27.03.2017   von rowohlt

Hätte Hanns Martin Schleyer gerettet werden können?

1977 und die Folgen: Anne Ameri-Siemens lässt die Zeitzeugen des Deutschen Herbstes sprechen

40 Jahre sind seit den tödlichen Schüssen von Karlsruhe, Frankfurt, Köln und Frankreich vergangen. Anne Ameri-Siemens erzählt, wie der Terror der Roten Armee Fraktion ein ganzes Land durchdrang und dann, nach der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer, die Bundesregierung unter Helmut Schmidt vor die furchtbare Alternative stellte: entweder neun RAF-Gefangene freizulassen oder den Tod der Geisel in Kauf zu nehmen. In Gesprächen mit der Autorin berichten Politiker, Justizvollzugsbeamte, Anwälte, Journalisten und Angehörige der Opfer, wie sie den Deutschen Herbst erlebt haben.

«All diese Bilder, die das kollektive Gedächtnis verkleistern …»


Wer gab die tödlichen Schüsse auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 in Karlsruhe ab, was steht in den Akten über Verena Becker, die der Verfassungsschutz bis heute nicht herausgerückt hat; wo steckt das nie gefasste RAF-Mitglied Friederike Krabbe … Es seien, schreibt Ulrike Baureithel im Freitag, nicht die noch immer offenen Fragen zu einzelnen Kommandoaktionen der RAF, die uns umtreiben. «Im 40. Jahr nach den Schüssen und fast 20 Jahre nach der offiziellen Auflösung der RAF liegt die Herausforderung nicht mehr in der Aufklärung von Details, sondern in den Schuldzusammenhängen, die die selbsternannte Rote Armee Fraktion und den deutschen Staat wohl für immer zusammenschweißen.» 


Stand in Anne Ameri-Siemens' Bestseller «Für die RAF war er das System, für mich der Vater» (2007) die Aufarbeitung des Terrorjahres 1977 aus der Perspektive der Opfer im Vordergrund, widmet sich die Print- und Fernsehjournalistin in ihrem neuen Buch jenen «Schuldzusammenhängen», die die Akteure von damals, Staat und RAF, aneinander gekettet haben. Hätte das Leben von Hanns Martin Schleyer gerettet werden können? Auch darum geht es in diesem Buch. Als Angehörige der sog. «Kleinen Lage», des engsten Beraterkreises um Bundeskanzler Helmut Schmidt, quält diese Frage Hans-Jochen Vogel bis heute. 1977 fiel ihm als Bundesjustizminister in der Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt die Aufgabe zu, in den quälenden Tagen nach der Schleyer-Entführung in täglichem Gesprächskontakt mit der Familie des Arbeitgeber-Präsidenten zu bleiben. 


Die Bilanz von 28 Jahren «bewaffnetem Kampf»: «Vierunddreißig Morde. Fünfhundert Millionen Mark Sachschaden. Einunddreißig Banküberfälle, Beute: sieben Millionen Mark. Einhundertvier von der Polizei entdeckte konspirative Wohnungen. Einhundertachtzig gestohlene Pkw, dazu über eine Million Asservate – Geld, Waffen, Sprengstoff, Ausweise. Die Folgendes Terrorismus: weitreichende Eingriffe in das Rechtssystem der Bundesrepublik und eine drastische Verschärfung des innenpolitischen Klimas.»


Wir dokumentieren einige Passagen aus Anne Ameri-Siemens' Gesprächen mit insgesamt 15 Zeitzeugen. (Im Anhang des Buches findet sich eine 21-seitige Geschichte der RAF  – vom Gründungsdokument in der Anarcho-Zeitschrift agit 883 vom Juni 1970 bis zur Selbstauflösungserklärung vom 20. April 1988 –, die die Orientierung über die Akteure von damals, Täter wie Opfer betrifft, ungemein erleichtert.)

«Ich habe Helmut Schmidt in dieser schwierigen Phase bewundert ...»


Hanns-Eberhard Schleyer. Die Nachricht vom Tod meines Vaters nahm ich in der Nacht vom 19. Oktober 1977 entgegen. Es muss kurz vor Mitternacht gewesen sein. Meine Brüder, meine Mutter und ich hatten auf den Anruf des damaligen Justizministers Hans-Jochen Vogel mehrere Stunden lang gewartet. Die Anspannung dieser Stunden und der letzten Wochen wich mit einem Mal. Ich spürte nur noch eine große Leere, als Vogel uns mitteilte, dass die Suche nach meinem Vater vorbei sei. So endete der Herbst.


