25.05.2018   von rowohlt

Irgendetwas stimmt nicht in Hawksyard

Spannend, realistisch, politisch brisant: Lone Theils' neuer Kriminalroman aus der Welt der Menschenjäger

Auf der Flucht aus dem Iran wird der Dichter Manash Ishmail von seiner Frau getrennt. Während sich Aminas Spur in England verliert, landet er selbst in einem dänischen Auffanglager. Eine Vorzugsbehandlung erfährt der preisgekrönte Schriftsteller jedoch nicht. Zahlreiche Journalisten wollen ein Interview, doch Manash gewährt einzig Nora Sand ein Gespräch – im Gegenzug soll sie als London-Korrespondentin ihrer dänischen Zeitung seine Frau ausfindig machen. Noras Suche führt sie tief in die Welt der illegalen Einwanderer und Behörden, zu skrupellosen Firmen und Einrichtungen, die aus der Not der Flüchtlinge Kapital schlagen wollen. Und dabei über Leichen gehen …


Auch in ihrem neuen Krimi lässt Lone Theils ihre Heldin Nora Sand zwischen England und Dänemark ermitteln. Im Interview versucht die dänische Autorin, die sechzehn Jahre in  London gelebt und gearbeitet hat, erst gar nicht, die Nähe zu ihrer Protagonistin zu leugnen. Zumindest nicht, was gewisse Obsessionen betrifft:

Drei Ks – die Leidenschaften der Lone Theils


Kriminalromane. «Die Liebe zu einem guten Verbrechen … Schon als Kind haben mich gute Detektivgeschichten begeistert, erst Sherlock Holmes, später Agatha Christie. Ich hatte auch die leicht verstörende Angewohnheit, mir aus der Schulbibliothek Bücher über reale Verbrechensfälle auszuleihen. Geschichten über echte Morde, bei denen mir das Blut in den Adern stockte. Trotzdem konnte ich die Finger nicht davon lassen. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages Krimiautorin zu werden, und Journalismus schien eine gute Vorbereitung dafür zu sein.»


Kochen & Kochbücher. «Ich liebe es zu kochen und besitze eine beschämend große Kochbuchsammlung. Mir sind schon zwei Regale zusammengebrochen, weil Kochbücher so schwer sind und normale Regale irgendwann einknicken. Beim Kochen entspanne ich, und ich gehe lieber Lebensmittel einkaufen als Kleidung. Auf Reisen suche ich immer nach Märkten und kaufe komisches Zeug. Ich habe aus Neugier schon einige seltsame Sachen probiert, unter anderem Krokodilschwanz, Ziegensuppe mit gekochten Bananen (in Afrika), Grashüpferbeine und lebende Ameisen (Letzteres, als das dänische Restaurant Noma gerade in London seine Zelte aufgeschlagen hatte).»


Kickboxen. «Kickboxen ist großartig. Für mich ist das Zen. Nach dem Training geht es mir wunderbar. Die Leute denken immer, Kickboxen mache aggressiv, aber ich bin danach entspannt und im Reinen mit der Welt. Natürlich weiß ich, dass ich jedem Angreifer mit einem Tritt die Rippen brechen könnte, das gehört zu mir. Als Schriftstellerin lebt man viel im Geist. Beim Kickboxen konzentriere ich mich auf meinen Körper und meine Instinkte. Ich möchte keines von beidem missen.»


So viel zu den drei Ks. Lone Theils' beklemmend realistischer Kriminalroman konfrontiert uns mit einer brutalen Episode jenseits der Normalitätsfassade staatlich organsierten Flüchtlingspolitik:

Wo ist Amina?

 


Seit Manash Ishmail in Dänemark ist,hat er alle Interviewanfragen kategorisch abgelehnt. Für seine Sammlung blauer Gedichte hat er den Literaturnobelpreis erhalten. Kein Wunder, dass sich alle kulturinteressierten Medien um ihn als Gesprächspartner reißen – ihn, den gebürtigen Iraner, begnadeten Dichter und Flüchtling aus dem Land der Mullahs. Aber Manash, der als Beamter im iranischen Energie- und Wasserministerium arbeitete, ehe er sich der Lyrik verschrieb, ist nicht nach Öffentlichkeit zumute. Einst in seiner Heimat hofiert, geriet er wegen angeblicher Kritik an der Theokratie ins Fadenkreuz der Gotteswächter. 


