03.11.2015   von rowohlt

Er tötet nicht, weil er muss. Er tötet, weil er will …

Serienkiller mit «zivilisatorischer Mission»: Der fünfte Sebastian-Bergman-Krimi von Hjorth & Rosenfeldt

© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Mirre, Star der Dokusoap «Paradise Hotel»: hingerichtet mit einem Bolzenschussgerät. Die Leiche drapiert der Mörder in einem Klassenzimmer. Mit Ketten und Handschellen an einen Stuhl gefesselt, eine Narrenkappe auf dem Kopf, einen Fragebogen mit 60 Fragen am Rücken. Kommissar Höglund von der Reichsmordkommission und Kriminalpsychologe Sebastian Bergman stehen vor einem Rätsel. Bald weiß man, dass Mirre Petrovic nicht der erste ist, der auf derart barbarische Weise sterben musste. Und nicht der letzte …

Einer gegen alle

Er ist ein Serienmörder, wie es noch keinen gab. In der Öffentlichkeit tritt er unter dem Namen Sven Cato auf; seine vor Hass und Ressentiment strotzenden Manifeste unterzeichnet er hochmütig mit «Cato d. Ä.». Cato der Ältere (234–149 v. Chr.) war jener römische Feldherr und Staatsmann, der in jede seiner Reden, egal zu welchem Thema, einen Aufruf zur Vernichtung Karthagos eingeflochten haben soll: «Ceterum censeo Carthaginem esse delendam. – Im Übrigen meine ich,  dass Karthago zerstört werden muss.»


Sven Catos «Karthago» sind «die Menschen, die es nicht verdienen». Die im Rampenlicht stehen – trotz ihrer mehr als dürftigen Bildung. Die hofiert werden und viel Geld verdienen – obwohl sie außer ihrem Körper, ihrem Gesicht, ihrer Stimme nichts zu bieten haben. Die als Fernsehberühmtheiten öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen – auch wenn sie «allenfalls zufällig einen vollständigen Satz zustande bringen». Diese Menschen sind Cato ein Gräuel, eine Beleidigung seiner Intelligenz. Ein Anschlag auf seine Existenz als denkender Mensch. Sie zur Rechenschaft zu ziehen wird zu seiner Mission.


Am Anfang hat er es auf die« zivile Art» versucht. Leserbriefe an Zeitungen und TV-Stationen, Eingaben, Manifeste. Sage keiner, er habe seine Argumente nicht immer und immer wieder dargelegt. Und Alternativen aufgezeigt: Wirklichen Vorbildern, schreibt er, «sollten Sie Raum geben. Nicht diesen gefühllosen, egoistischen, oberflächlichen Wesen, die mit vulgären Tätowierungen übersät, mit Metallschrott im Mund und ihrem niedrigen IQ sowie ihrer nicht vorhandenen Allgemeinbildung durch die Gegend stolzieren.»

Kreuzzug gegen die Dummheit

Als alles nichts fruchtet, ist Catos Geduld am Ende: «Unkraut muss man an der Wurzel packen.» Wer nicht hören will, muss fühlen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er kidnappt Patricia, Protagonistin der Dating-Show «Mama sucht Mann». Und wenige Tage später Mirre, Star der Dokusoap «Paradise Hotel». Er gibt ihnen eine faire Chance, so sieht er das: Ein Drittel der Fragen richtig beantwortet, und sie sind frei.


Trivial-Pursuit-Fragen, nichts übermäßig Kompliziertes. «Wie nennt man Wörter, die das Verhältnis zwischen Personen, Dingen und Orten beschreiben – so wie beispielsweise auf, zu, vor und in?» «In welchem amerikanischen Bundesstaat liegt Chicago?» Oder: «Wie hieß das Flaggschiff, mit dem Christoph Kolumbus 1492 Amerika entdeckte? Dreißig Sekunden ab jetzt.» Patricia schafft 13, Mirre 3 von 60. Das ist ihr Todesurteil.


Sebastian Bergman hat wenig Probleme, ein einigermaßen stimmiges Profil des Täters zu entwerfen. Männlich, 40 plus, gebildet, akademischer Hintergrund, traditionelles Bildungsideal. «Cato d. Ä.» tötet nicht aus Freude am Töten, er tötet, weil er sich auf einem Kreuzzug gegen die Dummheit wähnt. Weil er töten will. Deshalb sind Patricia, Mirre und die Johansson-Zwillinge mit ihrem Blog «Zwillingsseelen» nur die Vorboten für den finalen Vernichtungsschlag. Der «Allgemeinbildungsmörder» hat es auf die wirklich Verantwortlichen abgesehen. Die ganz  großen Tiere, die die Verantwortung tragen. Die all diesen idiotischen Schwachsinn in die Zeitungen, ins Radio und Fernsehen bringen. 

«Die Schuld und der Schmerz … darüber wusste er alles»

In Hjorth & Rosenfeldts neuem Roman spielen auch Bergmans Kollegen von der Reichsmordkommission eine tragende Rolle: mit ihrem privaten Glück und Leid, ihren Verdrängungs- und Kompensationsspielchen. Kommissar Torkel Höglund: verliebt sich ausgerechnet in die Frau, die Mirres Leiche in der Schule von Ulricehamn findet. Kriminaltechnikerin Ursula:  zieht sich nach dem tragischen Verlust eines Auges in die selbst gewählte Einsamkeit zurück. Vanjas Kollege Billy:  überlässt sich immer mehr dem erregenden Sog seiner düsteren Triebe.


Und Vanja und Sebastian? Dem egomanen Kriminalpsychologen scheinen die privaten Verwicklungen mehr zuzusetzen als der laufende Fall. Seit seine Frau und Tochter im Dezember 2004 beim verheerenden Tsunami im Indischen Ozean von den Flutwellen weggerissen wurden, spielt er die Rolle des Ekelpakets und notorischen Lügners mit Inbrunst: gefühlskalt, brüsk, teamunfähig, sexsüchtig. Seine Kollegin Ursula wütet gegen Sebastians Selbstgerechtigkeit: «Hast du dir jemals überlegt, ob du nicht, anstatt immerzu ein Arschloch zu sein und dich dann dafür zu entschuldigen, einfach aufhören solltest, ein Arschloch zu sein?»


Aber nicht nur im Verhältnis zu seiner Tochter (und Kollegin) Vanja begeht Bergman einen verhängnisvollen Fehler. Als er beschließt, den Bolzenschuss-Mörder auf dessen eigenem Terrain herauszufordern, unterschätzt er dessen Intelligenz und Gerissenheit. Und bringt nicht nur sich damit in tödliche Gefahr …

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