20.06.2016   von rowohlt

Malina ist Polnisch und heißt Himbeere

Die wundersame Geschichte einer deutsch-polnischen Familienzusammenführung – Ein Interview mit Alexandra Tobor

© privat
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Sommerferien 1997. Die sechzehnjährige Malina findet heraus, dass ihr Großvater, der vor vielen Jahren ertrunken sein soll, alles andere als tot ist. Alois Dudek, genannt Aldi, lebt: und das gleich nebenan in Castrop-Rauxel! Malinas Besuch bei ihm endet im Desaster. Aldi, der Fantast und Märchenerzähler, ist alles, nur kein Vorbild-Opa. Weil er Schulden bei den falschen Leuten hat, macht Aldi sich Hals über Kopf aus dem Staub. Mit Malina, in die polnische Heimat, von der Malinas Eltern nie erzählen wollten. Dorthin, wo die wilde Geschichte der Dudeks einst begann …


«Eine zauberhafte Geschichte, nicht nur für Jugendliche, und eine Liebeserklärung an Polen!» (NDR Kultur)

DAS INTERVIEW


«Minigolf Paradiso», vier Jahre nach Ihrem erfolgreichen Debüt «Sitzen vier Polen im Auto» publiziert, kommt wunderbar leichtfüßig und voller Witz daher: ein Außenseiterroman, ein Schelmenstück, ein deutsch-polnischer Roadtrip, die Geschichte einer großen Familienzusammenführung. Malina, Oma Rosa, Opa Aldi (Alois), Titus – wie viel eigenes Leben steckt in den Figuren von «Minigolf Paradiso»?
Jede Menge! Für einen unscheinbaren Musik-Nerd mit seltsamen Interessen war eine Kleinstadt-Jugend ein hartes Brot. Schließlich sprechen wir hier von den 90ern, als das Internet noch «Cyberspace» hieß und es gar nicht so einfach war, als introvertierter Mensch Gleichgesinnte zu finden. Da musste man schon mal Briefe an die Toten schreiben, wenn man nicht völlig vereinsamen wollte. In dieser Hinsicht ist Malina mein Alter Ego. Die 90er habe ich genauso erlebt wie sie; als eine von Girlies auf Buffalos und holländischen Showmastern bevölkerte Eurotrash-Hölle, die man nur mit einer großen Portion Humor erträgt. Malinas Großvater, der Hochstapler Aldi, der sich nur mit Gaunereien und aberwitzigen Lügengeschichten durchs Leben schlägt, ist als Figur zwar komplett meinem Kopf entsprungen. Aber sein Hang, das Alltägliche und Banale ins Magische und Phantastische zu überhöhen, ist eine typische Bewältigungsstrategie, der ich bei älteren Polen, die den Krieg und den Kommunismus erlebt haben, häufig begegnet bin. 


Ihre Mutter Grazyna verbietet Malina, «draußen» polnisch zu sprechen. Einmal schreit Malina ihre Mutter an: «Du sprichst über unsere Herkunft, als hätten wir eine furchtbare, ansteckende Krankheit!» «Minigolf Paradiso» ist ein Roman und keine Autobiografie – und doch schießt einem sofort durch den Kopf: Das könnte Alexandra Tobor selbst erlebt haben, als sie 1989 als Achtjährige mit den Eltern nach Deutschland kam. Falsch?
Meine Eltern waren ganz anders als die von Malina, sie haben sich nie für ihre Herkunft geschämt. Die Polen-Witze von Harald Schmidt & Co. haben sie nicht getroffen, weil sie sich mit den Zerrbildern aus den Medien nicht identifizierten. Vielleicht waren sie allzu gutgläubig, jedenfalls wäre ihnen nicht eingefallen, zu Hause deutsch zu sprechen oder den Lebensstil deutscher Nachbarn nachzuahmen. Aber ich bin immer wieder Polen begegnet, die sich als Reaktion auf die erlebten Ausgrenzungen komplett assimiliert haben. Die nie zugegeben hätten, dass sie aus Polen sind, obwohl man es an ihrem Akzent noch hörte. Das hat mich immer umgetrieben: Was bedeutet es, wenn dieser Bruch durch die Identität geht, wenn man von einem auf den anderen Tag beschließt, ein anderer zu werden? Was gewinnt man dabei und was geht verloren? Welche psychischen Nebenwirkungen hat es, wenn man seine Geschichte vorne abschneidet? Ist es überhaupt möglich, ohne die Anerkennung seiner Wurzeln ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln? 

Pessoa und Dostojewski, The Smiths und Lana del Rey


Sie haben Soziologie studiert. Von daher unterstellt man Ihnen einen anderen Bezug zu Fragen der Migration, als es der Polen-spaßige Titel Ihres Debütromans «Sitzen vier Polen im Auto» vermuten lässt. Nervt Sie das Etikett «Migrationsliteratur» oder «Migrationsgroteske», das Romanen wie Ihren so leicht angepappt wird?
Es scheint unmöglich zu sein, auf lustige Art über Migration zu schreiben, ohne die gängigen Stereotype zu reproduzieren. Das Dumme ist nur: Klischees kommen nicht aus dem Nichts. Sie haben einen wahren Kern. Als Soziologin sehe ich meine Aufgabe darin, nicht einfach zu behaupten, die Anderen wären bescheuert, sondern zu zeigen, warum sie so sind, wie sie sind, und wie wir von unseren Lebensumständen geformt werden. Das nimmt der Sache nicht den Humor, verhindert aber Schwarz-Weiß-Denken und fördert die gegenseitige Verständigung. Das Label «Multi-Kulti-Klamauk» würde mich stören, mit «Migrationsliteratur» identifiziere ich mich durchaus und empfinde es nicht als Stigma. 


Fernando Pessoas berühmtes «Buch der Unruhe» und Dostojewskis «Brüder Karamasow» gehören für Sie zu den wichtigsten Büchern Ihres Lebens. Sind das nicht eher ungewöhnliche literarische Neigungen für eine Autorin, die viele ins «Unterhaltungsfach» stecken würden?
Was viele nicht wissen: Dostojewski ist ein echter Pageturner. Und manches, was mir schon als Unterhaltung verkauft wurde, las sich zäher als Gesetzestexte! Aber mal im Ernst: Ich finde die scharfe Trennung zwischen E- und U-Literatur, die es so nur im deutschsprachigen Raum gibt, sehr bedauerlich. Wie viele Autoren fürchten sich wohl, unterhaltsam zu schreiben, weil damit einhergeht, vom Feuilleton gar nicht erst wahrgenommen zu werden? Für mich ist Unterhaltung so eine Art trojanisches Pferd, in dem ich ernste, gesellschaftlich relevante Themen transportiere. Ich will, dass meine Leser von der ersten bis zur letzten Seite Spaß haben und danach sagen können: «Huch! Ich hab sogar was gelernt.»


Eigentlich ist das ein Buch, zu dem man gleich den passenden Soundtrack hören möchte. Also … jetzt nicht unbedingt Rex Gildo, Conny Francis oder Howard Carpendale, auf jeden Fall aber The Smiths, Joy Division, die Smashing Pumpkins. Was würden wir sonst noch hören?
Ganz klar, Lana Del Rey! Der melancholische Retro-Sound macht’s, aber auch die Szenen, die sie heraufbeschwört: Plastikflamingos und künstliche Palmen, White Trash Trailer-Park-Romantik, die Welt der kleinen Leute mit ihren großen, amerikanischen Träumen. Das alles trifft den Geist von Minigolf Paradiso perfekt. Schade nur, dass Lana Del Rey 1997 erst 11 Jahre alt war.  

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