Hans-Jochen Vogel.  Trage ich Schuld am Tod von Hanns Martin Schleyer? Im hohen Alter, gerade jetzt, da der eigene Tod näher rückt, denke ich oft darüber nach. (…) Haben wir uns schuldig gemacht? Die Frage begleitet mich seit 1977. Und die anderen von damals, die noch leben, sicher auch. Vier Jahrzehnte des Nachdenkens, aber ich komme immer wieder zu demselben Ergebnis: Ich habe Hanns Martin Schleyers Tod zwar nicht verschuldet, aber mitverursacht habe ich ihn doch.


Burkhard Hirsch.  Die Nachricht vom Tod der Gefangenen in Stammheim traf uns tief. Damit spitzte sich die Lage für Hanns Martin Schleyer weiter zu. Jeder Beamte des BKA und der Landespolizei, die ohnehin seit sechs Wochen unter enormem Druck arbeiteten, wusste: Jetzt geht es nur noch um Stunden. Der Zorn der Terroristen, ihr Ziel nicht erreicht zu haben, und der Hass auf den Staat, würden als Erstes Hanns Martin Schleyer treffen.
Ich habe Helmut Schmidt in dieser schwierigen Phase bewundert, ja, während der gesamten Dauer der Entführung. Er führte die Sitzungen der Beraterkreise mit großem Ernst, knallhart und ohne jede Emotion. In seinem Inneren wird es mit Sicherheit anders ausgesehen haben – wie in jedem von uns.


Gerhart Baum. Die Frage, ob es eine moralische Verpflichtung gegeben hätte, Schleyer durch den Austausch zu retten, gerade wegen der langen ergebnislosen Fahndung, ist überhaupt nie diskutiert worden. Der Staat hat diesen Punkt immer ausgeblendet. 2013 äußerte Helmut Schmidt öffentlich, dass von dem Augenblick an, als die «Landshut» entführt worden war, die einundneunzig Personen an Bord wichtiger gewesen seien als die eine Person, also Schleyer. Das darf nicht sein. Menschenleben darf niemals gegen Menschenleben verrechnet werden.

«Wir waren in den Augen der RAF-Gefangenen Lakaien»


Jan Philipp Reemtsma. Diese Bereitschaft, sich zu bekämpfen, Fronten aufrechtzuerhalten, auf allen Seiten, war signifikant für diese Zeit und die folgenden Jahre. (…) Zur Deeskalation trug niemand nennenswert bei. 1977 kam die Quittung dafür: Es gab die RAF, den Krisenstab und dazwischen eine große Sprachlosigkeit. Hinzu kam die alles bestimmende Angst unter den Leuten der unterschiedlichsten Lager. Die Linke war paranoid, weil jeder Zweite plötzlich dachte, die Polizei könne seine Bleibe durchsuchen und auf belastendes Material stoßen oder einem dies unterschieben. Andere, nicht nur Konservative, meinten, was sie seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hätten, sei nun wirklich in Gefahr. Man fürchtete um Sicherheit, aber auch um Wohlstand. Über das Opfer, das es zu retten galt, redete man gar nicht so viel.


Peter Jesse. Von der Isolation der Gefangenen – etwa von Ulrike Meinhof, die von Juni 1972 bis Februar 1973 im «Toten Trakt» der JVA in Köln-Ossendorf inhaftiert gewesen war – hatten wir natürlich gehört. Für die Gefangenen sind solche Maßnahmen fatal, denn sie ziehen seelische und körperliche Schäden nach sich. Acht Monate lang hatte Ulrike Meinhof in der stillen Abteilung in Köln-Ossendorf gesessen, in Einzelhaft, in einer gegen alle Außengeräusche abgedichteten Zelle, in der vierundzwanzig Stunden am Tag das Licht brannte. (…)  Die Empörung über die Haftbedingungen führte der RAF Sympathisanten zu. Denn wirklich mächtig war die RAF als Gruppe im Untergrund nicht gewesen. Mächtig wurde sie erst, als sich die Mitglieder im Gefängnis zu Opfern stilisierten. In Stammheim aber hatten sie bis zu dem Zeitpunkt, als Hanns Martin Schleyer entführt wurde, mehr als faire Haftbedingungen gehabt. Keiner von ihnen war je isoliert.


Klaus Eschen. Die RAF hatte in meinen Augen jeden politischen Anspruch verloren. Ihre Haltung störte mich daneben auch auf unmittelbarer, uns Verteidiger betreffender Ebene: Der Ton der Gefangenen war verachtungsvoll, ohne jede Wertschätzung. Es gab nie ein «Danke», nur Befehle. Ich habe nie verstanden, wie Ströbele dieses Fehlen zivilisierter Umgangsformen so lange hinnehmen konnte. Wir waren in den Augen der RAF-Gefangenen Lakaien. Aber wer über Lakaien verfügt, der muss in sich ja eine bestimmte Herren-Mentalität tragen, und die lehnte ich ab. Auch innerhalb der RAF war der Ton verroht, man gestand dem anderen keine Würde mehr zu – das war die Haltung gegenüber den Opfern, sie bestimmte aber auch das Verhalten der Gruppenmitglieder untereinander.


