08.12.2017   von rowohlt

Kugel ist Kugel, Tod ist Tod

Eine Nacht, eine junge Liebe, ein tragisches Verbrechen: Volker Heises mitreißender Großstadtroman «Außer Kontrolle»

© iStockphoto.com
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Dieser Abend soll alles entscheiden. Jan hat einen Tisch im Berliner Edelrestaurant Paris reserviert, den Ring in der Tasche und den Antrag im Kopf – auch wenn er kaum hoffen kann, dass die schöne Nadine die Verlobung mit ihrem Freund in der Provinz löst und bei ihm bleibt. Was an diesem Abend geschieht, wird das Leben mehrerer Menschen dramatisch verändern. Groteske Missverständnisse und kleine Demütigungen enden in einer furchtbaren Tat. Es ist die Nacht, in der aus der Euphorie und Not einer jungen Liebe, aus menschlicher Schwäche und dem Zusammenspiel fataler Zufälle ein Strudel der Gewalt entsteht, dem sich am Ende niemand entziehen kann.


Volker Heise, bekannt als Regisseur, Dramaturg («Black Box BRD»), Produzent und Kolumnist, wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet: die Fernsehserie «Schwarzwaldhaus 1902» mit dem Grimme-Preis, ebenso die Serie «Zeit der Helden»; die Produktionen «24h Berlin – Ein Tag im Leben» und «24h Jerusalem» mit dem Deutschen Fernsehpreis. «Außer Kontrolle» ist sein erster Roman.


Auf knapp 240 Seiten entfaltet sich ein Drama, das einen nicht loslässt. Kein Satz zu viel, keiner zu wenig. Kühl, mit unerbittlicher Konsequenz, treibt Heise die Geschichte voran: auf ein Ende zu, das nur eine Katastrophe sein kann. Seine Prosa hat einen «starken, klaren Rhythmus», schreibt Peter Körte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. «Präzise, gut getimte Sätze, knappe Rückblenden, in denen das Imperfekt die Präsenserzählung ablöst, dichte Beschreibungen, randscharfe Bilder.» Ein Berlin-Roman, «der nicht nur sehr genau weiß, was er will, sondern im Gegensatz zu vielen anderen auch souverän über die Mittel verfügt, um es zu erreichen.»


Wir folgen den Protagonisten des Dramas ein Stück weit in jenen Abend hinein, der nach einer fatalen Kettenreaktion in einer Orgie der Gewalt münden wird.

Kaputte Träume, zerschossene Utopien


Berlin. Eine Großstadt, aus der Vogelperspektive eingefangen. Genauer: aus der Perspektive eines vom Westen her in die Stadt einschwebenden Ballons. Früher Freitagabend ,16 Grad, ein fahler Oktoberhimmel über der Stadt. Der Ballon schwebt über dem alten Kontrollpunkt («Sagen Sie nicht Dreilinden, sagen Sie Drewitz»). Grunewald, Messedamm, Bahnhof Zoo, Tiergarten, Landwehrkanal. «Hinter dem Kanal beginnt der Park. Die Bäume verlieren schon ihre Blätter. Bald sind sie kahl, dann kehrt die Kälte zurück, der Urzustand der Stadt, von dem sie sich nur gelegentlich erholt. Der Sommer ist nicht mehr als ein Versprechen, das sich nie erfüllt.»


Jan. Im Bahnhof Bellevue steigt Jan Herzog in die S-Bahn, die ihn zum Alex bringen soll. Für ihn ist es der Abend der Abende. Alles, wirklich alles steht für ihn auf dem Spiel: seine Gegenwart, seine Zukunft, sein Leben. «Er ist einundzwanzig Jahre alt, unverheiratet, keine Kinder, aber voller Hoffnung. Er glaubt, er bräuchte nur zum Juwelier zu gehen, Ringe zu kaufen, seine Freundin auszuführen und die Scherben, aus denen sein bisheriges Leben besteht, würden sich zu einer Ordnung fügen.» Aufgewachsen ist er in einer kleinen Stadt in Norddeutschland, irgendwo in der niedersächsischen Tiefebene. Vor vier Jahren, nach dem Abitur, ist er in die große Stadt aufgebrochen. Weil ihm die Eltern irgendwann entnervt das Geld gestrichen haben, bricht er sein BWL-Studium ab. Was er im Callcenter in 20 Wochenstunden verdient, reicht ihm zum Leben. Als Zugabe lernt er dort die Frau seines Lebens kennen: Nadine, sehr jung, sehr unerfahren, sehr hübsch An diesem Abend setzt Jan alles auf eine Karte, um sie zu gewinnen. Für sich, für immer.


