28.02.2017   von rowohlt

Ledig-Rowohlt, der Mann hinter dem Schnörkel

«Ein einzigartiges Dokument des literarischen und kulturellen Lebens in Deutschland.» (Die Zeit)

© Rowohlt Archiv (2 x); © Inge Feltrinelli
© Rowohlt Archiv (2 x); © Inge Feltrinelli

Am 26. Februar 2015 ist Fritz J. Raddatz im Alter von 83 Jahren gestorben. Schon als junger Mann galt er als einer der bedeutendsten Intellektuellen des Landes: umfassend gebildet, theoretisch versiert, eine publizistische Großmacht. «Jahre mit Ledig», seine Erinnerung an den großen Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, ist sein letztes Buch geworden. Und ein besonders schönes dazu: in grünes Leinen gebunden, mit weißem Lesebändchen und eingelegter Vignette – ein schmaler Band, geschrieben mit scharfem Witz und heißem Herzen. Ein Anekdotenschatz, eine Liebeserklärung. Ein Ausflug in eine Zeit des Büchermachens, die uns heute schon unendlich weit entfernt scheint.


Fritz J. Raddatz, 1931 in Berlin geboren, war von 1960 bis 1969 stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags, von 1977 bis 1985 Feuilletonchef der ZEIT. Freier Schriftsteller, Essayist, mehrere Jahrzehnte Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die Gottfried-Benn-Biografie, die 2003 erschienene Autobiografie «Unruhestifter», die Romantrilogie «Eine Erziehung in Deutschland» und die «Tagebücher» der Jahre 1982–2001 und 2002–2012. «Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik», schrieb FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher 2010.


Einige Impressionen aus FJRs Erinnerungen an seine Jahre mit Ledig:



Krawatte mit eingesticktem Rotor-Monogramm


HMLR, der Riesenschnörkel. «Dieser schwungvolle, Ehrfurcht gebietende Schnörkel stand unter Verträgen auf dem Geschäftspapier ‹Rowohlt Verlag, Hamburg›. Den Mann hinter dem Schnörkel kannte ich nicht. Das war Anfang der fünfziger Jahre, ich war im Ostberliner Verlag Volk und Welt Abteilungsleiter ‹Lektorat West› – so üppige Bürokratien leistete sich die DDR: Der zweitgrößte belletristische Verlag des Landes beschäftigte ca. zwanzig Lektoren … Ich war – zwanzigjähriger Student und bald stellvertretender Cheflektor des gesamten imposanten Imperiums – neben dem Studium dort tätig, weil ich als parteiloser ‹Bürgerlicher› kein Stipendium erhielt.»


«Herstellungsleiter Edgar Friedrichsen … hatte fortan bis ans Ende seiner Rowohlt-Tage eine Sonderstellung im Verlag, und wenn er dann – bis weit in die achtziger Jahre – ein Buch für unkalkulierbar erklärte, galt sein Wort. Das allein Ledig durch beschwörende List zu umschiffen vermochte: ‹Friedrichsen, Geliebter, mein Schätzchen›, wusste er zu charmieren, ‹machen Sie mir einen anderen Preis, ich <i>will</i> dieses Buch verlegen› – wenn es etwa um einen voluminösen Thomas Wolfe ging. Ledig konnte seinen Charme einsetzen wie Lauren Bacall ihre Augen, auch etwas verlogen.»


«Ernst Rowohlt, gerne und viel reisend, mal als ein Puntila Osram-Glühbirnen bei einer Tagung der Gruppe 47 verteilend, mal bei Buchhändlerzusammenkünften ‹meinen Verlag› mit großem Pathos vorstellend: Ernst Rowohlt war die landesweit bekannte Emily auf dem Kühler des Rolls-Royce; der Motor aber war Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Im Verlagshaus Bieberstraße … hatte Ernst Rowohlt Ende der fünfziger Jahre nicht mal mehr ein Büro. Der Gargantua, ein flotter Trinker und fröhlicher Esser, war seit geraumer Zeit krank. Bald galten seine Reisen eher Sanatorien als der von ihm geliebten Buchhandlung Ludwig in Köln.»

