04.01.2016   von rowohlt

«Istanbul – diese Stadt ist wie Lava»

«Wie wir versuchten, in Istanbul heimisch zu werden» – Der Erfahrungsbericht des Journalistenpaars Susanne Landwehr und Michael Thumann

© Agata Skowronek
© Agata Skowronek

«Dies ist die Geschichte einer Emigration auf Zeit. Viele Deutsche denken bei dem Wort ‹Migranten› an den Zuzug von Nichtdeutschen in ihr Land. Wir wollen von unserem Weg in die umgekehrte Richtung sprechen.» Susanne Landwehr, Berliner Korrespondentin der Deutschen Verkehrs-Zeitung (DVZ) und Michael Thumann, Außenpolitischer Korrespondent der ZEIT, haben mit ihren beiden Söhnen sechs Jahre in Istanbul, der Millionenmetropole der Türkei, gelebt: «sechs beglückende und spannende Jahre». Und doch verließen sie Istanbul «am Ende mit dem Gefühl, dass es für uns Zeit war zu gehen.»

Konstantinopel, Byzanz, Istanbul

Wer wissen will, wie es ist, Istanbul nicht nur für ein langes Wochenende zu besuchen und die touristischen Highlights im Affenzahn abzuarbeiten, sondern als Ausländer dort zu leben, kommt um das offene, kritische, lebendig geschriebene Buch der beiden Journalisten Thumann und Landwehr nicht herum. Ob Essen, Arbeiten oder Autofahren, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und Generationen, die Zustände in den Kindergärten und Schulen – hier erfahren wir plastisch, wie viel  Stress (und manchmal auch Spaß) der Zusammenprall verschiedener Kulturen machen kann.


Die Familie hat sich bewusst gegen das Leben in einem Ausländerghetto der Stadt entschieden. Ein Mehrfamilienhaus in einer normalen türkischen Nachbarschaft im Stadtteil Arnavutköy am Bosporus, weit von Touristen-Hotspots wie der Hagia Sophia oder der Barszene von Beyoglu. Istanbul ist riesig und wächst immer weiter, vierzehn Millionen Menschen, mehr als ein Viertel der türkischen Gesamtbevölkerung, leben hier; Beton, Stahl, Glas, Asphalt – und erschreckend wenige Parks und freien Grünflächen. «Diese Stadt ist wie Lava. Sie weitet sich unaufhörlich, begräbt alles Grün unter sich, macht nur an natürlichen Grenzen halt. Im Norden findet sie ihr ende am Schwarzen Meer. Im Süden stößt sie an eine unüberwindliche Küste – das  Marmarameer. Nach Westen streut sie ihre Vororte bis nach Edirne nahe der bulgarischen Grenze. Im Osten aber franst sie aus, da ist noch viel Platz, die Vorstädte fressen sich weit nach Anatolien hinein.»


Auch wenn es am Ende Zeit war zu gehen (auch weil der Aufenthalt in der Türkei von vornherein als zeitlich begrenzter geplant war): Die Autoren und ihre beiden Kinder haben Istanbul geliebt, trotz aller Irritationen und dem «ständigen kleinen Scheitern im Alltag».


Zum Einlesen möchten wir Ihnen einige Passagen aus dem Kapitel über die Eigenheiten der türkischen Sprache vorstellen. Willkommen im klingenden Universum der Üs und Ös!

«Gürültülü» und «görüntülü»

«Von den Gepflogenheiten abgesehen, mühten wir uns über die Jahre mit Türkisch, das schwerer ist, als wir zunächst annahmen. Die Sprache setzt sich wie ein Baukastensystem zusammen. Der Sinn der Konstruktion erschließt sich erst, wenn der ganze Satz gesagt ist, weil die wichtigsten Informationen hinten angehängt werden. Bei Verben und Nomen werden zum Beispiel alle Endungen angehängt, die anzeigen, um wen oder was, um welche Zeit und um welche Zahl von Personen oder Dingen es geht. Allen, die fragten, wie denn das Türkische so sei, antworteten wir: Man spricht von hinten nach vorne, also nicht: «Ich möchte, dass du kommst» sondern «Dein Kommen möchte ich».


