17.10.2017   von rowohlt

Sisyphos als glücklicher Mensch

«Ein wunderbar geschriebenes Buch» (F.A.S.) – Iris Radisch über die französische Literatur von Sartre bis Houellebecq

© iStockphoto.com
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Die französische Literatur der Nachkriegszeit war stets Programm, mal existenzialistisch, mal politisch, immer verführerisch. Iris Radisch begibt sich auf einen Streifzug durch die neuere französische Literatur und stellt die wichtigsten Autoren vor. Die ZEIT-Journalistin und Verfasserin eines Bestsellers über Camus lässt sich von ihren eigenen Treffen mit den Autoren leiten und liefert einen einfühlsamen Überblick über die Welt von Sartre und Duras bis zu Patrick Modiano, Yasmina Reza und Houellebecq. Das Buch ist ein persönlicher Kanon der bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs – und richtet sich an alle, für die das Land schon immer der kulturelle und literarische Sehnsuchtsort war. 


Iris Radisch versteht es hinreißend, uns in das literarische Paris seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu locken. Ihr Buch «Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben» ist nicht weniger als eine brillant geschriebene Geschichte der französischen Literatur der letzten Jahrzehnte – voller überraschender Episoden und Details. Von den legendären «Sartre-Jahren», als sich in den Künstlerwohnungen von Saint-Germain-des-Prés die intellektuellen Stars aus Literatur, Philosophie und Kunst wie Beauvoir und Camus, Leiris und Queneau, Picasso und Dora Maar, Genet und Éluard, Lacan und Bataille trafen, bis zur Rückkehr der Gegenaufklärer in den «Houellebecq-Jahren». 


Hier ein kleiner Zitatenstreifzug durch die Sartre-Jahre mit all ihrem politisch-moralischen Aktivismus – und dessen Konterkarierung durch Michel Houellebecq, den Extremisten der Einsamkeit. Zwischen den Polen Sartre und Houellebecq treffen wir auf viele andere französische Geistesgrößen dieser Jahre, zum Beispiel: Marguerite Duras, Robert Antelme, Samuel Beckett, Nathalie Sarraute, Michel Butor, Claude Simon, Roland Barthes, Alain Robbe-Grillet, Francoise Sagan, Julien Green, Eugéne Ionesco, E. M. Cioran, Henri Michaux, Georges Perec, Patrick Modiano, Assia Djebar, Boualem Sansal, Kamel Daoud, Aimé Césaire, Édouard Glissant, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Marie Ndiaye, Pierre Michon, Emanuel Carrère, Jean-Philippe Toussaint, Mathias Énard und Virginie Despentes. 

Befreiung liegt in der Luft – Die Sartre-Jahre


Jean-Paul Sartre … «stand vor wenigen Wochen zum letzten Mal in seinem Leben vor einer Schulklasse im Lycée Condorcet. Ende Mai war sein Stück Geschlossene Gesellschaft am Théâtre du Vieux-Colombier uraufgeführt worden. Ein großer Erfolg. Wenige Tage später landeten die Alliierten in der Normandie. Die Befreiung liegt in der Luft, und ein über Nacht berühmt gewordener und schielender Philosophielehrer ist ihr Held. (…) Kein Zweifel, der 39-jährige Schullehrer will an die Macht. Sartre, Pariser Bildungsbürgerkind und Absolvent der École Normale Supérieure, kennt die Regeln, nach denen im Quartier Latin gespielt wird. Er will zusammen mit dem Gallimard-Lektor Camus und seinem Schulkollegen, dem Philosophielehrer Maurice Merleau-Ponty, eine Zeitschrift gründen, er will ein Gruppenmanifest, er will die Pariser Theater beherrschen, er will Chansons schreiben, Drehbücher, Zeitungsartikel, Literaturkritiken, philosophische Grundsatzwerke; Letztere wenn möglich im Größenmaßstab von Martin Heideggers Sein und Zeit, seit seinem Berlin-Aufenthalt vor zehn Jahren die Lektüre, für die er sich begeistert. Die Zukunft ist ein freies Spielfeld, und Sartre ist dabei, seine Mannschaft zusammenzustellen, um es zu besetzen und der Nachkriegszeit seinen Stempel aufzudrücken.»


