27.07.2017   von rowohlt

«Mein Traumjob als Kind war eigentlich immer Märtyrerin»

«‹Statusmeldungen› ist der erste große Pop-Roman ohne Pop-Musik und ohne Roman» (Der Spiegel)

© Alexander Goll
© Alexander Goll

Stefanie Sargnagel hat als erste deutschsprachige Autorin im Internet eine Form für sich gefunden, die als Literatur funktioniert und ein großes Publikum erreicht. Sie schreibt radikal subjektiv – über das sogenannte einfache Leben, über Feminismus, Depression, Faulheit, rechtsradikale Bösartigkeit. Sie gibt sich wortkarg, gerät aber doch immer wieder ins Erzählen. Sie mischt den Literaturbetrieb auf und legt sich – nicht nur als Mitbegründerin der feministischen Burschenschaft Hysteria – mit der rechtspopulistischen FPÖ an. Stefanie Sargnagels neues Buch «Statusmeldungen» sprengt alle Genregrenzen und erreicht auf nie betretenen Pfaden etwas, das man nicht Roman nennen muss, um davon gefesselt zu sein. 

Über Stefanie Sargnagel und ihre «Statusmeldungen»


Der Spiegel: «Angriffslustig und weise zugleich … man geht auf wundersame Weise gestärkt aus der Lektüre hervor. (…) Es ist diese gelungene Melange aus Innenansicht und Außen-Radau, derentwegen dieses Buch als Literatur funktioniert.»
Rolling Stone: «Mit Witz und Melancholie trifft sie den Blues einer ganzen Generation von Schatzsuchern und Träumern, von Jobvagabunden und Freigeistern.»
Die Welt: «Stefanie Sargnagel ist das Lieblingsziel wütender weißer Männer.» 
F.A.Z.: «Die kurze Form, die Skizze, scheinbar aus dem Moment heraus formuliert und dabei doch kunstvoll arrangiert, ist die Ausdrucksform, die sie virtuos beherrscht. (…) Zusammengenommen lassen sich die einzelnen Einträge als Künstlerroman lesen, der zwar keinen Plot hat, dafür jedoch ein Leben erzählt.»
Der Tagesspiegel: «Ob ihre Texte nun Literatur, Satire oder Journalismus sind, ist letztlich unerheblich. Sie sind alles zusammen; aber vor allem sind sie genuine Internet-Texte, die zeigen, dass die sozialen Medien ihre eigenen Formen und Stars hervorbringen.»
Kronen Zeitung: «Eine der aufregendsten Autorinnen Österreichs …, eine humorvolle, treffsichere Moralistin.»

Von der Underground-Ikone zur freischaffenden Künstlerin mit Steuerkarte


Schräg und scharfsinnig, lustig, politisch und mit unbestechlichem Blick für die Details des Alltags: Mit ihren Miniaturen und Minimilieuskizzen – «kleine, entzückende Wegweiser aus dem Alltag der digitalen Lumpen-Boheme» (Der Spiegel) – hat sich Stefanie Sargnagel, bürgerlich: Sprengnagel, eine riesige Fangemeinde erschrieben. Sie hat schon immer die Spielregeln selbst gesetzt. Von der Schule gelangweilt, produzierte sie lieber Zeitungen und Theaterstücke mit anderen Kindern, «ich war immer ein bisschen Wichtigstellerin. Ich war so der Klassenclown». Später hat sie (ohne regulären Schulabschluss, versteht sich) an der Akademie der Bildenden Künste Wien in der Malereiklasse von Daniel Richter studiert. Sie jobbte jahrelang in einem Callcenter  (Kernkompetenz: Rufnummernauskunft), veröffentlichte ihr erstes Buch («Binge Living: Callcenter-Monologe»), gewann beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Publikumspreis, wurde zur Stadtschreiberin in Kärntens Hauptstadt berufen.


