15.03.2018   von rowohlt

Ein ganz besonderer Händedruck

Uwe Naumann: Eine persönliche Erinnerung an Stephen Hawking (1942–2018)

© Peter Peitsch – v. l.: Elaine Hawking, Alexander Fest, Stephen Hawking, Leonard Mlodinow
© Peter Peitsch – v. l.: Elaine Hawking, Alexander Fest, Stephen Hawking, Leonard Mlodinow

Stephen Hawking genoss einen legendären Ruf, seit er 1988 das Buch «Eine kurze Geschichte der Zeit» veröffentlicht hatte. Es wurde ein Weltbestseller. Mit mehr als 10 Millionen verkauften Exemplaren ist es vermutlich das meistverkaufte Sachbuch des 20. Jahrhunderts. Der Autor saß zu dieser Zeit schon im Rollstuhl: seine ALS-Erkrankung schränkte seinen Bewegungsradius massiv ein.

Frankfurter Buchmesse 2005: Ein Genie im Rollstuhl


Dass ein Superhirn wie Hawking körperlich derart schwer behindert war, trug wesentlich dazu bei, dass er zu einer Kultfigur wurde. Wie konnte ein schwerkranker Mann, dem die Ärzte eine sehr begrenzte Lebenserwartung attestierten, zu solchen geistigen Höhenflügen fähig sein: ein Wissenschaftler auf der Suche nach der Weltformel! Seine Theorieansätze beschäftigten die Kollegen weltweit, und sie faszinierten zugleich das breite Publikum.


Weitere erfolgreiche Bücher festigten seinen Ruf: «Einsteins Traum» (1993), «Die illustrierte Kurze Geschichte der Zeit» (1996), «Raum und Zeit» (1998), «Das Universum in der Nussschale» (2001). Im Herbst 2005 dann erschien ein Buch, das er zusammen mit seinem Kollegen und Freund Leonard Mlodinow geschrieben hatte: «Die kürzeste Geschichte der Zeit». Wir luden beide Autoren zur Frankfurter Buchmesse 2005 ein – und Hawking sagte zu!


Wir waren alle sehr aufgeregt. Und es wurde ein Besuch mit ungewöhnlichen Umständen. Hawking reiste zusammen mit seiner Frau Elaine und einer eigenen kleinen Crew, die ihn rund um die Uhr betreute. Die BILD-Zeitung begrüßte ihn mit einem Foto auf der Titelseite und der Headline: «Der klügste Mensch der Welt». TV-Moderator Reinhold Beckmann widmete ihm eine Sondersendung seiner Talkshow, in der die Zuschauer eine kleine Geduldsprobe bestehen mussten: auf Beckmanns Fragen antwortete der Physiker mithilfe seines Sprachcomputers, den er nur mit kleinen Muskelbewegungen des Gesichts betätigen konnte. Das dauerte länger, als es das eilige Fernsehpublikum gewohnt war, aber es funktionierte.


Am Messe-Dienstag im Oktober 2005 gab es einen Empfang im Frankfurter Presseclub, nahe dem Römer, bei dem Rowohlt – als Hawkings deutschsprachiger Verlag – zu den Gastgebern gehörte. Dutzende ausländischer Verleger kamen, Hawkings Bücher waren in über 40 Sprachen übersetzt! Und der Star selbst? Er verspätete sich erheblich. Doch er kam, «some little medical problems», hieß es lakonisch. Mlodinow hielt eine kleine Rede, Hawking ließ sich geduldig mit allen ausländischen Publishern fotografieren. Auch Frank Strickstrock, sein Rowohlt-Lektor, und ich posierten neben ihm und seinem Rollstuhl.

«Maybe …»


Zum Dank gab ich ihm die Hand – genauer gesagt: ich nahm seine Hand in meine und schaute ihm in die Augen. Er erwiderte den Blick, aber diesen eigentümlichen, einseitigen Händedruck werde ich nie vergessen: ein Genie im Rollstuhl, dem ich die Ehre erweisen durfte.


Am nächsten Tag kam er in Begleitung seiner Crew auf die Buchmesse an den Rowohlt-Stand. Der Menschenauflauf war gewaltig. Rowohlt-Verleger Alexander Fest hielt eine respektvolle, schöne Rede. Die Fotografen mussten wir bremsen, manche rückten dem Star völlig unverfroren auf den Pelz. Dann gab Hawking dem Publikum Gelegenheit, Fragen zu stellen. Einer der Besucher stellte ein kompliziertes naturwissenschaftliches Problem vor, minutenlang, und stellte dann endlich eine Frage. Alle warteten nun gespannt auf Hawkings Reaktion. Nach kurzem Zögern kam seine lakonische Antwort: «Maybe» –- vielleicht…


Jemand fragte, ob es Autogramme gibt. Ich wollte das schon abbügeln als Unverschämtheit, aber Leonard Mlodinow griff sich ein Buch und signierte es, und Elaine nahm Hawkings Daumen, drückte ihn auf ein mitgebrachtes Stempelkissen und dann ins Buch: ein ganz besonderer Autograph …


Das Foto, das damals von Hawking mit Frank Strickstrock und mir aufgenommen wurde, ist leider verlorengegangen – die Erinnerung bleibt.

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