27.09.2018   von rowohlt

«Das Glück liegt im Lieben – das ist die Herausforderung»

Was geschieht, wenn aus Liebenden Patienten und Pflegende werden? Sechs Fallgeschichten – sechs Lehrstücke über die Liebe

©  Raimar von Wienskowski
© Raimar von Wienskowski

Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner vergisst, mich zurückzulieben, weil er Alzheimer hat? Wenn er nicht mehr aufstehen, nicht mehr sprechen, nicht mehr alleine zur Toilette kann, komplett pflegebedürftig ist, weil er einen Schlaganfall hatte oder einen Unfall? Birgit Ehrenberg folgt den Geschichten von sechs Paaren, deren Liebe durch Pflegebedürftigkeit in den Grundfesten erschüttert wurde. Sie berichtet von den Herausforderungen, die die Betroffenen meistern mussten, meistern konnten oder auch an denen sie scheiterten. Aus den Gesprächen sind beeindruckende Lehrstücke über die Liebe entstanden, sie zeigen, dass Leben und Liebe erstaunliche Wege finden. Es ist alles möglich, das Beste inbegriffen.

DAS INTERVIEW


Sie nennen das, was Sie als Journalistin und Buchautorin betreiben, «Liebesforschung». Gab es dafür einen privaten Anlass, einen konkreten Auslöser: ein Unfall, eine schwere Krankheit, ein Schicksalsschlag?

Das ganze Leben war der Auslöser dafür, dass ich «Liebesforscherin» geworden bin. Mein Leben und das Leben der anderen.
Zur Erklärung, warum ich diesen Ausdruck «Liebesforschung» benutze, der vielleicht ungewöhnlich anmutet: In den Medien werden Menschen, die sich von Berufs wegen mit der Liebe befassen, oft als «Liebesexperten» bezeichnet. Ich denke zwar, dass man, um zu einem profunden Wissen über die Liebe zu gelangen, Zeit und Energie aufbringen muss, damit man diesem komplexen Phänomen gerecht wird. Das heißt, es ist durchaus eine Profession, sich mit der Liebe zu befassen, ein Beruf also, mehr noch: eine Berufung. Sich mit der Liebe auskennen, die Fähigkeit zu besitzen, sie in ihren Tiefen auszuloten, das ist manchen sogar in die Wiege gelegt, sie haben einfach ein Händchen dafür. Die meisten aber müssen darum ringen, die Liebe zu verstehen; am besten geht beides zusammen: Talent und Lernen.
Kein Liebesforscher kommt allerdings ohne die Inspiration von all den Leuten aus dem richtigen Leben aus, die keine Forscher sind, sondern, sagen wir, «normale» Liebende. Nur aus dem Dialog mit diesen entwickelt und entfaltet sich die Weisheit über die Liebe. Insofern hat der Begriff «Liebesexperte», wie ich finde, einen Hautgout, er klingt überheblich, er ist ausschließend, soll es auch wohl sein. Wir leben ja in einer Berater-Gesellschaft, für alles gibt es Berater, jeder rennt mit jedem Pups-Problem zum Coach, so teilt sich die Gesellschaft in die Experten und in die Nicht-Experten, daraus entstehen lukrative Geschäfte. Das ist der Grund, warum es die vielen Berater gibt: Sie wollen Geld verdienen. Diese Aufteilung zwischen Experte und Nicht-Experte ist hausgemacht und macht den Menschen nicht frei, es macht ihn unmündig, weil er stets einen Experten braucht, um zu denken und zu handeln – und um «erfolgreich» zu lieben.
«Liebesexperte» suggeriert überdies, dass man das Mysterium der Liebe schon längst durchschaut hat. Dabei ist die Liebesforschung ein Prozess, der durch Lektüre und Dialog stets in Gang bleibt, historischem Wandel unterlegen ist, individuellem Verständnis. Da gibt es kein Ende, nicht der Weisheit letzter Schluss, nichts ist in Stein gemeißelt.
Früher wurde ich in den Medien auch «Expertin» genannt, das lehne ich inzwischen ab. Ich brauchte etwas, um zu meinem heutigen Verständnis von Liebe zu kommen, und zu diesem Verständnis passt der Ausdruck «Liebesexpertin» eben gar nicht.
So, das war jetzt die Vorrede zu Ihrer Frage nach einem konkreten Anlass. Diese Vorrede musste sein, denn sie führt darauf hin, dass ich beobachtet und erfahren habe, und diese Beobachtung und Erfahrung mit dem Rest der Menschheit teile, dass Liebe glücklich macht. Ich sah: Es scheint immer existenziell um Liebe zu gehen, nicht um Geld und Macht, nicht um Schönheit und Jugend, nicht einmal um Gesundheit oder Krankheit, sondern um Liebe. Wenn man Paare sieht, die sich lieben, diese glänzenden Augen, diese Wunschlosigkeit, dieses Aufgehen im Hier und Jetzt, dann denkt man, so möchte ich leben, das Herz zieht sich vor Sehnsucht nach diesem herrlichen Seinszustand zusammen. Warum also nicht «einfach» glücklich lieben?
Das klappt, wie wir wissen, selten, stattdessen gibt es viel Unglück in der Liebe, mehr Unglück als Glück, das habe ich schon als junges Mädchen festgestellt. Frauen und Männer finden nicht den Richtigen oder die Richtige, tappen einsam durchs Leben, mindestens jede zweite Ehe wird wieder geschieden, die Menschen scheitern an ihren Vorstellungen über Treue. Warum? Was läuft da falsch?
So wollte und will ich verstehen: Was ist Liebe? Unter welchen Bedingungen macht sie glücklich?


Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt, welche Paargeschichte ins Buch kommt und welche nicht? Und – wie haben Sie von all diesen Paaren und ihren Schicksalen überhaupt erfahren?
Ich wollte eine Vielfalt an Konstellationen im Buch haben, es sollte in jeder Geschichte um eine ganz spezielle Liebesform gehen, es sollten auch verschiedene Pflegesituationen vorkommen. Ich wollte das Thema von allen Seiten beleuchten. Frauen, die ihren Mann pflegen, Männer, die ihre Frau pflegen, Frauen die jünger oder älter sind als der Mann und umgekehrt, Paare mit Kindern und ohne Kinder, Liebende, die ihren Partner bis in den Tod gepflegt haben, andere, die es nicht taten. Mit diesen Ansprüchen im Gepäck habe ich mich auf die Suche nach den Paaren gemacht. Ich habe Kollegen, Freunde, Bekannte und Nachbarn gefragt, mich in der Familie umgehört, ich habe Selbsthilfegruppen angeschrieben, ich habe mit Ehrenamtlichen gesprochen, die Pflegende unterstützen und darum gebeten, dass sie die Augen offen halten, wer für das Buch in Frage kommt. Ich habe Ärzte und Apotheker gefragt. Wenn mir jemand genannt wurde, der sich vielleicht bereiterklären würde, an dem Buch mitzuwirken, habe ich angerufen. Ich habe mein Anliegen geschildert, ich habe versucht, Vertrauen aufzubauen, es war ein behutsames Herantasten. Ich habe offen gesagt, was die Paare zu erwarten haben, auf was sie sich einstellen müssen. Ich konnte nicht sagen, ich komme nächste Woche vorbei, wir verbringen einen Nachmittag zusammen, und dann ist der Drops gelutscht. Mir war klar, dass es dauert, bis die Geschichte rund ist, dass ich viele Stunden mit den Menschen verbringen muss und will, um mir ein Bild von der jeweiligen Liebe zu machen, ihre Veränderungen zu dokumentieren.
Wie ich in meiner Danksagung schrieb, ich habe über Wochen an diesen Menschen «gehangen», es haben sich immer wieder neue Aspekte ergeben. Und alle haben immer wieder freundlich und geduldig geantwortet. Am Ende hat das wesentlich länger gedauert, als ich angenommen habe. Aber nun ist das Buch zu meiner großen Freude fertig.