Friedrich Christian Delius. Es herrschte absolute Fassungslosigkeit, die Meinungen, die Gefühle, die Fragen kochten durcheinander: «Wie ist das möglich? Haben die Gefangenen resigniert, endlich? Oder wollten sie als Märtyrer abtreten? Die nächste Generation zur Rache anstiften? Oder wurden sie umgebracht? …» Wie immer in solchen Situationen sind die meisten Leute dann schnell mit Meinungen bei der Hand. Ich traute weder den RAF-Sympathisanten, die nun sofort von Mord sprachen, noch den Behörden, die von Selbstmord ausgingen. Auch in den folgenden Wochen und Monaten musste man nach links wie rechts rufen: Fakten bitte, keine Meinungen! Und wie sich nach jahrzehntelangen Recherchen vor allem von Stefan Aust gezeigt hat, war es ja wirklich keine eindeutige Sache, sondern: Es waren Selbstmorde, allerdings verfassungsschutzpolizeilich beobachtet, geduldet, vielleicht sogar gefördert.

«Es hätte eine realistische Chance auf Deeskalation gegeben …»


Hanns-Eberhard Schleyer. Um meinen Vater zu retten, hätte man mehr taktieren können, überhaupt taktieren, den Austausch vortäuschen können. Siad Barre war zur Kooperation bereit gewesen. Warum hat man mit ihm nicht vereinbaren können, die RAF-Gefangenen nach Somalia zu fliegen und sie dort wieder festzunehmen, nachdem mein Vater freigelassen worden wäre? Das wäre alles denkbar gewesen. Und zwar ohne damit auch das Leben der Passagiere in der «Landshut» zu gefährden. Die Rettung aller Geiseln, der Erfolg der Aktion, war ein großes Glück. Absehbar war dieser Erfolg nicht.


Stefan Aust.  Ich habe erst nach den Selbstmorden der Gefangenen erfahren, dass die RAF-Anwälte, allen voran Hans Heinz Heldmann, nachdrücklich versucht hatten, mit den Gefangenen in Kontakt zu treten und sie zum Einlenken zu bewegen. Es ist ein grober Fehler der Regierung Helmut Schmidt, dass sie diesen Weg nicht eingeschlagen hat. (…) Man hätte indes verhandeln sollen – und zwar von Anfang an. Es hätte eine realistische Chance auf Deeskalation gegeben, dessen bin ich sicher, wenn die «Kleine Lage» Vermittler eingesetzt hätte, die den Gefangenen ganz klar sagen: «Wir tauschen nicht aus, aber wir verhandeln mit euch. Es wäre klug, wenn ihr euch dafür aussprecht, dass Schleyer freikommt. Und übrigens, für die Zukunft: Egal, wen ihr noch entführt, wir werden uns niemals wieder auf einen Austausch einlassen.»


Heribert Prantl. Ich habe meine Schwierigkeiten mit der Argumentation von Helmut Schmidt: «Der Staat darf sich nicht erpressen lassen.» (…)  Ein starker Staat darf sich auch die vermeintliche Schwäche leisten, Forderungen von Verbrechern zu erfüllen. Der Regierungssprecher muss nicht vor die Mikrophone treten und sagen, der Staat darf sich nicht erpressen lassen. Wenn ich ganz tief in mich hineinhorche, glaube ich, dass ein wirklich starker Staat, um Menschenleben zu retten, auch nachgeben kann. Oder täuschen kann. Kurzzeitig, um die Rettung zu ermöglichen. Mir wird sehr unbehaglich, wenn die Stärke das bedeutet, was sie im Fall von Hanns Martin Schleyer bedeutet hat. Das Schleyer-Bild, das Gefangenenbild, habe ich bis heute im Kopf: Wie er den Pappkarton in seinen Händen hält und um eine schnelle Entscheidung des Krisenstabs bittet. Nach wochenlanger Geiselhaft.


Hanns-Eberhard Schleyer. Fest steht: Auch nach dem Tod meines Vaters mordete die RAF weiter. Sein Opfer hat vielleicht zehn, vielleicht zwanzig, vielleicht aber auch gar kein anderes Leben gerettet. Wer weiß das schon? Und steht über all dem nicht die Frage: Darf Leben mit Leben aufgewogen werden? Wäre die Entscheidung bei einem anderen Zahlenverhältnis anders ausgefallen? Sagen wir hundert oder zweihundert Geiseln in der Gewalt der Entführer und für die Polizei auch nach Wochen unauffindbar im Austausch gegen die inhaftierten Terroristen?

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