29.04.2016   von rowohlt

Lernen ist nicht nur Kopfsache

Haben Sie alle Sinne beisammen? Lernen mit der Gedächtnisweltmeisterin Christiane Stenger

© Axel Martens
© Axel Martens

Wissen Sie noch, wo Sie waren, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Männer im Sommer 2014 das WM-Finale gewann? Erinnern Sie sich noch an den ersten Schultag, den ersten Kuss? Emotionale Momente wie diese stehen uns meist bildhaft vor Augen. Ein Geruch, eine Stimme, Musik, eine Umarmung – all das aktiviert unsere Erinnerung. Christiane Stenger, mehrfache Junioren-Gedächtnisweltmeisterin und Moderatorin von «Wie werd' ich …» bei ZDFneo, zeigt auf beeindruckende Weise, wie wir unsere Sinne trainieren können, um uns Dinge einfacher zu merken. Also: Wer lernen will, muss fühlen!


In zehn Kapiteln werden uns – neben Kurzporträts des Gehirns und des Limbischen Systems – die Basics eines effizienten Gedächtnistrainings nahegebracht. Es geht um das Sehen («Der oberflächliche und edle Sinn»), Hören («Der raffinierte Sinn»), Tasten («Das Multitalent unter den Sinnen»), Riechen («Der emotionale Sinn»), Schmecken («Der untergebutterte Sinn»). Und es geht, last but not least, auch um den sechsten Sinn: «unsere verflixte Intuition».  Am Ende jedes Kapitels steht das Trainingslager  mit allem, was wir üben können und üben sollten. Ohne Fleiß kein Preis!


Als Bonustrack spendiert Christiane Stenger uns ein 10. Kapitel. Und wir spendieren Ihnen als kleines Präsent ein Konzentrat des Konzentrats. «Auf die Schnelle  – Das große Finale»:


Nicht zu viele kleine Elefanten herumwuseln lassen!

«Wer lernen will, konzentriert sich. Um unsere Projektionsfläche vor Chaos zu bewahren, ist es wichtig, sie schön aufgeräumt zu halten. Es sollten also nicht zu viele kleine Elefanten auf einmal dort herumwuseln. Die Fähigkeit, sich auf etwas Bestimmtes fokussieren zu können und anderes auszublenden, wird als selektive Aufmerksamkeit bezeichnet. (…) Vielleicht kennen Sie das «Mmh, mmh, ja»-Gemurmel, wenn Sie mit jemandem telefonieren, der parallel bei Facebook zugange ist oder im Internet ein günstiges Flugticket nach Rom sucht. Sie könnten Ihrem Gegenüber in solchen Momenten quasi alles erzählen, selbst, dass Sie im Lotto gewonnen haben – es würde nicht ankommen. Wenn unsere Gedanken auf die Reise gehen und wir uns nicht auf das Wesentliche konzentrieren, spricht man von schweifenden Gedanken. Das ist eine, wenn nicht gar die Lieblingsbeschäftigung unseres Gehirns, sie stellt im Prinzip seinen Grundzustand dar. Die entsprechenden Regionen werden immer dann aktiv, wenn wir nichts tun – wollen wir uns konzentrieren, müssen sie deaktiviert sein. 


Wer lernen will, setzt sich Ziele. Sind wir aber im «Hier und Jetzt» und konzentrieren uns auf eine ganz bestimmte Aufgabe – ohne abzuschweifen –, dann befinden wir uns im sogenannten Direkterfahrungsmodus. Damit Sie den erreichen, formulieren Sie am besten konkrete Ziele, die Sie innerhalb einer festgesetzten Zeit erreichen möchten. So geben Sie Ihrem Gehirn einen Hinweis, dass Sie seine volle Aufmerksamkeit benötigen. (…)  Ansonsten kann Sport helfen, die Konzentration zu verbessern. Inzwischen gibt es außerdem viele Online-Anbieter wie Neuronation oder mybraintraining, mit denen Sie Ihre Konzentration und Ihr Arbeitsgedächtnis trainieren können. Mir hilft es zumindest sehr, ein kurzes Konzentrationsspiel zu spielen, bevor ich mich einer komplexen Aufgabe widme.