Sie schreiben: «Zum semantischen Wirrwarr trägt bei, dass wir ‹Liebe› inflationär gebrauchen, wir lieben auch Blumenkohl, Urlaub auf Mallorca oder Rollkragenpullover.» Für den französischen Philosophen Emmanuel Levinas ist das Wort komplett kontaminiert – aber es ist nun mal da. Liebe braucht immer Theorie, schreiben Sie in einem Artikel. Weshalb?
Nun, man kann sich doch nur auf etwas verständigen und über etwas verständigen, wenn man einen Begriff davon hat. Ein Begriff, das ist etwas Kognitives, etwas Objektives. Wenn ich mit jemandem, den ich liebe, über die Liebe sprechen will und «nur» von meinen Gefühlen spreche, wie soll ich dann verstanden werden? Ich muss schon sagen, was ich meine. Gefühle sind irritierend subjektiv. Ich muss irgendwie eine objektive Ebene mit meinem Partner finden. Das hört sich jetzt vielleicht trocken an, aber am Ende führt der Begriff dann auch in emotionale Welten. Wenn ich zum Beispiel nach einer Liebe strebe, die kompromisslos an die sexuelle Treue gebunden ist, sollte ich das zur Sprache bringen, das Bewusstsein darüber beim Partner nicht einfach voraussetzen. Ich sollte mich erklären, meine Idee von der Liebe formulieren, nicht bloß unbedingte Treue fordern oder – wenn es zu Untreue gekommen ist - ausrasten und den Othello spielen. Es gibt Gründe, rationale Gründe, warum man sich für sexuelle Exklusivität ausspricht, weil es etwas mit einem macht, wenn sie durchbrochen wird, weil man leidet wie ein Hund. Es gibt auch rationale Gründe, sich für eine offene Beziehung zu entscheiden, weil man das aushalten kann, jemanden nicht für sich allein zu haben, weil man das vielleicht gar nicht will, weil man deshalb auch nicht unter Untreue leidet. Polyamore Beziehungen werden so geführt. Man muss an die Liebe theoretisch ran, und zwar, bevor es kracht. Ich bin eine große Freundin von Ehevorbereitungsgesprächen, die von Kirchen oder in paartherapeutischen Praxen angeboten werden. Wehret den Anfängen potentieller Ehekrisen durch ein Nachdenken über die Liebe, kann ich nur sagen. Wenn die Krisen da sind, ist es meistens zu spät.


Aristoteles, Erich Fromm, Goethes Werther, Sybille Berg, James Joyce, Raymond Carver, Botho Strauß, Michel Foucault – sie alle haben sich, direkt oder indirekt, mit einer Sprache der Liebe beschäftigt. Wie haben Sie Ihren eigenen Ton im Schildern dieser unglaublichen Fallgeschichten entwickelt, die einen in ihrer Zuspitzung, ihrer Radikalität förmlich von den Füßen holen?
Wenn ich auf das zurückschaue, was mein erster Impuls war, mich mit Liebe zu befassen, war das ein grandioses Staunen, so lässt es sich am besten beschreiben. Was da alles geschah in der Welt der Liebe! Das Staunen, das ist ja der Anfang der Philosophie. In der Schule lasen wir den Werther, ich fand das sehr beeindruckend, dass dieser junge Mann sein Leben für die Liebe hingibt. Ich mochte als junges Mädchen gern Wilhelm Raabe, mir gefiel «Die Akten des Vogelsangs», der Roman handelt auch von einer unbedingten Liebe. Ein Lehrer sagte mir: Birgit, es gibt drei große Themen in der Weltliteratur – Krieg und Tod, Gott und Liebe. Mich hat die Liebe am meisten in den Bann gezogen – und dies war und ist für mich auch nicht von den anderen Themen zu trennen. Irgendwann bekam ich «Die Kunst des Liebens» von Erich Fromm in die Hände, da war ich dann bei der Theorie über die Liebe. Alle meine Freunde und Freundinnen erzählten mir ihre Liebesgeschichten, ihre Freuden, ihren Kummer. Ich habe die Zeit bis zum Abitur mit Lesen und mit Über-die-Liebe-Reden verbracht; es war früh klar, dass ich Philosophie und Germanistik studieren werde. In Germanistik habe ich mich bald auf das Mittelalter gestürzt, die Minne hat mich fasziniert, eine Liebeskultur, die auch der Erkenntnis dient, der Vervollkommnung des Liebenden. Das war meine Idee von Liebe, dass sie einen besser macht. Ich habe meine Magisterarbeit über die höfische Liebe in den Artusepen geschrieben und danach eine Dissertation über Foucault angefangen. Ich wollte in der Geschichte über die Liebe nach vorn gehen. Das war spannend, aber etwas hat mich abgehalten, auf dieser akademischen Schiene zu bleiben: Bei aller Liebe zur Theorie über die Liebe fehlten mir die Menschen aus Fleisch und Blut, mir fehlte das allgemein Verständliche. Ich wollte das gern verbinden: Bücher, Studium, Lebensgeschichten und Liebesgeschichten, Theorie und Praxis. Aus diesem Konglomerat hat sich meine Stimme herausgebildet, mein Ton.