Es gibt auch keine Präpositionen. Çocuk için heißt nicht «für das Kind», sondern «das Kind für». Bis wir diese und kompliziertere Konstruktionen fehlerfrei und flüssig sprechen konnten, verging einige Zeit. Dabei haben wir als Deutsche den Vorteil, dass fast alle Laute in unserer Sprache auch im Türkischen vorkommen.(...) Mit der Aussprache hatten wir also die wenigsten Probleme.


Oft mussten wir lachen, weil Türkisch auch lustig klingt wegen der vielen Vokale, die sich in einem Wort wiederholen. Und wir fanden sie faszinierend wegen ihrer inneren Ordnung und Logik. Schwierig waren für uns Wörter, auf die wir zunächst wie auf rätselhafte Buchstabenhaufen schauten, die irgendjemand wahllos zusammengestellt hatte. Ucuz, uzak und uzun – billig, weit und lang – waren drei Begriffe, die wir erst im Laufe der Zeit und im Zusammenhang lernten. Zu schaffen machten uns auch die vielen Üs und Ös in einem Wort, die wir der sogenannten Vokalangleichung zu verdanken hatten.

«Güle güle» = Auf Wiedersehen (und: Bleiben Sie lächelnd)

Sie folgt einer grundsätzlichen Regel: Dunklen Vokalen wie a, o und u folgen dunkle Vokale, hellen Vokalen wie e, i, ö und ü folgen helle Vokale. Das Wort gürültülü heißt, wie es klingt: «laut», nicht zu verwechseln mit görüntülü – «live». Die Bezeichnung der Brillengrasmücke folgt derselben Regel und heißt: gözlüklü çalibülbülü. Fragt man jemanden, ob er etwas gesehen habe, muss nach der Verbform gördünüz die Fragepartikel mü folgen. Um zu verstehen, was Kültür müdürlügü (Kulturdirektorium) heißt, muss man im Almanca sözlügü (deutschen Wörterbuch) nachschauen. Sie können es gern versuchen nachzusprechen. Kleiner Tipp: Lassen Sie die Lippen gleich gespitzt und angespannt, dann geht es flüssiger.


Die Faszination vom Anfang und Leidenschaft für die Sprache blieb bis zuletzt. Denn sie hält viele kleine Redewendungen parat, die für das gute Miteinander sorgen. Und wer sie als Ausländer kennt und im richtigen Moment anwendet, hat schon mal die Sympathien auf seiner Seite. Der Tag beginnt natürlich wie überall auf der Welt mit einem freundlichen «Günaydin» – «Guten Morgen». Doch viel netter ist es, wenn wir noch ein «Nasilsiniz?» – «Wie geht es Ihnen?» nachschoben. Natürlich erwartet niemand eine lange Antwort, keine langen Schilderungen von der kaputten Kaffeemaschine am Morgen, keine Krankengeschichten der vergangenen Wochen. Nein, es geht um das Wahrnehmen des anderen und natürlich um die Antwort: «Iyiyim» – «Mir geht es gut». Dann um die Gegenfrage: «Siz Nas?isiniz?» – «Und wie geht es Ihnen?» Gut natürlich. Und dann kann man, wenn man will, noch in die Details gehen.


Gingen wir später aus dem Haus und sahen den Hausmeister die Straße fegen, dann sagten wir: «Kolay gelsin!» – «Möge es leichtfallen». Erkrankten die Kinder, wünschten uns die Nachbarn «Geçmi? olsun» – «Möge es vorübergehen». Über den Abschiedsgruß «Güle güle» lernten wir, dass er noch erweiterbar war. Er heißt nicht nur «Auf Wiedersehen», wörtlich «Bleiben Sie lächelnd», sondern wird auch genutzt, wenn man sich zum Beispiel ein schönes Kleid kauft. Dann sagt die Verkäuferin zum Abschied «Güle güle giysin». Dieser Gruß beinhaltet neben dem Abschied auch die guten Wünsche, dass sich die Trägerin darin wohl fühlen solle (…)»

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