Castor und Pollux. «Es war unzweifelhaft Liebe zwischen dem besten und dem zweitbesten Abschlusskandidaten der École Normale Supérieure, an der die beiden sich 1929 kennengelernt hatten. Das Liebesarrangement von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre ist weltbekannt, oft kopiert und unerreicht: die Zweierbeziehung ohne Monogamie, ohne Heimlichkeit, ohne Geschirrspülen. Sie überdauerte alle Krisen und endete erst nach fünfzig Jahren mit Sartres Tod im Jahr 1980. Die lebenslange Arbeitsteilung der beiden war ein wichtiger Teil ihrer Erfolgsgeschichte. Er kümmerte sich um das Sein, die Freiheit, den Kommunismus, den Algerienkrieg, das Theater und die anderen großen Männer der französischen Kultur (Flaubert, Baudelaire, Mallarmé, Genet). Sie erfand den Feminismus und arbeitete am Mythos des Paares, indem sie in ihren Memoiren und Romanen die gemeinsame Geschichte minuziös für die Nachwelt aufbereitete.»


Simone de Beauvoir. «Was wurde an Simone de Beauvoir nicht alles bemängelt: der Rigorismus, die Kälte, das abgebremste Fünfziger-Jahre-Lächeln, der Bienenfleiß, die Frisur. Einer der häufigsten Vorwürfe entzündete sich an dem offenkundigen Widerspruch, dass die Ikone des Feminismus sich mit der Rolle der Pressesprecherin und Interpretin des französischen Meisterdenkers begnügt habe.
Ihre selbstverständlich ebenfalls über tausend Seiten starke Untersuchung der Lage der Frau von der Urzeit bis zur Moderne, die unter dem Titel Das andere Geschlecht 1949 erschien und das Patriarchat mit der Parole ‹Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht› in Aufruhr versetzte, vertrug sich nach Ansicht ihrer Kritiker nur schlecht mit den real existierenden Machtverhältnissen hinter den Kulissen des Modellpaares. Leben und Standardwerk, so hieß es, seien unvereinbar. (…)
Die Sprödheit und Widersprüchlichkeit Simone de Beauvoirs fallen, gemessen an ihrer Pionierleistung als erste öffentliche weibliche Intellektuelle, kaum ins Gewicht. Außerdem hat sie für sich nie in Anspruch genommen, eine Jahrhundertschriftstellerin zu sein und die Grenzen der literarischen Konfektion zu sprengen. (…) Doch noch immer sind die Romane von Simone de Beauvoir unverzichtbare Zeitdokumente vom Aufbruch einer jungen Pariser Elite in ein noch nie erprobtes Leben, das zum Modell für die Nachkriegsgenerationen in ganz Europa wurde.»


Albert Camus. «Auch Albert Camus, der nach Redaktionsschluss beim Combat fieberhaft an seinen Büchern arbeitet, ist von dem neuen Aktionismus angesteckt. In seinem Roman Die Pest und dem Essay Der Mensch in der Revolte geht es nicht mehr um die Konfrontation eines einsamen Menschen mit der Sinnlosigkeit der Existenz, sondern um die entschlossene Tat und den Mut zum Engagement in der Gemeinschaft. Die Welt mag absurd sein, der tapfere Doktor Rieux kämpft dennoch Tag und Nacht gegen den Pestbazillus, der das 20. Jahrhundert befallen hat, auch ohne die Aussicht, ihn je vollständig zu besiegen. Der Mensch, seit einer Ewigkeit von großartigen Substantiven umstellt, erobert sich die bescheidene Welt der Tuwörter zurück. Nur das gelebte Leben zählt – zumindest darin waren sich die Freunde einig.»


Paris. «Obwohl man nirgends so einsam sein kann wie in Paris – Camus nennt es im Tagebuch ‹die einzig benutzbare Wüste› –, ist man hier niemals allein. Man bewohnt denselben urbanen Salon. Sartre befreundet sich mit Giacometti und Giacometti mit Beckett. Bataille, Lacan und Ponge essen vietnamesische Reisgerichte bei der Duras. Beauvoir verführt Bost, in den auch die Duras verliebt ist. Duras bekocht zudem Blanchot und Leiris, die beide Sartre unterstützen, obwohl der von Duras nichts hält. Camus unterstützt Koestler gegen Sartre und verführt dessen zweite Frau Mamaine. Merleau-Ponty bricht mit Sartre und wird in der Wohnung von Vian beinah von Camus verprügelt. Sartre schreibt ein Chanson für Juliette Gréco, die lieber mit Merleau-Ponty tanzen geht. Camus bricht mit Breton, der seinerseits im Krieg liegt mit Éluard und Aragon, während Cocteau mit jedem befreundet ist, der ihm zuhört. Und immer so weiter.»


