14.03.2019   von rowohlt

«Wie reagieren sie, wenn man sie an einen Abgrund schiebt?»

Doris Knecht im Interview über ihren neuen Roman «weg»

© Pamela Rußmann
© Pamela Rußmann

Die Heldinnen und Helden in Doris Knechts Romanen geraten immer wieder an Abgründe. Mit Scharfsinn und entlarvendem Humor nimmt die österreichische Schriftstellerin deren Träume, Beziehungen und Lebensentwürfe auseinander. In ihrem fünften Roman, «weg», erzählt sie im kraftvollen Knecht-Sound von einem Ex-Paar, das auf gemeinsame Mission geht, unfreiwillig.

DAS INTERVIEW


Ihr neuer Roman handelt von Heidi und Georg. Die haben sich eigentlich vor 23 Jahren getrennt, weil sie sich schon immer fremd waren. Wieso raufen sie sich plötzlich wieder zusammen?
 
Nun, die haben eine gemeinsame Tochter, die die meiste Zeit bei ihrer Mutter in einer deutschen Kleinstadt lebte, während ihr Vater in Österreich mit seiner neuen Familie das Gasthaus seiner Eltern übernahm. Die Tochter hat in ihrer Jugend psychische Probleme, die hat sie mit viel Tapferkeit, Therapie und Hilfe in den Griff bekommen. Die ist seit Jahren stabil, studiert in Berlin, eigentlich braucht sie ihre Eltern nicht mehr. Und die haben deshalb kaum mehr Kontakt miteinander, weil man sich ja nicht mehr gemeinsam kümmern muss. Aber jetzt hat die Tochter offensichtlich Probleme. Sie ist mit ihrem neuen Freund aus Berlin verschwunden, sie ist nicht erreichbar, offenbar irgendwo in Asien unterwegs. Und ihre Eltern müssen etwas unternehmen, und zwar gemeinsam – müssen sie finden, bevor etwas passiert.


Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?
Die Probleme von und mit Heranwachsenden sind etwas, das mich schon sehr interessiert. Und was es mit Menschen macht, wenn sie Kinder haben. Egal, ob sie dann zusammenbleiben oder sich irgendwann trennen. Für eigene Kinder ist man ja immer verantwortlich, das hört ja nie auf. Egal, ob man sich trennt, wegzieht, ob man eigene Probleme hat. Und manchmal ist man dann gezwungen, die eigenen Ängste und Probleme in den Hintergrund zu rücken für etwas Größeres, für die Tochter oder für den Sohn. Und über den eigenen Schatten zu springen und innere Grenzen zu überwinden, weil eben das Kind Hilfe braucht. Ich habe schon immer wieder mit Müttern und Vätern gesprochen, die für ihre Kinder Dinge gemacht haben, die sie sich vorher selbst nie zugetraut hätten, die für sie vorher undenkbar waren.


Kaputte Beziehungen, zerbrochene Träume, Patchwork-Familien: Warum schreiben Sie immer wieder darüber?
Ja, weil ich letztlich nichts spannender und auch entlarvender finde als die Beziehungen zwischen Menschen. Wie die miteinander umgehen, was sie einander antun, die Erwartungen, die Enttäuschungen, auch die Geheimnisse, die sie voreinander haben. Auch was passiert, wenn Versprechen gebrochen und Geheimnisse angehäuft werden. Was Charaktere für mich als Schriftstellerin spannend macht: Wie reagieren sie, wenn man ihre Pläne über den Haufen wirft? Wenn man ihre Träume zerstört? Wenn man sie an einen Abgrund schiebt?


Wieso sind einem die Frauen in Ihren Büchern eigentlich immer viel sympathischer als die Mistkerle von Männern, die man am liebsten gleich überfahren will?
Wirklich, sehen Sie das so? Weil, mir sind nämlich die Frauen in meinen Büchern gar nicht sympathischer als die Männer. Meine Frauen sind ja keine mutlosen Opfer, das ist mir sehr wichtig, keine Spielbälle von Männern. Sie sind in meinen Büchern immer handelnde Bestimmerinnen, manchmal auch Täterinnen, mit starken, nicht immer moralisch einwandfreien Motiven – eigentlich genau wie die Männer in meinen Büchern.


Wann werden Sie denn Ihren ersten «Heile-Welt-Roman» schreiben?
Interessante Frage! Wenn die Welt heil ist, vielleicht. Nein, ich glaube, ich werde nie einen Heile-Welt-Roman schreiben. Das interessiert mich auch nicht besonders. Auch wenn ich glaube, dass mein neuer Roman jetzt vielleicht ein bisschen heiler ist als mein letzter, ein bisschen optimistischer – und ich glaube, auch ein bisschen hoffnungsvoller.

weg

weg

Zwei, die nichts miteinander zu tun haben, auf einer Reise mit unbekanntem Ziel: Eine Frau und ein Mann, die sich kaum kennen und nicht besonders mögen, zwei Verschiedene, die ganz woanders und ganz unterschiedlich leben. Dieser Mann und diese Frau müssen sich gemeinsam auf die Suche machen, nach dem einzigen, was sie im Leben gemeinsam haben: eine ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 304
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0038-0
12.03.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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