06.10.2017   von rowohlt

«Der Mensch hätte eine bessere Menschheit verdient»

Was für ein Glück: der Lemming ist zurück. Ein Gespräch mit dem Wiener Autor Stefan Slupetzky

© Kurt Pinter
© Kurt Pinter

Der junge Straßenbahnfahrer Theo Ptak ist bis über beide Ohren in eine Frau verliebt, die jeden Morgen in seinen Triebwagen steigt. Eines Tages muss er entsetzt mit ansehen, wie sie von zwei Männern entführt wird. Theo bittet den ehemaligen Kriminalbeamten Leopold Wallisch, auch Lemming genannt, um Hilfe. Widerwillig macht sich der Lemming mit seinem «Schwiegerneffe» auf die Suche nach den Kidnappern, und bald stoßen die beiden auf die erste Leiche, einen Reisejournalisten. Der Lemming hat also wieder einen Fall. Was zwei seltsame Vögel namens Kaspar und Pannonia mit diesem Fall zu tun haben, liegt noch im Dunklen. Sie sitzen kurz nach dem 30-jährigen Krieg im Laderaum eines Ostindienseglers und fahren die afrikanische Küste entlang …

Das Interview


Seit wann war Ihnen klar, dass es für den Lemming eine Rückkehr geben muss? Jetzt, wo Leopold Wallisch eine einigermaßen bürgerliche Existenz führt, hätte ja auch gut Schluss sein können: der Lemming mit Job als Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn, Klara mit ihrer Tierarztpraxis, dazu der der sich prächtig entwickelnde kleine Lemming Ben …
Klar ist mir das im Zug der Arbeit am Roman «Der letzte große Trost» geworden – eine persönliche Geschichte, die mich emotional doch sehr gefordert hat. Ich wollte mich in dieser Hinsicht erholen, wieder etwas Schräges, Humor- und Phantasievolles schreiben. Insofern war es wie eine innere Flucht zu einem alten Bekannten und guten Freund.


Vom Wien dieser Jahre in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs und wieder zurück: Wie kriegt man das hin – zwei Handlungsstränge verfolgen, die fast vier Jahrhunderte auseinander liegen? 
Ich hoffe, ich habe es hingekriegt. 
Die Arbeit an den historischen Passagen hat mir übrigens viel Freude gemacht: Es war schon sehr spannend, sich in eine Zeit zu versetzen, in der man für eine heute einstündige Reise drei Tage gebraucht hat.


Leopold Wallisch: erst Polizist, dann Detektiv, dann Nachtwächter. Schon eine Idee, wie es in den nächsten Bänden mit dem Lemming beruflich weitergehen könnte? Vielleicht eine gemeinsame Detektei mit Inspektor Polivka (Amtssprache: Wienerisch)?
Noch keine Idee. Aber ich bin auf der Suche.


Als Sie für den «Fall des Lemming» den Burgdorfer Krimipreis erhielten, begründete das die Jury u.a. so begründetet: «Ein funkelndes, sprachlich meisterhaftes Stück reinster Weltekel-Prosa, verpackt mit der Zärtlichkeit dessen, der noch in der Lage ist, eine bessere, eine gerechtere Welt zu ersehnen.» Zärtliche Weltekel-Prosa, träfe das einigermaßen die Slupetzky'sche Poetologie?
Fast vollkommen. Wobei der Weltekel ja eher ein Menschheitsekel ist, der sich mit einer großen Menschenliebe paart. Anders ausgedrückt: Der Mensch hätte eine bessere Menschheit verdient.


Sie haben's ja mit den Tieren. Kleine Auswahl aus Ihrem Werk: (erhängter) Kaiserpinguin, Löwe, Adler, Floh. Bären lieben Sie sowieso (wir erinnern an den wunderbaren Bären Nurmi, dem Sie gleich drei hinreißende Bände gewidmet haben). Und hier nun die beiden seltsamen Dodovögel Kaspar und Pannonia aus Mauritius, die sich auf einer wahren Abenteuerreise zum Kaiser in Wien befinden. Sind Sie so arg tierlieb?
Ja, aus der Entfernung. Und natürlich auf dem Teller.
Ganz im Ernst: Tiere sind zwar nicht moralisch, aber ehrlich. Und sie haben es über Jahrmillionen geschafft, die Erde zu bewohnen, ohne sie zu zerstören. Respekt.


Auch starke erste Sätze sind Ihr Ding. Im Lemming Nr. 5 gehen Sie in jedes Kapitel beherzt rein, mit Sätzen wie «Der Mensch ist der Windstoß unter den Bäumen». Oder «Die Schokolade ist der Paintball des Kindersoldaten». Oder «Der Deutsche Schäfer ist der Volkswagen unter den Säugetieren.» Oder «Krankenpflegeschuhe sind die Eisbärtatzen unter den Beförderungsmitteln.» Oder «Autobahnen sind die Pharisäer der Mobilität.» Oder «Das moderne Haushuhn ist der Weltbürger unter den Lebensmitteln.» Geben Sie zu – Sie arbeiten an einer Textsammlung zur Bestückung einer tollen T-Shirt-Edition …
Ha! Ohne Anwalt sage ich gar nichts.
Aber: Bei der «Rückkehr des Lemming» ist wieder einmal meine neurotische Ader mit mir durchgegangen. Ich hatte die ersten zwei Kapitel – eher zufällig – mit solchen Vergleichssätzen begonnen, und als mir das klar wurde, mussten auch alle folgenden in der Jetztzeit spielenden Kapitel mitziehen.


Apropos Sprache. Ein Rezensent bemängelte vor ein paar Jahren «das fehlende Genitiv-s im Titel» von «Der Fall des Lemming»). Was antwortet da der (mit allen grammatikalischen Wassern gewaschene) Autor?
Der Autor verteidigt sich, indem er das Wort «Lemming» als Eigenname definiert. Und wenn ein solcher mit einem Artikelwort verwendet wird, fällt im Genitiv die Endung -s häufig weg. Vielleicht heißt ja der nächste Roman «Die Leiden des jungen Lemming».


«Der Österreicher glaubt mit 18, er sei Pelé. Mit 20 glaubt er, er sei Beckenbauer. Und mit 24 merkt er, dass er Österreicher ist», lästerte einst Trainer Max Merkel. Woher kommt dieses Österreich-Bashing im Fußball, trotz Legenden wie Rapid und Austria, Sindelar und Uridil, «Schneckerl» Prohaska und Toni Polster?
Ich fürchte, Max Merkel hatte nicht ganz Unrecht. Sindelar und Uridil sind Teil einer großen österreichischen Fußballvergangenheit, Prohaska und natürlich Hansi Krankl können sich in erster Linie Córdoba an die Fahnen heften, und danach kam es leider nur noch zu partiellen Lichtblicken …


Mit dem Trio Lepschi haben Sie sich dem Wienerlied verschrieben. Dort frönen Sie nicht nur Ihrer schwarzen Wiener Seele, sondern auch dem Schüttelreim. Auch im neuen Lemming sind Schüttelreime versteckt (was heißt versteckt …)  Spendieren Sie uns zum Abschluss einen besonders schönen oder besonders schrägen? 
Es war im voll besetzten Leichenwagen:
Die starren standen und die weichen lagen.

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