13.05.2016   von rowohlt

«Europa ist keine Ethnie, sondern eine Idee»

Schriftsteller, Religionswissenschaftler und Orientalist: Navid Kermani – ein Porträt in Interviewschnipseln

© Peter-Andreas Hassiepen
© Peter-Andreas Hassiepen

«Navid Kermani ist die wohl wichtigste intellektuelle Vermittlungsinstanz zwischen dem islamischen und dem westlichen Kulturkreis, die wir in Deutschland haben.» (Marin Ebel, Die Welt) Er ist prädestiniert dafür, Aktuelles auf seine historisch-kulturellen  Wurzeln zurückführen und so zwischen den «Weltanschauungs- und Weltwahrnehmungslagern» zu vermitteln. Der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und gläubige Muslim hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er «religiösen Analphabetismus» als Zeichen kollektiver Verarmung versteht. «Dieser Friedenspreisträger zeigt uns, was kritische Intellektualität heute zu leisten hat und was sie bewirken kann.» (Hubert Spiegel, FAZ)


Über «Dein Name»: «All dies und noch viel mehr ist drin in diesem monströsen, hybriden, ungemein faszinierenden Buch, das Maßstäbe gesetzt hat im Genre der Autofiktion, die gerade boomt.» (Martin Ebel, Die Welt)
Über «Große Liebe»: «Wundervoll doppelbödige Reflexion nicht nur über das Leben, sondern mehr noch über die Angst vor dem Verlust.» (Wiebke Porombka, FAZ)


Navid Kermani: 1967 als Sohn persischer Eltern geboren. Im Siegerland großgeworden, und zwar zweisprachig: persisch und deutsch (mit rheinischem Einschlag) – später kam noch Arabisch dazu. Habilitierter Orientalist. Arbeit als Journalist, Betreiber eines literarischen Salons. Mit «Dein Name» veröffentlichte er einen Roman in der Rekordlänge von 1200 Seiten, außerdem: Reportagen aus Krisengebieten, religionswissenschaftliche und ästhetische Abhandlungen. Mitglied der ersten Islamkonferenz. Wahlmann für die Grünen in der Bundesversammlung. Rede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes (am 23. Mai 2014). Zahlreiche Preise, u.a. Buber-Rosenzweig-Medaille, Heinrich-von-Kleist-Preis, Joseph-Breitbach-Preis, Hessischer Kulturpreis, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Navid Kermani lebt in Köln.


«Kermani ist einer der gelehrtesten und scharfsinnigsten Intellektuellen seiner Generation, zugleich aber ist er ein Autor und Redner, der die Sprache zum Singen bringt, auch wenn er ganz gelehrte Sachen vorträgt … Ein frommer Mensch, der zugleich Aufklärer ist. Im teils laizistisch zerfressenen, teils wellnessreligiösen Europa unserer Tage ist diese Verbindung für viele Leser kaum entzifferbar.» (Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung)


Hier die Interviewschnipsel:

«Der Koran ist seinem sprachlichen Ausdruck nach poetisch»

Literatur  und Politik. Ich habe gar nicht vor, irgendjemanden zu überzeugen, mir fehlt da ein bisschen die missionarische Ader. Ich möchte als Schriftsteller meine Arbeit so gut wie möglich tun. Vielleicht ist es das, was die Literatur vermag: die Grenzziehungen des politischen Diskurses zu durchbrechen und die Welt, auch die private, in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit erlebbar, spürbar zu machen. (1)


Mein Gott, Goethe! Selbst Goethes West-östlicher Divan wäre heute nicht mehr vorstellbar. Ein deutscher Dichter, der Arabisch lernt, den Koran preist und kein Problem damit hat, wenn man ihn Muslim nennt, würde vermutlich vom Verfassungsschutz beobachtet. (5)


Religion als sinnliche Erfahrung. Als Kinder erleben wir den Glauben in Sprache, Musik, Bildern und – denken Sie an den Weihrauch! – in Gerüchen. Vielleicht auch in der Zärtlichkeit, mit der die Mutter, der Vater am Bett mit uns das Nachtgebet gesprochen hat. (2)


Allah = Gott. Das Wort Allah bedeutet Gott. Es meint keinen Spezialgott. Arabische Christen sagen auch Allah, wenn sie Gott meinen. Und wenn ich Deutsch rede, sage ich Gott, nicht Allah. (…) Als mein Großvater 1963 durch Deutschland und Frankreich gereist ist, hat er seinen Gebetsteppich ständig in Kirchen ausgebreitet. Meine Mutter war in der Stadt einkaufen, mein Großvater hat in der Kirche gebetet – und wurde kein einziges Mal schief angeschaut. (5)


Der Islam, der Westen? Das Problem allerdings ist, dass diese Begriffe («Kampf der Kulturen», «Dialog der Kulturen», d. Red.) in den Köpfen festsetzen, dass Politiker, Terroristen, Intellektuelle agieren, als gäbe es den Islam, als gäbe es den Westen. (4)


«Mir geht die Opferrhetorik gehörig auf die Nerven»

Pauschalurteile. Ich kann mit pauschalen Urteilen nicht viel anfangen. Ich glaube, ich kenne genug Muslime, die sind integriert, und genug Deutsche, die halte ich für überhaupt nicht integriert. (…) Es hilft nichts, als zu schauen, wer ist eingewandert, wo kamen die her, welche Probleme haben die. Dann zeigt sich ziemlich schnell, dass es eine Reihe von kulturell bedingten Problemen gibt, die mit der Herkunftskultur der Einwanderer zu tun haben, diese Probleme aber nicht strikt entlang der religiösen Linie verlaufen. (4)


Gewalt und Religion. Wer so tut, als ob Gewalt und Religion nichts miteinander zu tun hätten, der macht sich geradezu lächerlich. Der europäische Faschismus hatte seine Ursachen auch in der europäischen Geistesgeschichte, und ebenso hat die islamische Spielart des Faschismus Ursachen auch in der islamischen Religion – was natürlich nicht heißt, dass beides identisch ist. (2)


Koran und Bibel. Der Koran ist nicht nur ein islamisches Buch, er ist auch ein christliches Buch, ein jüdisches Buch, er ist originär und zugleich eine Rezeption vorheriger Bücher. Umgekehrt hat die Bibel auch tief in den Islam gewirkt, wurde sie immer auch von Muslimen gelesen, weitergedacht, haben Muslime sich die biblischen Personen und Geschichten in ihre eigenen verwandelt. (1)


Die Vulgarisierung des  Koran. Man muss sich nur mal fünf Minuten mit diesen Menschen unterhalten, die in der Fußgängerzone den Koran in die Höhe halten: Ihr Wissen beschränkt sich meist auf ein paar Schlagwörter und Regeln, an denen sie sich wie an einem Vademecum festhalten. Sie haben keine Ahnung, dass der Koran kein Buch ist, sondern seiner eigenen Textgattung nach ein liturgischer Vortrag. (…) Diese Menschen reduzieren einen hochpoetischen, auch im Arabischen sprachlich hochkomplexen Text, der sich übrigens in jedem einzelnen Vers reimt, auf ein Gesetzbuch, das man bei Google nach Schlagwörtern durchscannt. (5)

«Ich glaube an Wünsche …»

Gewalt und Tradition. Leider leben wir in einer Zeit, in der sowohl katholische als auch islamische Traditionen wegbrechen; das ist nicht nur traurig, sondern gefährlich, weil Traditionen, die abgebrochen sind, meistens als Fundamentalismus, als etwas Reaktionäres zurückkehren, und dann entsteht Gewalt. (5)


Renaissance des Islam? Unter den vielen Missverständnissen, die es in Bezug auf den Islam gibt, ist das größte, dass er gerade eine Renaissance erlebt. Was wir erleben, ist der völlige Niedergang einer religiösen Kultur. Was wir erleben, sind die Zuckungen eines Gequälten, eines Siechenden, eines vielleicht schon Todkranken. Die Terroristen sind nicht Ausdruck der Stärke, sondern der kolossalen Schwäche des Islam in unserer Zeit. (5)


Wünsche. Ich glaube an Wünsche und dass sie mit oder ohne Gott in unserer Welt wirken. Ohne Wünsche hätte die Menschheit keinen der Steine auf den anderen gelegt, die sie in Kriegen so leichtfertig zertrümmert. (3)



Quellennachweis


(1) «Nähe schließt den Konflikt nicht aus» – boersenblatt.net, 18.6.2015


(2) «Religion ist eine sinnliche Erfahrung» – Zeit Online, 3.9.2015


(3) Navid Kermani: Friedenspreisrede, 18.10.2015


(4) «Mir geht die Opferrhetorik gehörig auf die Nerven» – Grenzgängerbeatz.de, 5.3.2009


(5) Was den Katholiken Martin Mosebach und den Muslim Navid Kermani am Glauben des jeweils anderen fasziniert – SZ-Magazin 35/2015


Top