Manchmal tut es regelrecht körperlich weh, sich den Geschichten auszusetzen. Sie machen Mut – und hinterlassen doch ein Gefühl von Beklommenheit angesichts von so viel heroischer Abgeklärtheit im Umgang mit Krankheit, Verfall und drohendem Tod. Haben Sie sich, als Sie die Paare kennenlernten, nicht ständig gefragt: Könnte ich das aushalten? Würde ich an dieser Belastung zerbrechen? So wie in jener TATORT-Folge mit der Dresdner Kommissarin Henni Sieland, die ganz unvermittelt ihren Freund mit der Frage überfällt: «Was würdest du machen, wenn ich morgen im Rollstuhl säße? Was ist eigentlich Liebe für dich?»
Das habe ich mich oft gefragt, ob ich das aushalten könnte, was «meine» Paare aushalten, Ich würde das unbedingt aushalten wollen, weil ich auch auf diese Weise lieben möchte, wie die Paare. Das Buch ist auch für mich ein Lehrstück über die Liebe geworden, jede einzelne Geschichte ist ein Lehrstück. Ich habe mich nie sonderlich für leichtgewichtige Lieben interessiert, nach dem Buch ist das Interesse ganz erloschen. Dieses Unverbindliche, dass wir heute oft in zwischenmenschlichen Beziehungen haben, dieses «komme ich heute nicht, komme ich morgen oder gar nicht», das ist mir ein Graus. Fade ist das. Ungefährlich und langweilig. Ich möchte meine Existenz ganz ausschöpfen, mein Menschsein, das heißt nicht, dass ich dazu Krankheit und Pflege in meinem Leben als Bedingung brauche, aber ich würde mich dem stellen. Ich würde das annehmen, wenn es auf mich zukäme. Das ist Liebe für mich: den Weg bis zu Ende zu gehen, da sein.


Im Fokus einer der sechs Geschichten steht die unheilbar an multipler Sklerose erkrankte Astrid. Ihr Partner Rainer berichtet von einer herzzerreißenden Situation: «Ich wusste: Astrid würde es verstehen, wenn ich mir eine Frau suchen würde, mit der ich diese Bedürfnisse ausleben kann. (…) Einmal bin ich aus dem Haus, ich wollte einkaufen, da hat sie mich nachdenklich angeschaut und gesagt: ‹Wenn du jemanden kennenlernst, dann müsst ihr mich mitnehmen, ja?› Sie hat mich quasi aus dem Treuversprechen entlassen und mir die Erlaubnis gegeben, mit einer anderen Frau zu schlafen, und mich zugleich gebeten, bei ihr zu bleiben.›» Hatten Sie Skrupel, bei den Betroffenen auf intime Themen zu sprechen zu kommen?
Ja, die hatte ich, aber wie! Aus diesem Grund hat das alles auch so lange gedauert. Die intimsten Fragen habe ich zuletzt gestellt, stockend. Das war wie eine Geburt. Jemand zum Beispiel zu fragen, wie es ist, dem geliebten Menschen die Windel anzulegen und abzunehmen, das ist eine Gratwanderung. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich so eine Frage überhaupt stelle, aber dann habe ich es getan, weil die Antwort viel darüber aussagt, wie die Liebe sich verändert. Ich glaube, meine Gegenüber haben gespürt, dass es mir aus Respekt vor ihrer Würde schwer fällt, diese Fragen zu stellen und dass mein Motiv nicht Voyeurismus ist. Das hat ihnen wiederum die Antwort erleichtert.


Sie haben sich entschieden, in Ihrem Buch nicht explizit über Paare zu schreiben, die den Herausforderungen nicht gewachsen waren, sondern an ihnen zerbrochen sind. Weshalb?
Das entsprang zunächst keiner bewussten Entscheidung, denn es war, ich sagte es bereits, sehr schwierig, Paare zu finden, die sich die Zeit nehmen konnten und wollten, mir über Wochen meine Fragen zu beantworten. Insofern war jedes Paar, war jeder Mensch, der mir das erlaubt hat, mich in sein Innerstes zu lassen, schon eine Perle. Als ich dann die Suche nach Fällen endlich abschließen konnte, hatte ich es mit vier Paaren zu tun, die sich nicht getrennt haben, bzw. durch den Tod getrennt wurden und zwei Frauen, Simone und Johanna, die ihren Partner in einem Heim untergebracht haben. Allerdings sind Simone und Johanna an der Pflegebedürftigkeit nicht zerbrochen. Sie haben, wenn man so will, Prioritäten in der Liebe gesetzt, in ihrer Selbstliebe und vor allem auch in der Liebe zu ihren Kindern. Ich denke, es hat durchaus einen Vorteil, dass all die Paare aus dem Buch als glückliche Paare gelten können, denn vor der Folie des Glücks lässt sich das, was mit der Liebe passiert, besonders gut beschreiben. Es geht aber natürlich noch anders. Wissen Sie, was interessant ist? Seitdem bekannt ist, dass ich über Paare in dieser speziellen Lage geschrieben habe, kommen nun auch andere Paare oder Einzelpersonen auf mich zu, die sich mir anvertrauen. Eine Frau erzählte mir, dass sie und ihr Mann überhaupt nicht mehr glücklich waren. Dann wurde der Mann schwer krank, er starb. Doch in der Zeit davor, in der schlimmsten Not, in der Zeit der Pflege, haben beide ihre Liebe wiederentdeckt. Es ist fast so, als wenn die Liebe an der Pflege ihre Exempel statuiert.