Er verlor seinen Job, dann seine Freiheit. Wochenlang war er im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert. Als er dank energischer Proteste des internationalen PEN-Verbandes auf freien Fuß gesetzt wurde, nutzten er und seine Frau die erste Gelegenheit zur Flucht ins Ausland. Im dänischen Exil lebt Manash unter elenden Bedingungen in einem Übergangsheim für Asylsuchende – Privilegien als Dichter von Weltruhm genießt er dort nicht. Die bürokratischen Schikanen, die Enge der Unterkunft, der Lärm, die aufdringlichen Gerüche – all dies würde er klaglos ertragen, wenn nur Amina bei ihm wäre. Amina, seine geliebte Frau, der er einst sein schönstes Liebesgedicht widmete.


Aber Amina ist verschwunden. Das Paar wurde auf der Flucht getrennt; das Einzige, was Manash hat in Erfahrung bringen können, ist, dass Amina London heil erreicht hat. Dann verliert sich ihre Spur. Als Manash erfährt, dass die dänische Wochenzeitung Globalt eine London-Korrespondentin beschäftigt, kommt es zu einem Deal: Nora Sand soll Amina suchen, im Gegenzug bekommt sie für ihr Magazin ein Exklusivinterview mit dem iranischen Dichter. Eigentlich hat Nora in diesen Tagen keinen Kopf für diesen Job – ihr Freund Andreas hat gerade erfahren, dass die Frau, die er wegen Nora verlassen hat, von ihm schwanger ist.  Aber als sie Manash in all seiner Verzweiflung trifft, ist ihr klar: Sie wird alles daransetzen, die Verschwundene zu finden.

Deckname «Felixia»


Was Nora aber nicht klar ist: mit welch skrupellosen Kontrahenten sie sich bei dieser Recherche anlegen muss. Menschen, denen das Schicksal der aus ihren Heimatländern Geflohenen gleichgültig ist. Konzerne, die für ihren Profit über Leichen gehen. Nora kontaktiert Tom Craven, Manashs Lektor; Fehlanzeige – auch er hat nichts von Amina gehört. Bis ihn ein Anruf erreicht, atemlos, in gebrochenem Englisch: «Hallo Tom, in London, treffen Zainab, im Women Help Center. Handy gestohlen, habe keine Telefonnummer.» Danach verliert sich die Spur von Manashs Frau.


Ob Aminas Verschwinden mit ihrem Bruder Aziz zu tun hat, einem von fünf Projektleitern des iranischen Atomprogramms? Aziz ist untergetaucht, es sind gleich mehrere Geheimdienste, die fieberhaft nach ihm suchen. Und was hat die die Firmen PharmaCorp und ErBiTech mit dem Fall zu tun? Offenbar steht man kurz vor der Markteinführung eines spektakulären Medikaments, dem ähnlich fulminante Erfolge zugetraut werden wie Viagra. Nur dass es nicht um sexuelle Potenz geht, sondern um die Bekämpfung des weltweiten Gesundheitsrisikos Übergewicht. 


Als Nora herausfindet, dass zu den Kooperationspartnern des Pharmaunternehmens auch SecurCorp gehört, schrillen bei ihr sämtliche Alarmglocken. SecurCorp betreibt Hawksyard, ein gefängnisartig organisiertes Auffanglager für abgewiesene Asylbewerber – meist Frauen und Kinder –, die auf die Klärung ihres Immigrationsstatus warten. Schon bei ihrem ersten Besuch in Hawksyard ahnt Nora, dass hier Furcht erregende Dinge geschehen.


Am Ende ist es nur einem glücklichen Umstand zu verdanken, dass Nora einen perfiden Mordanschlag unbeschadet übersteht (ihre Begleiterin wird in London vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen). Zum Glück hat sie Freunde wie ihren Lieblingskollegen Pete. Er ist an ihrer Seite, als sie ein zweites Mal nach Hawksyard aufbricht – dorthin, wo Amina zum letzten Mal lebend gesehen wurde …

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