Man wird ja noch träumen dürfen …

Wer lernen will, belohnt sich.  Unser Belohnungszentrum, das mesolimbische System, springt immer dann an, wenn etwas ein wenig besser als erwartet eintrifft. So wirken Glücksgefühle beim Lernen wie ein Turbo und können es erheblich beschleunigen. Mit Begeisterung, Spaß und Humor geht das Lernen einfacher von der Hand. Früh genug mit dem Lernen anzufangen, kann Stress ersparen. Achten Sie also drauf, dass Sie sich in Lernphasen ein möglichst entspanntes Umfeld schaffen. Das fängt bei einem aufgeräumten Ort und ansprechenden Arbeitsmaterialien an, kann aber natürlich auch Entspannungstechniken miteinbeziehen. Und, ganz wichtig: Acht Stunden am Stück kann kein Gehirn konzentriert lernen. Machen Sie immer wieder Pausen, damit sich neu Gelerntes setzen kann. Oft bringt eine halbe Stunde Pause viel mehr, als eine weitere Stunde «hoch»konzentriert zu arbeiten.


Wer lernen will, unterhält sich. Lernen muss kein einsamer Prozess sein. Kommunikation hilft! Unterhalten Sie sich mit anderen über das Gelernte, diskutieren Sie, und wenden Sie es in unterschiedlichen Kontexten an. Bilden Sie Lerngruppen. Die haben den Vorteil, dass man korrigiert, also das Gelernte anwendet, und auch selbst korrigiert wird und so Fehler vermeidet. Trotzdem macht es meist mehr Spaß als das langweilige Wiederholen im einsamen Kämmerchen. Außerdem nehmen wir bei einer Unterhaltung ständig Emotionen wahr, die in Mimik, Gestik und Stimme der Gesprächspartner als Gefühle zum Ausdruck kommen. 


Wer lernen will, begeistert sich. Wollen Sie eine neue Sprache lernen, zum Beispiel Japanisch, schauen Sie Ihre Lieblingsserie in dieser Sprache oder suchen Sie sich Freunde, die nur Japanisch mit Ihnen sprechen. Malen Sie sich aus, wie Sie auf Ihrer nächsten Geschäftsreise nach Japan Ihren Vortrag nicht auf Englisch, sondern in perfektem Japanisch halten, und welche Begeisterung das auslöst. (Man wird ja noch träumen dürfen!) Manchmal muss man sich einfach lange genug mit einem Thema beschäftigen, um ihm etwas abgewinnen zu können. Selbst ein in meinen Augen dröges Gebiet wie Verwaltungsrecht, zu dem ich während meines Diploms in Politikwissenschaften eine mündliche Prüfung ablegen musste, konnte nach anfänglichem Horror kleinere Begeisterungsstürme bei mir auslösen. Gut, die hielten nur so lange an, bis ich den Prüfungsraum wieder verlassen hatte …

Lernen – mit Achtsamkeit, Konzentration und Spaß

Wer lernen will, wiederholt. Unser Gehirn ist die ganze Zeit im Umbau begriffen und gestaltet seine Netzwerke möglichst effizient. Wird etwas nicht mehr gebraucht, wird es praktischerweise entsorgt. So schützt uns unser Gehirn vor unnötigem Ballast, um seine Hauptaufgabe, unser Leben zu sichern, bestmöglich zu erledigen. Durch zu viele Informationen wird es schnell unübersichtlich. Vergessen kann also auch eine sehr feine Sache sein! Wenn wir aber etwas im Oberstübchen parat haben wollen, müssen wir diese Informationen nach dem ersten Lernen öfter wiederholen. Je mehr Wissen wir uns zu einem Thema aneignen, desto größer wird unser Wissensnetz in diesem Bereich – je öfter wir etwas hören, wiederholen, anwenden oder darüber nachdenken, desto leichter bleibt es hängen. Weil unser Gehirn in Aktivitätsmustern arbeitet, die gepflegt und gefestigt werden müssen, damit wir zukünftig viele Möglichkeiten haben, auf dieses gespeicherte Wissen zurückzugreifen.


Wer lernen will, fühlt. Versuchen Sie beim Lernen positive Gefühle zu nutzen, und hören Sie auf die kleinen Hinweise von Limbo. (…) Bewusstes Lernen wird immer arbeitsaufwendig bleiben, aber mit den vorgestellten Merktechniken können Sie die Informationen mit mehr Spaß an der Sache behalten! Wenn dem mal nicht so ist, lassen Sie sich von eventuell auftauchenden negativen Gefühlen nicht beirren. Manchmal gibt man einfach zu früh auf und denkt: Ich kann das nicht; ich habe kein Talent; ich werde das nie verstehen. Damit liegen Sie falsch! Bleiben Sie dran, und nutzen Sie bereits erworbenes Wissen, um darauf aufzubauen! Übung macht den Meister!»

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