02.01.2016   von rowohlt

«Liebe Margot Honnecker …»

«Hätte ich gewusst, dass es in Bitterfeld so gute Typen gibt, wäre ich da hingezogen.» (Lucy Fricke)

© Thorsten Wulff
© Thorsten Wulff

Abitur und ABM, kann doch nicht wahr sein. Ist es aber. Hermann F. Odetski aus Bitterfeld verzweifelt an seinem Sohn. Und nicht nur an dem: Vor ein paar Jahren ist ihm schon die Frau Richtung Westen durchgegangen. Nun also Sohn Phillip, der sein Leben wegwirft, seine Möglichkeiten nicht nutzt. Odetski, besorgt wie er ist, braucht eine Autoritätsperson, der er davon erzählen kann. Er hat ja sonst niemanden. Und so schreibt er auf seiner halbdefekten Erika-Schreibmaschine – kein Doppelpunkt! kein ß! – Briefe an Margot Honecker, bis 1989 Ministerin für Volksbildung der DDR … Dirk Laucke erzählt in seinem Debütroman «Mit sozialistischem Grusz!» mit Herz, Hirn und Kodderschnauze eine bitter-komische Vater-Sohn-Geschichte.


Der Spiegel: «Dirk Laucke ist der Underdog-Spezialist des deutschen Theaters.»

Last Exit Bitterfeld

Ein Mensch verliert die Kontrolle über sein Leben.  Wer ausgerechnet der im chilenischen Exil mit deutscher Hinterbliebenen- und Altersrente ausharrenden «eisernen Margot» sein Leid über den orientierungslos dahintreibenden Sohn klagt, der muss schon schwer verpeilt sein. Und Hermann Odetzki ist verpeilt. Nichts läuft in seinem Leben rund, die Tristesse des Alltags hat ihn fest in ihren Krallen. Seine Frau hat sich irgendwo in Bayern erst einen Job in der Hotelbranche und dann einen neuen Typen gesucht. Nur noch selten erreicht ein Anruf ihre Zurückgebliebenen im fernen Osten.


Bitterfeld, 2002. Wer hier bleibt, anstatt die Beine in die Hand zu nehmen und in den Westen zu türmen, hat wenig vom Leben zu erwarten. Am schlimmsten präsentiert sich die ehemalige Chemie-Hochburg in Sachsen-Anhalt am Wochenende. Wenn anderswo der Bär steppt und in den Partykneipen die Stimmung hochschwappt, «gehörten leergefegte Straßen zum Sonntag wie Mehlschwitze zum Schweineschnitzel. Ganze Straßenzüge gähnten nur so vor sich hin, so dermaßen viele Wohnhäuser und sonstige Gebäude, Schulen und Kindergärten, alte Werkstätten, Garagen, kleine Fabriken dämmerten ungenutzt und verlassen ihrem endgültigen Schicksal entgegen …»


Phillip, der «missratene Sohn», fühlt sich gar nicht mal so unwohl in seiner Haut. Er lebt zwar mehr schlecht als recht von dem bisschen, was die ABM-Stelle in der «Grünanlagenpflege» abwirft. Er hat spezielle Kumpel wie Kiffer-Ralf, der ihn ohne Erbarmen anpumpt, hier ein Fünfer, da ein Zwanni. Und Nicole, die schöne Beinahe-Freundin. Freizeit findet beim Vietcong statt, also im Asia-Döner: zwei Bier, einmal gelbes Hähnchen, bitte. Philipp wartet. Dass etwas passiert. Und dass endlich die Zulassung zur Kunsthochschule eintrifft  – was, wie wir später erfahren, für ihn eine Befreiung von Bitterfeld sein könnte, für seinen Vater aber die Totalkatastrophe wäre, das Ende. 

Die große Flut bringt's an den Tag

Phillip spürt, dass es seinem Vater nicht gutgeht. Dass er sich in seiner Einsamkeit immer tiefer einspinnt und immer verrücktere Dinge macht. Dass er sich seine Nächte mit bizarren Briefen an Erich Honeckers Witwe um die Ohren schlägt – weshalb nicht gleich ein Schreiben an Mielke oder ein Telegramm an Stalins Enkel? Weil er seinem Vater die Peinlichkeit ersparen will, kassiert Phillip den Brief an die Ex-SED-Größe. Statt ihn zur Post zu bringen, klemmt er ihn zwischen die Seiten von Maxim Gorkis «Mutter», «falls Sie das interessiert. Orangenes Leinen.»


«Als ich am Abend, zwei Hasseröder vom Vietcong und dreißigtausend Selbstvorwürfe später, in unsere Straße bog, und darauf wollte ich eigentlich hinaus, wurde sie wieder von unserem Wohnzimmerfenster aus mit der Erika unter Sperrfeuer genommen: Rattatattat. ‹Liebe Frau Honecker, …›» Natürlich weiß Hermann Odetzki, dass kein Antwortbrief aus Chile kommen wird. Allein schon deshalb, weil er bald herausfindet, dass Philipp den Brief gar nicht erst zur Post gebracht hat. 


Als infernalische Wassermassen ganze Regionen lahmlegen und Menschen zu Tausenden aus ihren Wohnungen getrieben werden, bricht auch etwas in den Odetzkis auf. Katastrophenalarm, draußen und drinnen. Philipp könnte heulen vor Mitgefühl, wenn er seinem «Paps», der abends vor dem Fernseher eingeschlafen ist, die wärmende Decke überzieht. «Es ist der Welt vollkommen gleichgültig, was Hermann Odetski schreibt oder sagt oder tut. Nur mir nicht.»

Top