19.05.2015   von rowohlt

Der Schrecken nach Auschwitz

«Göran Rosenbergs Buch über die Ungeheuerlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts gebührt ein Platz in der Weltliteratur.» (Respons)

© Göran Rosenberg
© Göran Rosenberg

Im August 1947 steigt David Rosenberg im schwedischen Södertälje aus dem Zug. Hinter ihm liegen das Ghetto von Lódz, das KZ Auschwitz und verschiedene Stationen als Sklavenarbeiter, vor ihm liegt eine ungewisse Zukunft. Am 22. Januar 1960 nimmt er sich das Leben. Sein Sohn Göran ist damals zwölf Jahre alt. Fünf Jahrzehnte später macht er sich auf, den Weg seines Vaters nachzugehen.

Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit

Göran Rosenberg ist in Schweden ein bekannter Mann: als Journalist, Herausgeber einer Kulturzeitschrift, Buchautor, Dokumentarfilmer. Für sein Buch erhielt er die bedeutendste literarische Auszeichnung Schwedens, den Augustpreis. «Seine Sätze sind von einer bestechenden Klarheit,» schreibt Johanna Adjorán in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, «durch Wiederholungen erreicht er eine gewisse Elegie, eine sehnsuchtsvoll bedauernde Grundmelodie, die das Buch zu mehr macht als ‹nur› der Überlebensgeschichte seines Vaters: nämlich zu großer Literatur.»


Weshalb steigt David Rosenberg am 2. August 1947 gerade in dem kleinen, 40 Kilometer von Stockholm entfernten Städtchen Södertälje aus dem Zug? Weshalb nicht gerade hier, entgegnet Göran Rosenberg. Es ist kein größerer Zufall als irgendein anderer Zufall auf seinem Weg von Lódz über Auschwitz nach Schweden. Der unwahrscheinlichste Zufall ist, dass er überhaupt noch lebt. Anders als viele andere seiner Familie, die sofort von der berüchtigten Selektionsrampe in Auschwitz in die Gaskammern geschickt werden. «Bei ihnen funktioniert Auschwitz wie geplant. Nichts bleibt von ihnen übrig. Noch nicht einmal eine Registrierkarte mit Namen oder Nummer. Keine Nummern für die, die es niemals gegeben hat. Der Tod in den Gaskammern ist kollektiv, anonym, nackt und sorgfältig bemäntelt von Euphemismen (Umkleideraum, Duschraum etc.), Kulissen (Schilder, Birken, ein Rot-Kreuz-Fahrzeug etc.) und Unfassbarkeit. Nicht zuletzt Unfassbarkeit. Ein großer Teil des Erfolges erklärt sich hiermit.»


Hinter David Rosenberg liegt eine Irrfahrt des Schreckens. Deportation von Lódz nach Auschwitz, Zwangsarbeitereinsatz in der LKW-Produktion bei Büssing in Braunschweig, in den letzten Kriegstagen dann die Odyssee von einem Lager zum nächsten, gemäß der Anordnung des Reichsführers SS Heinrich Himmler: «Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen». «Nirgends wollten sie uns aufnehmen,» schreibt David Rosenberg an seine zukünftige Frau Hala Staw. «Unterwegs starben die Leute wie die Fliegen. Wir waren schon in den Vorstädten Berlins, auch dort wollten sie uns nicht haben, wir mussten kehrtmachen und zurückfahren. Oranienburg, Sachsenhausen, alles überfüllt von Häftlingen. Erst am neunten Tag erreichten wir Ravensbrück, 1/3 der Menschen war auf dem Weg dorthin gestorben. Und der Rest sah aus wie Gespenster.» Einer Initiative des Internationalen Roten Kreuzes ist es zu verdanken, dass Rosenberg und Tausende andere ehemalige KZ-Häftlinge nach Schweden einreisen dürfen – «zur Erholung».

«Krankheitsursache Auschwitz etc.»

Heimisch wird David Rosenberg nie in Södertälje. Nicht, als endlich seine geliebte Hala zu ihm nach Schweden kommt. Nicht, als sein Sohn Göran geboren wird (den er zu einem richtigen kleinen Schweden machen will, um ihn vor dem doppelten Stigma Ausländer/Jude zu bewahren). Nicht, als er und Hala Arbeit und eine bezahlbare Wohnung finden. Immer dunkler werden die Schatten, die er in sich spürt. Einmal ausgeliefert, immer ausgeliefert. Es sind eine Reihe von Anlässen, die schwer auf seiner Seele lasten: eine Erfindung, von der niemand Notiz nimmt; eine Prügelei in der Fabrik wegen der judenfeindlichen Hetzrede eines Kollegen; schließlich zwei abgelehnte Anträge auf Wiedergutmachung durch den deutschen Staat – zuletzt mit der zynischen Begründung, seit 1948 sei die Beeinträchtigung seiner Arbeitsfähigkeit durch Auschwitz auf 0 % gesunken. Von 100 % 1945 auf 0 % 1948: Wiedergutmachung gespart.


Manchmal weicht der kühl-distanzierte Ton beißendem Sarkasmus, etwa wenn Rosenberg über die Dreistigkeit schreibt, mit der sich Rudolf Egger-Büssing, der ehemalige Besitzer der Braunschweiger Büssing-Werke, nach dem Krieg von jeder Verantwortung für das Leiden und Sterben «seiner» Zwangsarbeiter reinzuwaschen versucht: «Von den 67.000, die wie Vieh von Lódz nach Auschwitz weggeschafft wurden, überlebten nur circa 22.000 die erste Selektion für die Gaskammern. Von ihnen werden zu drei Gelegenheiten im September und Oktober 1944 ungefähr 1200 arbeitsfähige Männer zur Sklavenarbeit für die Firma Büssing in Braunschweig ausgesucht. Wer also geltend machen will, gerade diese Männer hätten der Firma Büssing ihr Leben zu verdanken, hat nicht ganz unrecht. Nicht alle Ausgewählten überlebten die Firma Büssing, und nicht alle, die die Firma Büssing überlebten, überlebten die Evakuierung und die Befreiung, aber im Vergleich zu Auschwitz kann man sagen, die Firma Büssing sei trotz allem ein Paradies gewesen.»
Mauern, Einbahnstraßen, Schweigen, Schatten: Die Symptome einer Depression bei David Rosenberg werden deutlicher, die quälende Erinnerung an das Erlebte ist nicht abzuschütteln. Die fürchterliche Rede des Judenratsvorsitzenden von Lódz, Chaim Rumkowski («Väter und Mütter, gebt mir eure Kinder!»). Den Hunger, die Krankheiten, die Selbstmorde, die Angst vor jedem neuen Tag im Ghetto. Dann: die Rampe von Auschwitz. Die Krematorien. Der Gestank nach verbranntem Fleisch. Der tausendfache Tod.
Am Ende seines Weges gibt es niemanden mehr, der David Rosenberg retten kann. Niedergedrückt von der Last des Erlebten, entmutigt von den Rückschlägen im Alltag, demoralisiert von der ungebrochenen «Sprachverwirrung», die manche Wörter – Ghetto, KZ, Judenrampe, Krematorium, Todesmarsch – einfach nicht kennen will, gibt es für ihn nur noch einen Ausweg: den Tod.

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