31.03.2016   von rowohlt

«Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr»

Inge Jens über die letzten zehn Lebensjahre mit ihrem demenzkranken Mann Walter Jens

Am 9. Juni 2013 starb Walter Jens im Alter von 90 Jahren in Tübingen. Als klassischer Philologe, Übersetzer und Kritiker war er einer der brillantesten und einflussreichsten Intellektuellen dieses Landes. Inge Jens' neues Buch «Langsames Entschwinden» ist ein beeindruckendes, bewegendes Dokument. Jeder sollte es lesen sollte, der wissen möchte, was Demenz, die tückische «Vergessenskrankheit», mit den Betroffenen und deren Nächsten macht.

Vom Absinken in eine Welt jenseits der Sprache

Es ist ein Dienstagmorgen, Ende November 2013. Inge Jens verlässt für immer das Haus am Tübinger Apfelberg. Dort, in der Sonnenstraße 5, haben sie und ihr Mann gut fünfzig Jahre gelebt. In diesem Haus waren viele Menschen zu Gast, Nachbarn und Studenten, aber auch zahlreiche Prominente wie Hans Mayer, Theodor Eschenburg, Ida Ehre oder Wolfgang Hildesheimer. Wenige Monate zuvor ist ihr Mann – «sich selbst in seiner tiefen Demenz schon lange zuvor abhandengekommen» – im Alter von 90 Jahren gestorben. 


Nach der Erledigung zahlloser Formalitäten («der Tod eines Beamten mit Pensionsanspruch zeitigte eine nicht zu unterschätzende Papierflut») und dem Verkauf des Hauses findet die Thomas-Mann-Editorin und Publizistin  endlich Zeit, Ordnung zu schaffen und über ihr Leben ohne den geliebten Mann an ihrer Seite anchzudenken. Bei der Durchsicht alter Dateien auf ihrem Computer liest sie noch einmal jene Briefe, die sie in den Jahren zuvor an Freunde und Bekannte geschrieben hat – Briefe, die niemals zur Publikation gedacht waren. 


Nun hat sich Inge Jens entschlossen, die Briefe doch zu veröffentlichen (die Adressaten sind anonymisiert). