21.09.2015   von rowohlt

Essaypreis TRACTATUS des Philosophicum Lech für Ulrich Greiner

«Schamverlust» – ein Buch, «das von großer Geisteskraft zeugt und zugleich extrem lustvoll zu lesen ist» (Barbara Bleisch)

© Christof Blome
© Christof Blome

Normalerweise steht Ulrich Greiner auf der anderen Seite – schon häufig war er als Juror tätig, der eine Laudatio zu halten hatte. Nun ist er beim 19. Philosophicum Lech für seinen bedeutenden Essay «Schamverlust» selbst geehrt geworden («eine elegant geschriebene und philosophisch profunde Geschichte unserer Schamkultur») – und das einen Tag vor seinem 70. Geburtstag. Der Jury des mit  25.000 Euro dotierten TRACTATUS-Preises gehören die Philosophin Barbara Bleisch, der ehemalige Hanser-Verleger und Schriftsteller Michael Krüger und der Autor und Philosoph Franz Schuh an.

Scham, Moral und Peinlichkeit

«Schamverlust» ist, anders als der Buchtitel vielleicht suggerieren könnte, kein Klagelied über die Schamlosigkeit, die moralische Verwahrlosung unserer Zeit. «Scham ist keine anerzogene Unart, die man sich abgewöhnen sollte, sondern die Bedingung von Moral schlechthin.» Scham ist für Greiner untrennbar verbunden mit dem Menschen, Scham steht am Anfang des Menschseins. Tiere, schrieb Darwin, können nicht erröten. Zur Scham gehören zwingend Reflexion und Erkenntnis.


Im Gespräch mit der österreichischen Tageszeitung Die Presse betont der langjährige Feuilletonchef der ZEIT: «Ich komme nicht zu dem Ergebnis, dass wir in einer Phase völliger Enthemmtheit leben. (…) Scham ist nicht denkbar ohne ein Gewissen. Scham ist die Bedingung für Moral und macht den Menschen aus. Einen Erwachsenen, der kein Schamgefühl hat, nennen wir Idiot. Peinlichkeit ist die abgeschwächte Form der Scham. Ein Gefühl, das nur im sozialen Kontext entsteht.»

Literatur als Archiv der Schamgeschichte

Das «Busenattentat» von 1969 und Richard Sennett, Charlotte Roche und Michel Houellebecq, Kafka, Kleist und Kierkegaard, Pirandello, Janet Frame und Lacan, Sartre, Dostojewski und Thomas Mann, Schnitzler, Fontane und Bourdieu, Ernst Jünger, Elias und Leif Randt – es ist ein gewaltiges Panorama von Stimmen und Haltungen, die Greiner aufmarschieren lässt, um den «Wandel der Gefühlskultur» zu beschreiben. Denn die Literatur ist ein einzigartiges Archiv der Schamgeschichte.

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