04.05.2016   von rowohlt

Message in a bottle

Ostsee ist Postsee: Oliver Lück auf der Suche nach Flaschenpostgeschichten

© iStockphoto.com
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Ohne Ziel, aber mit viel Zeit ist Oliver Lück am 26. Juni mit seinem VW-Bus Baujahr 1991 2008 kurz hinter der Grenze Lettlands unterwegs, als sein Blick auf einen mit Strandgut aller Art geschmückten Garten fällt. Hier wohnt Biruta Kerve in ihrer Holzkate. Lück bleibt vier Tage bei der gastfreundlichen alten Dame, die ihm auch ihre Sammlung von 40 Flaschenpostbriefen zeigt. Oliver Lück ist gerührt und fasziniert – und macht sich auf die Suche nach den Menschen hinter den Geschichten aus der Flasche. Seine Recherche nimmt ungeahnte Ausmaße an. Er findet und trifft viele Absender von Flaschenpostbotschaften: Schriftsteller und Leuchtturmwächter, Verliebte  und Kinder auf der Suche nach dem Weltfrieden, Flaschenpost-Amateure und Flaschenpost-Profis.


Wer Oliver Lücks Buch «Neues vom Nachbarn» kennt, weiß, welche Freude es ist, ihm auf seinen Reisen zu folgen. Damals ist er mit seiner Hündin Locke im geliebten VW-Bus durch halb Europa gefahren: 50.000 Kilometer, 600 Tage, 26 Länder. Herausgekommen ist ein wunderbares Buch – wer es gelesen hat, braucht Nachschub von Lück & Locke. Die «Flaschenpostgeschichten» sind hinreißendes Lesefutter. Für Leute mit einem Faible für die Ostsee – und für alle, die mit Sehnsucht im Herzen in die Welt hinaus gehen.

In den Wind geschrieben

Rund 300 Flaschenpostbriefe hat der bei Hamburg lebende Vater von drei Jungs für seine Buchrecherche gelesen. Wer denkt, die messages in a bottle seien sprichwörtlicher Kinderkram, der irrt: Rund die Hälfte der Objekte stammen von Erwachsenen. Gedichte, Liebeserklärungen, Sehnsuchtsminiaturen – und kleine, große Wünsche. Ein holländischer Junge schrieb: «Ich wünsche mir ‹Star Wars› und Weltfrieden.» Kristofer aus Malmö vertraute der Flasche seinen sehnlichsten Wunsch an, Schriftsteller zu werden. Er wurde es – Lück hat ihn 2015 getroffen, sechzehn Jahre später. 


Die meisten Flaschenpostbriefe erreichten gut lesbar ihr Ziel, einige dagegen waren arg ausgeblichen oder vom Meerwasser zersetzt. Wer sich nicht alles für die schwimmenden Botschaften begeistert! Flaschenpost-Redakteure wie der Kieler Peter Scharstein; Flaschenpost-Sammler wie Arne Nordström, der als letzter Fischer auf Ungskär lebt, einer entlegenen Insel im Schärengarten Südschwedens: ein Man von Bud-Spencer-hafter Statur, Schuhgröße 47 (aufwärts); der alte Leuchtturmwärter Mogens Christensen auf Bornholm, der seit 1971 mehr als 200 Flaschenposten gefunden hat und stets mit einer Postkarte antwortete. 


Dass die Lettin Biruta (Bild oben) sich für Flaschenpost zu interessieren begann, verdankt sie einem Mann auf der Insel Rügen. Thomas Masloboy aus Sassnitz verschickt leidenschaftlich gern Flaschenpost; dass er manchmal Jahre auf Antwort wartet, mindert den Reiz keineswegs. Am 1. Januar 2007 warf er eine Flaschenpost auf Rügen in die Ostsee; am 4. Februar 2007 fischte Biruta sie 550 Kilometer weiter östlich aus dem Wasser. Für Biruta, die weder Deutsch noch Englisch spricht, machte sich Lück an die Beantwortung der Flaschenposten; rund die Hälfte der 40 Absender hat er erreicht – und so nach und nach immer mehr Menschen kennengelernt, die diese spezielle Art von Botschaften aufgeben oder sammeln. Andere hätten wohl nur Mails geschrieben oder telefoniert – Oliver Lück aber fährt hin, oft für mehrere Tage. So entstehen wunderbar intime, warmherzige Porträts und Geschichten. 

«In unserer hektischen Zeit ist eine ziel- und zeitlose Flaschenpost ein großes Mysterium»

Gleich eine von Thomas Masloboys ersten Flaschenposten kam an, und das sozusagen als Eilpost: in nur zehn Tagen von Rügen nach Kaliningrad. Und bald darauf erreicht ihn eine zweite Antwort aus Polen: «Hallo Thomas! Ich habe deine Flasche gefunden um 6 Uhr in Gryzbowo neben Kolberg. Komm nach Kolberg und wir kann Bier trinken. Viele Grusse, Justyna.»


Ostsee ist Postsee: dieser Satz stimmt. Die Ostsee ist ein kleines Binnenmeer, hier geht so schnell nichts verloren. Wann und wo die Flaschenpost ankommt, hängt mit den Winden zusammen. Frank Janßen, Ozeanograf beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie: «Der Wind hat dreifachen Einfluss. Er macht die Wellen, er erzeugt die Oberflächenströmungen und dirigiert ganz wesentlich die Drift einer Flaschenpost, da sie mindestens zur Hälfte aus dem Wasser guckt.» Wenn Fundorte und Fundtage bekannt sind, kann der Experte für Meeresströmungen die Absendeorte mit 95-prozentiger Sicherheit nennen. Speziell die flachen, sandigen Ufer Lettlands und Litauens eignen sich bestens für den «Landgang» der Flaschenposten. 


Übrigens – seine erste Flaschenpost hat nicht Oliver Lück selbst gefunden, in Lettland, sondern seine treue Weggefährtin, die Hovawarthündin Locke: «ein magischer Moment».


Bild Mitte und unten: © Oliver Lück


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