29.11.2016   von rowohlt

Der Welt eine Narbe zufügen

Camille de Perettis hinreißendes Romanporträt der Luisa Casati – einer Frau, die ihr Leben als Gesamtkunstwerk inszenierte

© Francesca Mantovani
© Francesca Mantovani

Ihre Auftritte waren provokant, ihre Feste legendär – gegen Gräfin Luisa Casati sehen Schlagzeilen produzierende It-Girls unserer Tage wie arme Waisenkinder aus. Luisa Casatis Exzentrik kannte keine Grenzen. Die italienische Künstlerdiva gilt – nach der Jungfrau Maria und Kleopatra – als die meistporträtierte Frau der Kunstgeschichte; nicht umsonst haben Chanel, Dior und Lagerfeld Kollektionen nach ihr benannt. «In dem ihr eigenen natürlichen Ton bringt uns de Peretti die exzentrische Luisa Casati so nahe, als wäre sie unsere beste Freundin.» (Le Figaro)


Camille de Peretti liebt das Spiel mit der Form. In ihrem Erfolgsroman «Wir werden zusammen alt» (Die Zeit: «Ein kleines Meisterwerk») wird auf witzig-unsentimentale Weise das Leben in der Pariser Seniorenresidenz Les Bégonias aufgeblättert. In 64 Kapiteln öffnen sich die 64 Türen des Heims, und hinter allen warten die Geschichten und Geheimnisse ihrer Bewohner. Im «Zauber der Casati» hat sich die französische Autorin für einen anderen «Dreh» entschieden: Sie beleuchtet die Luxusexistenz der Casati aus der Perspektive einer gänzlich unmondänen Frau, der Ich-Erzählerin Camille, die als Möchtegern-Schauspielerin durch ihr junges Leben taumelt, um endlich im Schreiben ihre Berufung zu finden. 

«Die aufsehenerregende, die göttliche Marchesa Casati …»


Der symbolistische Lyriker Paul Verlaine meinte in seinem Gedicht «Une grande dame» nicht die Casati (als er 1896 starb, war sie 15 und noch nicht «die Casati») – was er aber schreibt, trifft exakt das Verhältnis der Öffentlichkeit zur skandalumwitterten Marchesa: «Man muss sie – mindestens! – auf Knien anbeten / Auf dem Bauch, und keinen Stern am Himmel sehn / als nur ihr rotes Haar / Oder aber ihr ins Gesicht spucken, dieser Frau!»


Luisa Casatis Extravaganz kannte keine Grenzen. Diamantbesetzte Schuhe, grün gefärbtes Haar, Drogen aller Art (Absinth, Äther, Alkohol, Opium), eine Boa constrictor als Schoßtier, ein Krokodil, und andere Exoten als Luxusdekor, Prachtroben, Perücken, Haarskulpturen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte. Aber auch in ihrem Fall gilt: the higher they climb, the deeper they fall. Die Marchesa Casati bot «das erschreckende Bild einer gefallenen Königin, einer Frau, die allen Glanz der Welt erlebt hat und im Elend endet. Ihr Leben gleicht einem Märchen, das zur Tragödie wird: geboren als Erbin eines der größten Vermögen Italiens, starb sie vollkommen mittellos als Pennerin. Vielleicht hat mich das am meisten fasziniert, das rauschhafte Untergehen. Mich, die ich so vernünftig bin.»


Am 23. Januar 1881 erblickte hinter den Riesenfenstern der Villa Amalia im Städtchen Erba nördlich von Mailand das Mädchen  Luisa Adele Rosa Maria Amman das Licht der Welt. Schon als Kind konnte sich Luisa stundenlang in Modejournale vertiefen; als junge Frau zählte für sie nur noch eins: Sie wollte auffallen und begehrt werden, sie wollte sein wie keine andere: eine Weltberühmtheit, eine neue Kleopatra. Angst vor den eigenen Ambitionen war ihr fremd. Die Hochzeit mit dem jungen, gutaussehenden Camillo Casati vollzog sich nach klassischem Muster: Sohn aus altem Adel ehelicht Tochter aus reichem Hause – großer Name heiratet großes Geld. Das Kind aus dieser Verbindung, das Mädchen Cristina, gab Luisa sofort weg; es hätte ihr nur im Weg gestanden.

«Wichtig ist nur, sich zu amüsieren»


Als Geliebte des Dichters Gabriele D'Annunzio gelang ihr der Durchbruch: aus der Femme Fatale wurde eine Dame von Welt. D'Annunzio war alles andere als ein attraktiver Mann, dennoch eilte ihm der Ruf eines hemmungslosen Verführers voraus. Wenn er etwas wollte, wurde er zum Hasardeur, der jeden Widerstand niederwalzte. «Hingerissen betrachtete Luisa diesen wölfischen Mann, der sie umkreiste. Er hatte etwas Brutales an sich, und dabei kannte seine Verfeinerung keine Grenzen. Seine Windhunde trugen smaragdene Halsbänder und schliefen in Seidenwäsche.» Als D'Annunzios Muse fühlte Luisa Casati sich endlich gesehen – als die, die sie sein wollte. Als die, die sie war. «Niemals wird sie wieder umkehren ins Land der braven Gattinnen, ins Land der treuen Bürgerfrauen.»


«Der Zauber der Casati» ist schönstes Kopfkino, ein Blick in eine fremde, morbide Welt. Camille de Peretti gelingen faszinierende Beschreibungen – wie jene, als Luisa zum ersten Mal dem bekannten Porträtmaler Giovanni Boldini Modell sitzt, oder ihre legendäre nächtliche Performance unter den Arkaden des Markusplatzes, als sie in den Augen der Venezianer endgültig «die Casati» wurde. 


«Wichtig ist nur, sich zu amüsieren» – bei diesem Lebensmotto war der Absturz nur eine Frage der Zeit. Hochmut kommt vor dem Fall; wenn Distinktionswille in Größenwahn umschlägt und Luxuslust zu purer Dekadenz wird, erweist sich jedes irdische Vermögen als endlich. Dass die große, die unermesslich reiche Marchesa Casati in ihren letzten Lebensjahren bitterarm sein wird und als alte Frau in London gezwungen ist, in Mülleimern zu wühlen ¬ – darauf hat uns Camille de Peretti bereits im Prolog vorbereitet.

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