Mit James Baldwin in der Herbertstraße


«Es war der Moment, der mein Leben veränderte, und er war der Mann, der mein Leben veränderte – und es lief doch alles nach der Melodie ‹Kommen Sie doch mal zum Tee vorbei›. Rowohlt war – für mich – die DDR-Jahre hindurch eine unerreichbare Oase, und hätte sich mir auf dem Alexanderplatz eine Fee auf den Schoß gesetzt: Rowohlt wären die zwei Silben meines ersten Wunsches gewesen, so bunt, so schön, so märchenhaft wie eine Suleika irgendwo. (…) Rowohlt war kein Verlag. Rowohlt war eine Idee.»


HMLR «konnte mit jener Eleganz vulgär sein, mit der jemand, der weiß, daß man Fisch nicht mit dem Messer isst, Fisch mit dem Messer isst – ‹O Gott, meine Lieben, meine Süßen›, rief er und schlug sich an die Stirn, ‹rasch ein paar Jungs her, ich bin ja von Gott verlassen›: Da hatte er den unglücklichen James Baldwin mitgeschleppt ins Bordell. Das frequentierte er gerne und oft, BB (Ledigs legendäre Sekretärin, seine «linke, rechte und mittlere Hand», d. R.) war die einzige Nichtprofessionelle, die die Etablissements in der Herbertstraße betreten durfte, sie musste die Post, die ich statt seiner diktiert hatte, zum Unterschreiben bringen. Dort lag dann Heinrich-Maria Gargantua unter mächtigen Plumeaus – und durchaus nicht allein.»


«Das vielleicht war Ledigs Geheimnis: Vieles war ihm egal. Er rannte niemandem hinterher, er hörte nicht zu – und trotzdem sprachen die Leute am liebsten mit ihm. Er beantwortete keine Briefe – las sie aber gern. Er war nie pünktlich. Er ließ alle Welt warten. Er vergaß, daß man, um nach Wien zu reisen, einen Pass brauchte (den er damals auf der Reeperbahn, als sein Geld alle war, als ‹Pfand› hinterlassen hatte).»

Büchermensch mit clownesken Exaltiertheiten

Vor dem Taj Mahal – eines der letzten Bilder von HMLR +++  © Inge Feltrinelli


HMLR «war ein harter, kenntnisreicher Arbeiter. Ihm entgingen weder Druckfehler in einer beliebigen Taschenbuch-Fahne noch die falsche Farbnuance eines Umschlagandruck noch der gedankliche Leerlauf eines sich philosophisch gebärdenden Autors. Vor allem entging ihm kein falscher Ton in einer Übersetzung – der Chef des Verlages war selber sein bester Übersetzer; mindestens zweimal im Jahr packte er ein gut Teil seines Lektorat zusammen und zog ‹aufs Land›.»


«Selbstsicher gewiss. Aber besaß er auch ein wohl balanciertes Selbstbewusstsein? So manche seiner zum Teil lächerlichen Exaltiertheiten lassen das bezweifeln: die Purzelbäume mit brennender Zigarre im Mund, das Abbeißen von Sektglasrändern – war das nicht eine aus Unsicherheit geborene Schaumschlägerei, ein im tiefsten Inneren hilfloses ‹Seht her auf mich›?»


«Literatur war die Lebensdroge für diesen Mann. (Und er hatte Glück, dass seine schöne Frau Jane diese Sucht teilte.) Deswegen konnte er sich wie in einem erotischen Rausch in Bücher verlieben – gelegentlich je heftiger, desto unerreichbarer sie waren; daher die Gier, mit der er anfangs schier unübersetzbare Autoren wie Pynchon oder Hubert Selby verschlang, oder die einer Huldigung gleichende Zartheit, die er jedem Beckett-Text entgegenbrachte. Das musste gar nicht ‹sein› Autor sein. Ich erinnere mich noch an die Kränkung meiner verlegerischen Habgier, als Ledig sagte: ‹Ach, lassen Sie doch – der Proust passt viel besser zu Suhrkamp, wir sind doch nicht fein.› Und dann freute er sich über die Bände in Prousts Lieblingsfarbe Mauve.» (Aus Fritz J. Raddatz' Nachruf auf Ledig-Rowohlt)

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