicht die Kinder Misi und Borbála, die einem Urlaub am Plattensee entgegenfiebern und auf einmal in Italien landen, in einem  desolaten Auffanglager. Eine krasse Situation, die keinen von ihnen unberührt lässt und die vor allem die Erwachsenen Teréz und Károly an ihre Grenzen führt: «Sie waren ihrem Ziel in den zwei Monaten ihrer Flucht keinen Millimeter näher gekommen, im Gegenteil, er hatte das Gefühl, nach zwanzig Jahren wieder im Ziegenstall von Pusztaföldvár angekommen zu sein.»


«Help, i need somebody / Help, not just anybody /Help, you know I need somebody …»

Beim ersten schnellen Blick denkt man unwillkürlich: ein Tatortfoto, klar! Von einem Menschen, den es (oder den man) aus den Schuhen gehauen hat. Es gibt diese Bilder, wir alle kennen sie. Sonntag, 20.15 Uhr, ARD, jahrein, jahraus. Wenn dann auch noch eine eigentümliche Kreidezeichnung ins Bild ragt, eine Umrisszeichnung des Opfers … Der zweite Blick ist dann schon genauer – und gelassener. Das Ganze erinnert eher an ein sorgfältig arrangiertes Stillleben. Edle schwarze High Heels, ein schickes Erste-Hilfe-Set, eine tapfere Tube Fußbalsam. Dieses Bild spricht zu uns. Wir ahnen, welche Geschichte es uns erzählen will: Puh, war das wieder anstrengend heute! Kilometer um Kilometer gelatscht. Viel geredet, wenig gegessen. All diese Menschen! All diese Bücher! Die Blitzlichtgewitter! Der dünne Kaffee, die lauwarme Cola. Mann, bin ich kaputt, total am Ende. Aber schön war's doch wieder …
Apropos: Wo ist eigentlich das Gläschen Sekt, das üblicherweise noch vom äußersten Bildrand grüßt?! 



Kein Buch. Aber ungemein nützlich.

Auch für Müllentsorgung der besonderen Art ist gesorgt. Mehr muss man nicht sagen: Deckel auf, Braun rein, Deckel zu.


«Abendstille überall …»? Och nö, lieber ein bisschen Afterwork-Entspannung!

Das sei all den hart arbeitenden Menschen in Frankfurt gegönnt: ein paar ruhige Stunden nach der Anstrengung. Buchmesse ist harte Arbeit, verdammt harte Arbeit. Acht Stunden stehen, hin und her rennen, Bücherlücken füllen, Kolleg*innen suchen (und am besten finden), wildfremde Menschen freundlich begrüßen (und andere wildfremde Menschen, je nach Anliegen, ebenso charmant abwimmeln). Abends, wenn die Buchmesse ihre Tore schließt, weiß man, was man getan hat. Jetzt lockt, neben anderem, das süße Nichtstun. «Das einzige Problem beim Nichtstun ist, dass man nie weiß, wann man fertig ist» – oh doch, lieber Herr Hirschhausen, das wissen unsere Messe-Emissäre ganz genau: Morgens um 9 Uhr geht's weiter. Und für mindestens neun Stunden heißt es dann: Nichtstun adé!


Frankfurt bei Nacht

Gern hätten wir aufregende, kribbelnde, prickelnde Episoden aus den Frankfurter Buchmessennächten in Umlauf gebracht. Von rauschenden Messepartys, Geheimtreffen an der Bar im Hessischen Hof, geheimnisvollen Taxifahrten nach Nirgendwo, erotischen Zufallsbegegnungen, interkulturellen Alkoholexzessen, halt das, weswegen auch intellektuellere Zeitgenossen gern mal die Bunte und die Gala durchblättern. Nichts, einfach nichts diesmal – nur wilde Spekulationen. Sind denn auf einmal alle stocksolide geworden? Hat jemand (wer?) eine Nachrichtensperre verhängt? Wir haken nach, spätestens im nächsten Jahr wissen wir mehr. Gute Nacht allerseits!


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