13.10.2016   von rowohlt

Emirat Granada, 1359

Ein faszinierender historischer Roman aus dem Spanien des 14. Jahrhundert – Guido Dieckmann im Interview

© iStockphoto.com
© iStockphoto.com

Behütet von ihrem Großvater Samu, dem jüdischen Leibarzt des Emirs Muhammad, wachsen die Cousinen Floreta und Ceti Seite an Seite auf – bis der weltoffene Emir von seinem eigenen Halbbruder gestürzt wird. Floreta und Ceti werden auf dem Sklavenmarkt verkauft, doch es gelingt ihnen die Flucht ins Königreich Aragón. Nur ihre Liebe zu Pflanzen und Kräutern gibt den jungen Frauen die Kraft, an ihrem Traum festzuhalten: Sie wollen Heilerinnen werden. In dem gutmütigen Kapuzinermönch Pablo und dem blinden Sahin, einem Gewürzwarenhändler aus ihrer Heimat Granada, finden sie ihre Lehrer. Doch Neid, Intrigen und Lügen bedrohen ihre Freundschaft. Und ihr Leben ...

Das Interview


Was fasziniert Sie besonders am Spanien des 14. Jahrhunderts, in dem Ihr Roman «Die Heilerinnen von Aragón» spielt?
Das 14. Jahrhundert ist insgesamt eine spannende Zeit für ganz Europa. Das Mittelalter geht langsam seinem Ende entgegen, viele althergebrachte Strukturen wie z.B. das Rittertum mit seinen Idealen brechen zusammen. Gleichzeitig gewinnen die Städte und Kaufleute an Selbstbewusstsein und Bedeutung. Dramatisch wirkt sich der „schwarze Tod“, die große Pestepidemie, auf die Gesellschaft Europas aus. Das gilt auch für Spanien. Ich fand es bei meiner Arbeit faszinierend, mich mit den drei großen Kulturen zu beschäftigen, die Spanien im Mittelalter geprägt haben: der islamischen, der jüdischen und der christlichen Kultur. Die Zeugnisse ihres Zusammenlebens kann man noch heute sehen, wenn man auf einer Spanienreise Städte wie Cordoba oder die Alhambra in Granada besichtigt.


Die Hauptfiguren Ihres Romans sind Ceti und Floreta Ca Noga, zwei Jüdinnen, die trotz vieler Widerstände in Zaragoza ihren Traum verwirklichen wollen, Heilerinnen zu werden. Gab es diese beiden Frauen wirklich?
Beide lebten tatsächlich als Ärztinnen im spanischen Königreich Aragón, aber es ist nicht viel über sie und ihr Wirken bekannt. Dass sie als Heilerinnen erfolgreich gewesen sein müssen, lässt sich aus dem Titel «Magistra» ableiten, der in alten Urkunden auftaucht, aber auch aus der Tatsache, dass sie im Laufe der Jahre zwei Königinnen als Leibärztinnen dienten. Floreta soll auf dem Gebiet der Augenheilkunde bewandert gewesen sein.


Wie wurden heilkundliche Berufe zu dieser Zeit ausgeübt? Gab es viele Juden und Frauen in diesem Beruf?
Es gab studierte Ärzte, die an Universitäten wie Salerno, Bologna oder Montpellier ausgebildet wurden, doch diese Heilkundigen waren einerseits teuer, andererseits befassten sie sich mehr mit der Theorie als der Praxis. Eingriffe, bei denen Blut floss oder Gelenke einzurenken waren, wurden in der Regel von Badern und Wundchirurgen ausgeführt. In hoher Blüte stand das medizinische Wissen arabischer und jüdischer Ärzte, die in mancherlei Hinsicht fortschrittlichere Wege einschlugen, möglicherweise, weil sie aus religiösen Gründen eine andere Beziehung zu hygienischen Voraussetzungen hatten. In Spanien waren im 14. Jahrhundert fast 50 % aller Heilkundigen jüdischer Herkunft – darunter auch Frauen.


Das große Thema Ihres Romans ist die Heilkunde. Haben Sie dazu einen persönlichen Bezug?
Da ich einer alten Ärzte- und Apothekerfamilie entstamme und schon als Kind regelmäßig den Duft von Heilkräutern inhaliert habe, fasziniert mich dieses Thema, seit ich denken kann. Wie die Menschen im späten Mittelalter Krankheiten diagnostizierten und mit welchen Mitteln sie diese dann zu behandeln versuchten, ist ein atemberaubend spannendes Kapitel der Gescshichte. Wir können heute dankbar für den Stand unserer modernen Medizin sein, aber manchmal lohnt sich auch der Blick zurück in die Vergangenheit, insbesondere, wenn man an die Naturheilkunde denkt.


Wie sind Sie bei der Recherche allgemein vorgegangen? Sie mussten sich dabei doch in Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen und Religionen einfühlen …
Wenn man über Menschen vergangener Zeiten schreiben will, sollte man wissen, womit sie zu Lebzeiten konfrontiert wurden. Erlebten sie Krisen wie Kriege/Bürgerkriege, Epidemien, Hungersnöte? Wie funktionierte das Zusammenleben von Mauren, Christen und Juden? Eine Einarbeitung in die historischen Hintergründe durch eine Menge Fachliteraturstudium ist daher unverzichtbar. Aber auch mit den Religionen habe ich mich befasst und Informationen zu religiösen Traditionen und Regeln zusammengetragen. Ein wenig konnte ich mich auch mit der spanischen und arabischen Sprache befassen, da es mir persönlich immer leichter fällt, meinen Romanfiguren näherzukommen, wenn ich ihre Sprache „kenne“. Hinzu kam dann noch das Sammeln vieler Heilkräuter, von denen einige jetzt in einem Beet in meinem Garten blühen.

Top