08.09.2015   von rowohlt

Ein Großvater. Ein Land. Eine Epoche

Humor als Überlebensstrategie: In seinem großen Familienepos nimmt Matthias Nawrat uns mit ins Polen der Kriegs- und Nachkriegsjahre

© Sebastian Haenel
© Sebastian Haenel

Viele Tode musste Opa Jurek in seinem Leben sterben: Im besetzten Warschau, wo es nachts in der Sperrzone von deutschen Soldaten wimmelt. In dem kleinen Ort, wo er als Zwangsarbeiter den Todeshunger kennenlernt. Im kriegszerstörten Opole, wo Jurek, noch immer sterbenshungrig,  vor den leeren Regalen seines Lebensmittelgeschäfts Nr. 6 von Delikatessen und opulenten Mahlzeiten träumt … Matthias Nawrats herzzerreißend traurige, schaurigkomische Familiengeschichte verbindet Alltag und Politik, Straßenwitz und Erfahrung, Autobiografisches und Fiktion zu einem großen Roman vor dem Hintergrund der Geschichte Polens und Europas im 20. Jahrhundert. 


«Wo nun aber die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Tragik und Komik exakt verlaufen, ist nach der Lektüre so ungewiss wie egal. Denn gerade in der Gratwanderung gewinnt dieses großartige Buch seine volle verstörende Kraft.» (FAZ)

Geschichte in Geschichten

Als Überlebenskünstler ist Opa Jurek ein «umgekehrter Humorist» im Sinne von Jean Paul, der einmal schrieb: «Der Humor ist das umgekehrt Erhabene. Er erniedrigt das Große, um ihm das Kleine, und erhöht das Kleine, um ihm das Große an die Seite zu setzen und so beide zu vernichten, weil vor der Unendlichkeit alles gleich und nichts ist.» Im Tonfall des Schelmenromans gelingt es Nawrat, uns an Schlitzohr Jureks «schwieriger Zeit», an seinem bewegten Leben zwischen Kriegsgräueln, KZ-Horror und realsozialistischen Zumutungen teilhaben zu lassen.


«Die vielen Tode unseres Opas Jurek» kreist – im Kleinen wie im Großen – um Themen wie Gewalterfahrung und Ausgrenzung, Hunger und Zukunftsangst. Und erhält damit angesichts der ins «reiche Westeuropa» drängenden Migrantenströme eine beklemmend aktuelle politische Dimension. Im Interview mit den Erlanger Nachrichten nimmt Nawrat, der 1989 mit seiner Familie aus dem polnischen Opole  nach Bamberg übersiedelte, eine klare Position ein: «Wenn sich jemand zur Flucht entscheidet, hat er dafür existenzielle Gründe. Das ist eine elementare Situation. Und jedem, wirklich jedem, der hier lebt, geht es besser als denen, die gerade versuchen herzukommen.»

Zwei Fragen an Matthias Nawrat

Eine Frage, die kein Autor mag, aber bei Ihrem Roman «Die vielen Tode unseres Opas Jurek» werden Sie nicht drum herumkommen, sie zu beantworten: Wie viel Ihrer eigenen Familiengeschichte steckt in der von Opa Jurek?
Ich bin mit vielen Geschichten meiner Eltern und Großeltern aufgewachsen, und ich kann mich an die letzten Jahre im kommunistischen Polen ja auch selbst noch erinnern. Als ich später begonnen habe, mir die ersten Gedanken über einen Roman zu diesem Thema zu machen, habe ich mich zunächst mit der Geschichte Polens beschäftigt, bis hin zu den Lebensberichten von ehemaligen Auschwitz-Häftlingen, die den Krieg und die Nachkriegsjahre bis in die 1990er erlebt haben. Auch derjenige meiner Großväter, der für Opa Jurek das Vorbild ist, hat seine Erlebnisse aufgeschrieben.
Ich habe dann sehr viele Gespräche mit meinen Großeltern und meinen Eltern geführt, vor allem mit meiner heute noch lebenden Oma. Ich bin durch Polen gefahren und habe mit allen möglichen anderen Menschen gesprochen, die mir begegnet sind. stundenlang habe ich alles mitnotiert, was mir erzählt wurde oder was ich gelesen habe. Aber ich habe schon während des Notierens Figuren und Geschichten dazuerfunden, ich habe Dinge überformt und abgeändert. Auf dem Papier war es von Anfang an lebendig und eigenständig, weit mehr als eine Ansammlung von Fakten. Vieles von dem, was ich in diesem Buch erzähle, ist wirklich passiert, aber vieles habe ich erfunden. Die Grenze verläuft manchmal in ein und demselben Satz.

Geschichten entschärfen und bändigen das Leid

Dieser Roman ist nicht nur eine ergreifende Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte eines Landes und eines Jahrhunderts. Und doch spielen Sie zuweilen damit, übertreiben, brechen manchmal sogar ins Skurrile aus. Was verrät uns das über Ihren Blick auf Geschichte, auf Erinnerung?
Während ich die Passagen über Auschwitz oder über die Verhöre und Verhaftungen in den Jahren der kommunistischen Herrschaft schrieb, habe ich sehr gelitten. Ich wollte die Wahrheit aufschreiben. Aber man verrät das Leid der Menschen, wenn man meint, es realistisch abbilden zu können, denn man wird nie wirklich fühlen, was sie gefühlt haben. An einer Stelle im Roman sagt der Vater, es gebe keine Geschichte, es gebe nur Geschichten. Das ist der Bezug meiner Generation zu Auschwitz und zum Kommunismus.
Selbst Historiker interpretieren letztlich nur, sie bringen die Fakten in narrative Zusammenhänge und erzählen uns Geschichten. Sie entschärfen damit das Leid, sie bändigen es. Die Übertreibung in meinem Roman knüpft einerseits, oberflächlich betrachtet, an die Tradition des osteuropäischen Schelmenromans an.
Aber dass ich die Erlebnisse des Opas Jurek und der anderen Figuren nur indirekt erzähle, verweist andererseits auch auf das Drama der Unerzählbarkeit von geschichtlichem Leid. Der Humor, mit dem meine Eltern und Großeltern uns über ihr Leben erzählt haben, diente ja nicht der Verharmlosung. Er stellte eine Überlebensstrategie dar. Deshalb wird der eigentliche Schmerz erst in diesem Humor spürbar, nicht in den Fakten selbst.»

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