25.04.2016   von Tobias Escher

FC Bayern München gegen Atlético Madrid – 180 Minuten Rasenschach?

Eine Taktikanalyse des Champions-League-Halbfinals von Tobias Escher («Vom Libero zur Doppelsechs»)

© Tobias Escher/www.spielverlagerung.de
© Tobias Escher/www.spielverlagerung.de

2014: Der FC Bayern München scheidet im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid aus. 2015: Der FC Bayern München scheidet im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona aus. Und 2016? Pep Guardiola möchte mit seinen Bayern die Champions League gewinnen. Unbedingt. Doch ihn verfolgt ein Gespenst – ein spanisches Gespenst. Zwei von drei spanischen Spitzenklubs haben bereits Guardiolas Champions-League-Traum platzen lassen. Nun folgt der dritte spanische Platzhirsch: Atlético Madrid.

Unangenehmer Gegner

Atlético ist der vielleicht unangenehmste Gegner aus dem spanischen Trio. Bei Real Madrid und dem FC Barcelona ist es nicht schwer, die Stärken zu identifizieren – Lionel Messi und Cristiano Ronaldo überstrahlen alles. Atlético lebt jedoch vom Teamgeist – und von der defensiven Stärke. Kein Team macht es dem Gegner so schwer, Tore zu erzielen. 51 Pflichtspiele hat Atlético diese Saison absolviert. 32mal blieben sie ohne Gegentor. Nur sechsmal fingen sie mehr als ein Gegentor, dreimal davon gegen Barça. Ein Besuch bei Atlético ist das fußballerische Äquivalent einer Darmspiegelung.


Was macht Atlético defensiv so stark? Sie kombinieren Eigenschaften, die nur wenige Teams vereinen: Sie können einerseits hohen Druck ausüben, stehen aber gleichzeitig jederzeit kompakt und sichern die eigene Abwehr. Die Formation ist letztlich zweitrangig; Atletico kann sowohl im 4- 4-2, im 4-1-4-1 als auch im 5-4-1 verteidigen.


Wichtiger sind die Mechanismen in der Abwehr: Die Spieler verteidigen im Raum, halten ihre Positionen. Gemeinsam verschieben sie über das Feld, lassen zu keiner Zeit Lücken. Von einem Moment auf den anderen kann Atlético jedoch umschalten. Die Spieler schießen aus der Formation, jagen den Gegner. Der Unterschied zu anderen Teams: So schnell, wie die Spieler nach vorne sprinten, kehren sie auch wieder in die Formation zurück. Kein Team arbeitet so intensiv, aber gleichzeitig auch taktisch diszipliniert gegen den Ball.


Das Spiel mit dem Ball ist für Atlético zweitrangig. Chancen sollen über Standards oder schnelle Konter erzielt werden. Entscheidende Figuren im Offensivspiel sind Koke und Griezmann. Koke leitet vom Flügel aus viele Konter ein. Griezmann bietet sich im Zehnerraum an und kann mit seinen Pässen und Dribblings die entscheidenden Akzente setzen.

Was bietet Bayern?

Die Bayern müssen sich auch in der Bundesliga jede Woche gegen Teams erwehren, die eine Mauer am eigenen Strafraum aufbauen. Atlético hat eine andere Qualität. Dennoch dürfte der Ablauf der Partie klar sein: Atlético werden verteidigen und kontern, die Bayern werden das Spiel machen.


Guardiola hat in seiner Zeit bei den Bayern die taktische Flexibilität auf eine neue Stufe gehoben. Ob Dreierkette oder Viererkette, 4-2-3-1 oder 3-5-2 – die Bayern wechseln Formation und Taktik von einer Sekunde auf die andere. In den vergangenen Wochen ließ Guardiola den Wechselwahn sein. Er stellt seine Mannschaft fast nur noch in einem 4-3-3 auf – und setzt in der gleichbleibenden Formation auf eine erhöhte Eingespieltheit.


Guardiola hat sich bei Bayern weit von seinem Ruf entfernt. Noch immer glauben viele, er sei ein Trainer, der das Mittelfeld und Mittelfeldspieler über alles liebt. Das mag bei seiner Barça-Mannschaft so gewesen sein. Guardiolas Bayern sind wesentlich stärker auf die Flügel ausgerichtet. Die Abwehrspieler gestalten den Spielaufbau – und von dort aus geht der Ball direkt auf die Außenstürmer. Das Mittelfeld wird kaum mehr genutzt.


Gegen Atlético ist nun also die große Frage, ob die Bayern ihre Außenstürmer in Szene setzen können. Atlético dürfte mit einem hohen Pressing beginnen und Bayerns Abwehrspieler anlaufen, sich dann aber weit zurückziehen. Vor allem gegen Bayerns Außenstürmer dürfte sich Trainer Diego Simeone etwas einfallen lassen. Das Doppeln und Trippeln der Außen, also das Attackieren der Außen mit zwei oder drei Spielern, hat Jürgen Klopp vor einigen Jahren als Stilmittel bekannt gemacht. Simeone ist es zuzutrauen, dass er es perfektioniert.

Deutscher oder katalanischer Pep?

spielverlagerung.de-Autor Rene Maric stellte nach der Auslosung die entscheidende Frage: «Werden wir den spanischen oder den deutschen Pep sehen?» Der spanische Guardiola war experimentierfreudig, setzte auf ein starkes Mittelfeld-Zentrum. Der deutsche Guardiola ist konservativer, stärker auf die Absicherung von Kontern bedacht. Die Frage ist: Welcher Pep kommt am Mittwochabend zum Vorschein?


Eines scheint klar: Ein Spektakel dürfen wir nicht erwarten. Dafür ist Atlético defensiv zu stark und München zu ballsicher. Es dürfte ein taktischer Leckerbissen mit vielen kleinen und großen Duellen werden. 180 Minuten Rasenschach. Auch das ist Fußball.


Tobias Escher, Mitbegründer des Taktikblogs spielverlagerung.de, wurde vom «Medium-Magazin» 2013 unter die zehn besten Sportjournalisten Deutschlands gewählt. Neu bei rororo: «Vom Libero zur Doppelsechs», eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs. 

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