Nadine. Es ist ihr letzter Tag im Callcenter. Morgen, nach der letzten Nacht mit Jan, wird sie nach Vorpommern zurückkehren. Rostock, einfache Fahrt, Abfahrt 11.53 Uhr, die Koffer sind gepackt. Zurück nach Gühren, wo Tim auf sie wartet: dunkelblond, ungelenk, Kuschelrock-Typ, Bauer. Tim, der sie liebt und sie unbedingt heiraten will. Eine Arbeit als Goldschmiedin wird Nadine zu Hause in Gühren, 40 km vor der polnischen Grenze, garantiert nicht finden. Berlin, das ist ihr Fluchtpunkt vor einem Leben, das sich falsch anfühlt. Als eines Tages Jan im Callcenter neben ihr steht, an der Kaffeemaschine, greift sie zu. Beide einsam, beide verloren in der Stadt mit ihrem ständigen «Grundsurren», geben sie sich dem Rausch der Verliebtheit hin. «Aber die Tage vergingen, sie durcheilten den Sommer, die Zukunft raste auf sie zu und mit der Zukunft auch der Oktober, ihr letzter Abend in der Stadt.» Als Nadine zu ihrer letzten Verabredung mit Jan in einem atemberaubend schönen, kurzen roten Kleid das Sterne-Restaurant in der Brunnenstraße betritt, glotzen sie alle an, Männer, Frauen, alle – «diese Stille aus staunenden Männern und hassenden Frauen».

«Ein Stern, der deinen Namen trägt»


Naujoks. Die Presse liegt ihm zu Füßen, als er seinen ersten Stern erkocht. Tobias Naujoks, Inhaber und Chefkoch des Paris in einer Person. Naujoks, «der Dekonstruktivist des Fast-Food-Zeitalters», schwadronierten die Gastrokritiker. «Ein Künstler, der die Waren der Nahrungsmittelindustrie zerschlägt und aus den Scherben neue Werke schafft.» Nun steht er, «der letzte Kubist der Küche», kurz vor der Privatinsolvenz. Anstatt sein Geld, das nach dem Stern und überschwänglichen Kritiken der Fachpresse emsig sprudelte, konservativ-solide  anzulegen, hatte er in seiner Gier auf spanische Immobilien und Schiffe gesetzt, hatte auf den Kursverfall von Währungen gewettet – «der ganze Scheiß, der geil und heilig war, bis die Blase platzte».  Auch wenn in der Küche immer noch DJ Ötzi seinen Hit «Ein Stern, der deinen Namen trägt » plärren darf, steht Naujoks kurz vor dem Ruin. Seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Und dann kommt an jenem Abend dieses merkwürdige Paar in sein Restaurant: Sie, dieses Was will dieser blasse, verlegen wirkende Mensch in einem Sternerestaurant mit seinen empörend kleinen Portionen? Und auch seine Begleiterin passt in dieses Ambiente nicht rein, dieses, zugegeben: hinreißend attraktive Landei, das zu Hause am liebsten «Schniposa» bestellt, Schnitzel-Pommes-Salat. 


Hentschel. Polizeiobermeister Axel Hentschel, 42 Jahre alt, erste graue Strähnen im Haar. Er war einmal eine ziemlich große Nummer, damals, als er beim Sondereinsatzkommando und dann beim Personenschutz den dicken Max gab. Vorbei ist vorbei, nun fährt er wieder Streife in Abschnitt 36. An diesem Abend will er unbedingt noch seinem kleinen Sohn das Geburtstagsgeschenk vorbeibringen, eine Sheriff-Ausrüstung. Hentschel ist auf dem absteigenden Ast, beruflich wie privat. Seine Frau Roya, hat ihn verlassen, pflegt ihre Affäre mit Goran Kostic, dem Abschnittsleiter. «Das ist jetzt mit ihm: Sein Sohn hat keinen Vater. Seine Frau vögelt einen anderen. Fick dich, Kostic. Fick dich.»
«Geil, Hentschel, das wird eine geile Nacht», freut sich Kollege Weber, der mit ihm auf Streife geht. Geil? Die Nacht wird alles andere als geil. Blut wird fließen, Menschen werden sterben – auch einen von ihnen wird es erwischen.

Bis ans Ende der Nacht


An diesem Abend geschieht in Naujoks Restaurant etwas, das eine unvorhersehbare, irre Dynamik in Gang setzt. Ein Versehen, eine unglückliche Reaktion, eine slapstickhafte Verkettung bizarrer Vorkommnisse. Es ist wie beim Dominospiel. Fällt der erste Stein, folgen alle weiteren. Eine Katastrophe bahnt sich an. Eine Flasche Wein fliegt durch die Luft. Ein Aquarium mit teuren Fischen aus aller Welt geht zu Bruch. Ein Mann dreht durch, ein anderer gleich mit. 


Ein Abend geht vor die Hunde. Der Traum von einer gemeinsamen Zukunft ist ausgeträumt. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Kein Happy End nirgendwo. Am Ende dieser Nacht werden nicht mehr alle, die das Schicksal hier zusammengeführt hat, am Leben sein – in dieser Stadt, diesem «riesigen Organismus, für den die Menschen nur ein Rohstoff sind».

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