Literaturfieber. «Um eine Vorstellung zu bekommen vom nervlichen Zustand der französischen Nachkriegsliteratur im Jahr 1947, ist es hilfreich, einen Blick auf den durchschnittlichen Suchtmittelkonsum ihrer Autoren werfen.
Hier eine unvollständige Liste: Marguerite Duras: Rotwein ab 10 Uhr morgens; Simone de Beauvoir: Whisky ab mittags; Samuel Beckett: Whisky stets im Papierkorb neben seinem Schreibtisch; Jean Cocteau: Morphium täglich; Albert Camus: Nikotin pausenlos; Sartre: Corydran, mehrere Röhrchen des Aufputschmittels pro Tag.»

Feldherrenblick aufs soziale Getümmel – Die Houellebecq-Jahre


Michel Houllebecqs Roman Unterwerfung «handelt von einem islamisierten Frankreich anno 2022: Eine gema?ßigte islamische Partei kommt mit Unterstu?tzung der bu?rgerlichen Parteien an die Macht. Im E?lyse?e-Palast ha?lt Pra?sident Ben Abbe?s mit zahlreichen Kopftuchfrauen Hof. Schulen und Universita?ten werden islamisiert. Wer nicht zum Islam u?bertritt, verliert sein Amt, erha?lt allerdings eine fu?rstliche Abfindung aus Saudi-Arabien.
Und siehe da: Die franzo?sische Elite kollaboriert widerstandslos. Europa blu?ht wieder auf. Nachdem die Frauen aus dem Arbeitsleben verschwunden sind, sinkt die Arbeitslosigkeit. Die Polygamie bringt frisches Leben in die westlichen Ehe-Ruinen. Einzig der Front National will nicht begreifen, dass die islamische Bruderschaft und die neue Rechte im Grunde dasselbe wollen: die Ru?ckkehr zur guten alten Zeit, als die Scheidungsrate bei null lag und die Mütter noch Zeit für ihre Kinder hatten.
Der Roman erscheint am 7. Januar 2015. Die aktuelle Ausgabe der Pariser Satirezeitung Charlie Hebdo ziert aus diesem Anlass eine Karikatur von Houellebecq auf der Titelseite. Am Vormittag des 7. Januars 2015 dringen zwei bewaffnete Terroristen in die Redaktionsräume der Zeitung in der Rue Nicolas Appert ein und töten zehn Redakteure, darunter den Herausgeber Stéphane Charbonnier, den Zeichner Jean Cabut sowie den Wirtschaftswissenschaftler Bernard Maris. Letzterer war ein enger Freund von Michel Houellebecq.»


Lieber mit Sartre irren als mit Houellebecq recht haben? «Alles sieht danach aus, als sei dies ein furchtbarer Abstieg. Der brillante, stets mit Gott und der Welt diskutierende, fortschrittsgläubige Sartre auf der einen Seite. Und der vereinsamte, vor sich hin murmelnde, fortschrittsfeindliche Michel Houellebecq auf der anderen. Hier der Kämpfer für die Freiheit und die Verantwortung des Menschen für sein Leben. Dort der Melancholiker,
der diese Ideen entsorgen möchte, weil er sie für gescheitert hält. Selbstverständlich möchte man da lieber mit Sartre irren als mit Houellebecq recht haben.
Doch beide sind schließlich Franzosen. Und beide schreiben gute Bücher. Sie haben viele Gemeinsamkeiten. Michel Houellebecq tritt ein Erbe an, das nach Sartres Tod niemand übernehmen wollte – er schreibt zeitdiagnostische Gesellschaftsromane im Stil eines Pariser Chefideologen, der seinen Feldherrenblick über das Gewimmel seiner Epoche schweifen lässt. ‹Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die Ihre›, würde Sartre vermutlich anerkennend zu ihm sagen. In diesem heiteren napoleonischen Größenwahn kommen sie sich nahe.»

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