Wo Stefanie Sargnagel ist, sind Etikette, Label, Schubladen nicht weit. Dem penetrant vorgetragenen Vergleich mit Charlotte Roche und Lena Dunham kann sie wenig abgewinnen; da sind ihr Künstler wie der Karikaturist Manfred Deix  oder eigensinnige Autoren wie Christine Nöstlinger und Heinz Strunk viel näher. Die Frau mit der roten Baskenmütze denkt anders und schreibt anders. Weil ihr Hintergrund ein anderer ist – sie kennt halt beides, Arbeiterfamilie und bürgerliches Gymnasium. Ihre Mutter ist Krankenschwester, der Vater Arbeiter. «Mein Vater ist heute auch bei einem Verlag, wie ich. Er repariert dort die Heizungen …» 


Dem österreichischen Boulevardblatt Kronen Zeitung verdankt Stefanie Sargnagel eine der widerwärtigsten Hetzkampagnen der vergangenen Jahre. Dass sie auf dem Wiener Akademikerball in der Hofburg mit ihren Freundinnen die Flagge der feministischen Burschenschaft Hysteria  (Hymne: «Ehre, Freiheit, Vatermord») hisste, empfand das FPÖ-Kartell als unerträgliche Provokation. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Unter der Überschrift «Saufen und Kiffen auf Kosten der Steuerzahler» kommentierte Richard Schmitt, Online-Chef der Kronen Zeitung, pünktlich zum Internationalen Frauentag am 8. März das im Standard kurz zuvor veröffentlichte Tagebuch einer Marokko-Reise von Sargnagel und zwei befreundeten Schriftstellerinnen mit aggressiver Häme. 


Was im Gefolge der «Causa Babykatzengate» an sexistischen Beschimpfungen, an Vergewaltigungs- und Morddrohungen («Frustrierte Emanzen. Die gehören in eine Grube geschmissen mit lauter Vergewaltigern») über sie hereinbrach, sprengt alle Maßstäbe. Dagegen nimmt sich der «Kulturkampf» gegen Thomas Bernhard, Claus Peymann oder Elfriede Jelinek geradezu zivil aus. Einschüchtern und klein machen lässt sich eine Stefanie Sargnagel davon nicht, wie der Epilog der «Statusmeldungen» eindrucksvoll belegt, eine Art offener Brief «an all die rechtskonservativen Männer, die mich mit Gewalt bedrohen». Dort heißt es: «Eure Wut beflügelt mich, eure Angst nährt mein gerechtes Herz. Der Versuch, mich leise zu kriegen, lässt mich in die Exosphäre schießen. Ich bin euer schlimmster Albtraum, und das spürt ihr …»


Hier eine kleine Auswahl aus den «Statusmeldungen». Als besonderer Service für mit dem Österreichischen eher unvertraute Zeitgenoss*innen haben Autorin und Verlag noch ein kleines Glossar mit herzallerliebsten Austriazismen spendiert. Sie wissen nicht, was ansellnern ist, wie eine Bosna schmeckt und ein Haberer treibt? Hier erfahren Sie es. Das liest sich dann so: «Faschiertes. Zerhexelte und zerhackte, durch Pressen gedrückte Tiere in praktischer Darreichungsform.» Übrigens: Das in schönstes blaues Leinen gebundene Buch enthält mehr als ein Dutzend hinreißender farbiger Cartoons der Autorin. Ein Beispiel, «Nicky im Eisgeschäft»: Ein Mädchen im blauen Kleid mit «Forever»-Aufdruck schleckt gierig an einer Eiswaffel mit drei Kugeln. Die rosane: Himbeer. Die cremefarbene: Heroin. Die braune: Knochenmark.

«Impulsgesteuert taumle ich durch die Welt»


13.7.2015. Wenn ich traurig bin, esse ich einfach ganz viele Sachen. 


28.9.2015. Ich will nicht erwachsen werden, Erwachsene schwitzen so.


19.7..2015. Der Satz «Ich bin eine sehr leidenschaftliche Frau» klingt automatisch, als wäre man alt, müde, dick und besoffen von Rotwein.


6.8.2015. Ich glaub nicht, dass es Zufall ist, dass so viele Afrikaner nach Österreich kommen und plötzlich hamma 40 Grad!


19.8.2015. Ich hasse es, wenn man meine eigenen rhetorischen Stilmittel gegen mich verwendet. Es ist einfach so respektlos.


22.8.2015. Habe ich gestern nach zehn Bier auf diesem kleinen Festival wirklich das Mikro genommen und die ganzen Besucher aufgefordert, sich zu Allah zu bekennen und in den Heiligen Krieg zu ziehen?