«Um Kinder großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf», so lautet das gern zitierte afrikanische Sprichwort. Mindestens genauso dringend braucht der, der einen Partner bis zu dessen Tod pflegt, ein «ganzes Dorf» als Beistand: Freunde, Verwandte, Nachbarn. Wie gerüstet zeigt sich unsere Gesellschaft, was eine am Liebesprinzip orientierte Pflegekultur angeht? Was muss passieren, damit wir «Liebeskönner werden, privat und politisch»?
Es gibt ein Zitat von Theodor W. Adorno, das aussagt, wohin die Reise der Liebe gehen könnte, privat und politisch. Adorno sagt: «Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zu wenig geliebt, weil jeder zu wenig lieben kann.» Das ist eine unbequeme Wahrheit über die Liebe, aber sie ist des Pudels Kern. Ob privat oder politisch, wir richten uns nach dem Gewinnprinzip aus: Nehmen ist seliger denn Geben, emotional und wirtschaftlich. Unser kapitalistisches System bestimmt die Liebesform, die aus meiner Sicht keine Liebesform ist, sondern ein Arrangement. Alle wollen auf ihre Kosten kommen. Mir kommt das manchmal so vor, als wenn alle Menschen regelrecht wie Babys danach krähen, geliebt zu werden. Aber wenn es darum geht, zu lieben, selbst «tätig» zu werden, ohne darauf zu schauen, ob und wann und wie viel man zurückgeliebt wird, dann wird es still. Wer auf diese Weise in sich verkapselt ist, wer nicht übervorteilt werden möchte in der Liebe, der will natürlich auch ein politisches System, das auf Gewinn gepolt ist. Schwache und Pflegebedürftige, die mehr brauchen, als sie vielleicht geben können, schneiden da schlecht ab. Es gibt ein furchtbares Wort: Partner Value.


Wie kommt man raus aus dieser merkantilen Sicht auf die Liebe?
Ich empfehle, sich mit den verschiedenen Liebesformen zu befassen, die unsere Geschichte hergibt: zum Beispiel mit der Philia, wie sie Aristoteles als freundschaftliche Liebe bestimmt und erklärt hat, die dezidiert nicht im Blick hat, was mir der andere bringt. Um solch eine Liebe muss man sich bemühen, das muss man üben, und wer sich in dieser Disziplin ernsthaft und gewissenhaft bemüht, der kann sich in der Liebeskönnerschaft bewähren. Und übrigens auch glücklich werden. Das Glück liegt im Lieben – das ist die Herausforderung. Wer schon in seiner Zweisamkeit darauf ausgerichtet ist, der ist auch als Gemeinschaftswesen liebevoller, auf eine andere, bessere Art ein verantwortungsvoller Bürger und schafft mit andere Bürgern dieses Formats eine andere, bessere Gesellschaft, eine sittlichere, liebevollere. Man müsste also, um die Liebeskönnerschaft zu etablieren, schon die Welt verändern, vielleicht auch das System. Aber die Welt und das System sind veränderbar. Wir sind eben noch nicht durch mit allen Modellen und Lebensformen. Wer Veränderungen will, kann bei den Kindern anfangen, bei diesen kann man sich viel abgucken, was Lieben angeht, später wird einem das leider abtrainiert. Kinder sind unmittelbar in der Liebe, sie berechnen nicht. Man müsste das Lieben als Schulfach anbieten, aber nicht nur als Aufklärung im Rahmen des Biologieunterrichts, sondern in einem umfassenderen Horizont: in Deutsch, in Geschichte und Philosophie, in Religion und in Gesellschaft und sogar in Geographie. Es ist interessant und lehrreich zu betrachten, wie Menschen in anderen Kulturen lieben, zum Beispiel in einem Matriarchat.

Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner zum Pflegefall wird?

Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner zum Pflegefall wird?

Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner vergisst, mich zurückzulieben, weil er Alzheimer hat? Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner nicht mehr aufstehen, nicht mehr sprechen, nicht mehr alleine zur Toilette kann, komplett pflegebedürftig ist, weil er einen Schlaganfall hatte oder einen Unfall? Was geschieht, wenn aus Liebenden Patienten ...  Weiterlesen

Preis: € 10,00
Seitenzahl: 208
rororo
ISBN: 978-3-499-63398-0
25.09.2018
Erhältlich als: Taschenbuch, e-Book
Top