02.01.2016   von rowohlt

«Menschen mit Migrationshintergrund» – ein Unwort

«Wir neuen Deutschen» – eine starke, selbstbewusste Antwort auf die Frage nach Identität

«Unser Deutschland – oder doch euer Deutschland?»  Das fragen sich Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu. Sie sind hier aufgewachsen, haben hier Deutsch gelernt, sind hier zur Schule gegangen, sie haben deutsche Partner und Freunde, sie leben und arbeiten hier. Immer noch und immer wieder treibt sie die Frage um: Wer sind wir eigentlich? Weil ihre Familien nicht deutsch waren, weil viele ihrer Verwandte anderswo leben, in Polen, in Vietnam, in der Türkei, haben sie das Gefühl des Fremdseins, des Nichtzugehörigseins nie völlig verloren. Das Gefühl, nicht Ausländer und nicht Deutsche zu sein. 


«Menschen mit Migrationshintergrund», das ist ein Unwort angesichts der Realität einer «Multikulti-Gesellschaft». Migrationshintergrund ist ein Wort, das sich selbst verrät. Fast 16 Millionen «MmM» leben hier, und es werden täglich mehr. 16 Millionen Menschen – das ist bei 82 Millionen Einwohnern alles andere als eine Minderheit. Ein griffiges, treffendes Wort scheint es für sie nicht zu geben: «Ein-bisschen-Deutsche? Deutsche mit Verwandten und einem zweiten Leben im Ausland? Uns fällt die Bezeichnung ‹neue Deutsche› ein (…) Unsere Gleichung ist einfach: Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir sind anders. Also gehört die Andersartigkeit zu dieser deutschen Gesellschaft.»

Fremdsein, Anderssein, Deutschsein

Alice Bota, geboren 1979 im polnischen Krapkowice, kam 1988 mit ihren Eltern nach Deutschland. Khuê Pham wurde 1982 in Berlin geboren. Sie studierte an der London School of Economics, danach arbeitete sie für The Guardian und das amerikanische National Public Radio. Özlem Topçu, geboren 1977 in Flensburg. Alle drei sind Politikredakteurinnen bei der ZEIT. Damit zählen sie zu jenen, «von denen die anderen sagen, dass sie es geschafft haben». Und dennoch trauen sie ihren eigenen Biographien, ihren «Erfolgsbiographien», manchmal nicht über den Weg.


«Unsere Biographien sind sperrige Hybriden, die für Eindeutigkeiten nicht taugen. Khuê Pham mag ein vietnamesischer Name sein und Özlem Topçu ein türkischer, aber weder ist die eine Vietnamesin noch die andere Türkin. Beide wurden in Deutschland geboren; die eine wuchs hier auf, die andere lebte lediglich als Kind für drei Jahre in der Türkei. Der Name Alice Bota klingt deutsch, aber er hat diesen Klang erst angenommen, als aus einer Alicja eine Alice gemacht wurde. Sie kam als Achtjährige nach Deutschland, als Einzige von uns drei besitzt sie zwei Pässe. Khuê Pham stammt aus einer aufgestiegenen Bildungsbürgerfamilie, Özlem Topçu ist ein Arbeiterkind und hat als Erste in der Familie studiert; Alice Bota hat erlebt, wie ihre Akademikereltern in Deutschland wieder von vorn anfangen mussten.»


Gemeinsam ist ihnen nur der «Migrationshintergrund». Sei fühlen sich als Deutsche, weil sie hier geboren wurden; weil sie keine andere Heimat kennen; weil sie beschlossen haben, hier und nirgendwo anders ihr Leben zu verankern. Wir anderen Deutschen, die ohne sogenannten «Migrationshintergrund», können viel lernen von dem, was Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu erzählen. Über ihr Leben und das ihrer Eltern, über Integration und Selbstverleugnung, über sich als «neue Deutsche». Selbst bei den tumbsten Rechtsradikalen und Radikalpatrioten müsste einiges im Kopf zu rotieren beginnen, bedächten sie die praktischen Konsequenzen seines «Ausländer raus!»-Geredes. Kein «Deutschland sucht den Superstar» (genannt: «Migrantenstadl»)! Keine deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit Ambitionen auf einen Europa- oder Weltmeistertitel! Khedira, Klose, Podolski, Özil, Boateng, Gomez, Marin, Cacau: alles Migrantenkinder …

Deutschland – eine Utopie

Wir erfahren, wie schmerzhaft Integration sein kann. Alica Bota war gerade ein paar Wochen in Deutschland, als ihre Eltern zur Behörde gingen, «um unsere Existenz dem deutschen Namensrecht anzupassen. Unsere Namen, wie sie in den polnischen Geburtsurkunden eingetragen waren, wurden übersetzt. Getilgt. Aus Alicja wurde Alice. (…) Wenn ich heute über den Preis nachdenke, den das Deutschwerden gekostet hat, dann spüre ich Wut. Wir haben uns selbst verleugnet, wir haben versucht, eindeutig zu sein, deutsch zu sein, denn die Alternative wäre gewesen, ewig der Pole, ewig der Fremde zu bleiben. wir haben das getan, was viele Politiker fordern: Wir haben uns angepasst. Das verlangte von uns Kindern, dass wir unsere Eltern ein Stück weit verleugnen, weil wir alles, was polnisch war, verleugneten.»


In «Wir neuen Deutschen» werden die wichtigen, die richtigen Fragen aufgeworfen. Stellt es ihre Loyalität als deutsche Staatsbürger in Frage, wenn sie zwei Staatsangehörigkeiten besitzen? Weshalb fürchten gerade diejenigen, die keine Migranten kennen, dass Deutschland sich abschafft? Darf eine türkische Lehrerin in der Schule ein Kopftuch tragen – und wenn nicht: wie sieht es mit dem Kruzifix im Klassenzimmer aus? Was bedeutet eigentlich: sich integrieren? Oder: «Warum wurden bis vor kurzem Muslime (bei Einwanderungstests, d. R.) in Baden-Württemberg gefragt, ob sie einen homosexuellen Sohn akzeptieren würden?»


Einen der schönsten und radikalsten Gedanken finden wir unter dem Stichwort «Angst vor Veränderung». Eine Gesellschaft, schreiben Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu, zu deren nicht verhandelbaren Grundwerten Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zählen, «muss viel aushalten, manchmal muss sie ertragen, was nicht zu ertragen ist. Sie ist nicht von Angst getrieben, sondern von Mut. So eine Gesellschaft akzeptiert, dass Scheitern ein Teil von ihr ist, weil Scheitern immer auch ein Teil des Lebens ist. Und sie fragt danach, warum jemand scheitert, warum ihr jemand entgleitet – und nicht, wann diese Menschen endlich wieder weggehen und wie man sie loswerden könnte.»


Was für eine Utopie! «So malen wir uns ein Deutschland der Zukunft aus: Darin gibt es keine Parallelwelten, sondern nur eine Gesellschaft. Das Wort Migrationshintergrund ist aus dem Wortschatz gestrichen, denn die Kinder von Einwanderern werden einfach Deutsche genannt …»

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