31.8.2015. Ich habe schon wieder geträumt, dass ich mein Baby in der Couchritze vergessen habe.


22.9.2015. Wenn ich mal ein Kind bekomme, möchte ich, dass es unterprivilegiert ist.


18.10.2015. Ich finde, ich sollte auf der Buchmesse im Mittelpunkt stehen, ehrlich gesagt. Die ganze Buchmesse sollte nur eine Riesenaudienz sein, um mich mal zu berühren, lange Schlangen, um meine Füße zu küssen.


4.11.2015. Mein Plan ist, nach der Buchveröffentlichung in Pension zu gehen. Ich hoff, das geht sich aus.


17.11.2015. Texte über Steuern töten meine innere Elfe.


2.12.2015. Als österreichisches Arbeiterkind ist man haptisch einfach überfordert mit großformatigen Zeitungen. Ich mache mich hier völlig lächerlich in der deutschen Bahn, begraben unter einem verdrehten, zerknitterten Feuilleton. 


28.12.2015. Wenn man stirbt, verendet nur der Körper, der Geist lebt weiter im Internet als Hashtag.


2.1.2016. Ich bin jetzt selbständige Künstlerin, das ist so ähnlich wie arbeitslos. Tagesfreizeitsgestaltungsdruck bricht auf einen herein an einem düsteren Wintertag.


5.1.2016. Im Internet bin ich viel intoleranter als im echten Leben.


8.1.2016. Meine Lieblingsantwort auf die Frage, was ich so mache, war immer: «Gar nichts.»


10.1.2016. Wenn ich im Sterben liege, gebe ich jemandem meine Facebook-Zugangsdaten, damit er ein paar Monate nach meinem Ableben «BUUUHH» posten kann.

«Wenn ich dann genug Geld hab durch mein Rowohltbuch, zersetze ich den Staat»


13.1.2016. Warum diskutieren Leute immer mit mir, wenn ich sowieso immer recht hab?


19.2.2006. Schreiben ist voll lustig, sollte ich öfter machen.


19.4.2016. Man sollte sein Publikum immer auch ein bisschen verachten.


3.5.2016. Für jemanden mit einer unbehandelten Depression leiste ich echt Beachtliches.


4.5.2016. Was spricht eigentlich gegen eine Islamisierung Europas? Die Österreicher sollten eh weniger saufen und Schweinefleisch essen, und die Teppiche sind urchillig.


10.6.2016. Gedicht:


Rammstein
Knäckebrot
Rammstein
Knäckebrot


3.8.2016. Im Zug hab ich eine schönen Dialog gehört. Frau: «Was ist das?» Bahnangestellte: «Das ist ein Twix.»


8.8.2016. Immer, wenn mir fad is, ruf ich in der vollen U-Bahn: «Allahu akbar».


1.9.2016. Mit 50 will ich eine starre Botoxfresse. Ich hasse diesen natürlichen-altern-Zwang. Ich will ein Gesicht aus Beton.


24.9.2016. Lesereisen haben so etwas Trostloses. Man fährt allein, verkatert und übermüdet mit dem Zug durch Deutschland, schaut im Abteil Frauen mit Hemdblusen und christlichen Sprucharmbändern beim Müsliriegelessen zu, und eine stimme sagt durch einen Lautsprecher: «Osnabrück.»


27.9.2016. Ich war hier auf der Schanzenstraße im Alnatura, und ich wäre eigentlich auch gern so ein deutscher Alnatura-Öko, aber wenn ich so dünne Männer sehe, wie sie die hässlichen verschrumpelten Bioäpfel sanft betasten, um sie ihren Kindern mitzubringen, die nicht fernschaun dürfen, flipp ich aus.


3.11.2016. Ich möchte nicht mehr schreiben. Ich möchte experimentelle Tanzperformances machen.


14.11.2016. Ab 30 merkt man, wie das Genie langsam abstirbt.


19.11.2016. Bin ich schuld am postfaktischen Zeitalter?


15.1.2017. Wenn ich alt bin, möchte ich wie André Heller sein. Nur schlimmer.


29.1.2017. Es ist so witzig, Sachen nicht auszuschr


2.2.2017. Ich geh heue zum Friseur. Lass mir die rote Mütze abschneiden.

Top