30.05.2016   von rowohlt

Jonathan Franzen meets Karl Kraus

Aggressiv, genialisch, einsam, wahnsinnig, visionär ... Über den Wiener Großschriftsteller Karl Kraus

© Beowulf Sheehan
© Beowulf Sheehan

Jonathan Franzen ist ein begnadeter Romancier und brillanter Essayist. Er schreibt über Familien und Kindheitserinnerungen, über seltene Vögel, windumtoste entlegene Inseln und tote Freunde. Für dieses Buch ist «Amerikas Gesellschaftsromancier Nummer eins» (Die Welt) neue Wege gegangen. «Das Kraus-Projekt» ist ein Solitär: 300 Seiten über den großen Wiener Satiriker Karl Kraus (1874–1936), einen Heroen von Franzens wilden Jahren. Der Band besteht aus zwei von Kraus' wichtigsten Aufsätze (über Heinrich Heine und Johann Nestroy) – und mehreren hundert Seiten Fußnoten. Und das soll man lesen? Unbedingt!

Vatermord und Vatersuche

Ein Wort zur exzentrischen Editionsgeschichte des «Kraus-Projekts». Fast zweieinhalb Jahrzehnte lagen die Übersetzungen der Kraus-Aufsätze («Heine und die Folgen», 1910, «Nestroy und die Nachwelt», 1912) in Franzens Schublade. Handwerklich fand er sie zu unvollkommen, um an eine Veröffentlichung zu denken; vor allem aber war er noch nicht der Mann, der er durch die weltweit gefeierten Romane «Die Korrekturen» und «Freiheit» wurde. 


2007, in einer Schreibpause an «Freiheit», setzte Jonathan Franzen sich an die Überarbeitung seiner alten Übersetzungen. Ermutigt und unterstützt wurde er dabei von Daniel Kehlmann und dem US-Germanisten Paul Reitter (Professor am German Department der Ohio State University). Ein Dreiergespräch, ein so spannendes wie ambitioniertes Projekt.


Hier einige gute Gründe, sich für Franzens «Kraus-Projekt» Zeit zu nehmen, und zwar unabhängig davon, wie man zu Karl Kraus' Haltung zum Dichter Heine – eine «Erledigung» erster Klasse, Stichwort: Vatermord – und zum Dramatiker Nestroy – eine Ehrenrettung de luxe, Stichwort: Vatersuche –  steht.

Hasser, Blogger, Fackelträger

1. Karl Kraus, der «große Hasser». Aggressiv, genialisch, einsam, wahnsinnig, visionär: Der Wiener Großschriftsteller, fast alleiniger Autor der legendären Zeitschrift «Die Fackel», wurde bewundert für den heiligen Zorn, mit dem er schrieb – und gefürchtet für die unbarmherzige Schärfe, die Häme seiner Streitschriften. «Das Schlimmste, was meine Leser über mich sagen können, ist: Ich kenne Karl Kraus.» Ein typischer K.K.-Satz. Auf der Rückseite der «Fackel», seines Lebenswerks, prangt der kalte Satz: «Zusendungen welcher Art sind immer unerwünscht.» Im bunten Geistesleben des Wiener Fin de Siècle war einer wie Kraus wie eine entsicherte Handgranate.


2. Karl Kraus, Fackelträger & Blogger. Auch wenn Kraus das heutige digitale Universum (mit Facebook und Twitter, Apple und Amazon, Google und YouTube) vermutlich leidenschaftlich hassen würde: Franzen könnte sich den Wiener Satiriker und Aphoristiker bestens als Netz-Aficionao vorstellen, wie er im ZEIT-Gespräch mit Peter Kümmel und Daniel Kehlmann erwähnt: «Seine Texte waren wie Blogger-Texte: eigene Sätze und Zitate, es fehlen nur die Hyperlinks. Er würde vermutlich 26 Stunden am Tag das Netz nach Material durchsuchen.» Die Bandbreite seiner Themen war immens, «sie reichte vom Gebrauch von Präpositionen bis zum Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg –, doch ihr thematischer Kern war immer Kraus' Kritik an der Wiener Presse. Auch das verleiht der Fackel etwas Bloghaftes.»


3. «Das Kraus-Projekt» macht Spaß! Die erste, sehr ausführliche Fußnote zu «Heine und die Folgen» ist so etwas wie der Soundcheck zum Buch, phantasievoll und originell, rasant und temperamentvoll: «Zwar hatte er (Heinrich Heine, d.R.) etwas von der Streitlust, dem politischen Ehrgeiz und dem selbstdarstellerischen Talent Norman Mailers und von der Zitierbarkeit Mark Twains, aber sein Nachruhm lässt sich eher mit der Popularität eines Bob Dylan als mit der eines Schriftstellers vergleichen. Für seine zahlreichen Bewunderer, insbesondere in Frankreich, war Heines Flucht 1831 vor der deutschen Repression ins Pariser ‹Exil› ein Ereignis von kultartiger Bedeutung, ähnlich dem Moment, als Dylan beim Newport Folk Festival 1965 zur E-Gitarre wechselte.» Von wegen «sounds of silence»!

Wider die Tyrannei der Nettigkeit

4. Ein Stück Franzen-Autobiografie! Als junger, wilder und extrem ehrgeiziger Nachwuchsromancier war der in einem Vorort von St. Louis aufgewachsene Franzen immer auf der Suche nach negativen Autoritäten, an denen er sich abarbeiten konnte: John Updike («affektiert» und «analfixiert»), Philip Roth («überdeutlich»). Da kam ihm Kraus, der «große Hasser», der unerbittliche Gesellschafts- und Sprachkritiker, gerade recht. Ihn hatte er während seiner Zeit in Berlin kennen und lieben gelernt. Karl Kraus war spektakulär ungerecht, zynisch, aggressiv – und doch auch immer wieder großartig, als Stilist und Marodeur. Kraus machte keine Gefangenen, und das kam bei Franzen in seiner «Punkphase» bestens an. «Damit möchte ich auf mich selbst zu sprechen kommen, da ich meine eigene Geschichte ohnehin schon in die von Kraus hineinlese …» (Sehr apart übrigens die Gedanken über die Unmöglichkeit, das Herz einer Frau zu gewinnen, wenn man, wie der junge Franzen in den 1980er Jahren, Liebesbriefe im Stile von Pynchons «Enden der Parabel» schreibt …)


5. Amazons «schöne neue Welt». Jonathan Franzen wütet zwar nicht wie der gefürchtete Literaturagent Andrew Wylie gegen den Digitalgiganten Amazon, freundliche Worte aber findet er für das Imperium von Bezos & Co. auch nicht: «In meinem kleinen Winkel der Welt, sprich der amerikanischen Literatur, ist Jeff Bezos von Amazon vielleicht nicht der Antichrist, aber er sieht eindeutig aus wie einer der vier apokalyptischen Reiter. Amazon wünscht sich eine Welt, in der Bücher entweder von den Autoren selbst oder von Amazon verlegt werden, mit Lesern, deren Bücherauswahl von Amazon-Rezensionen abhängt, und Autoren, die für ihre eigene Werbung verantwortlich sind. (…) Wie eine Apokalypse sieht das nur für den aus, dessen Freunde zum überwiegenden Teil Schriftsteller, Verleger oder Buchhändler sind (wie es bei mir der Fall ist).»

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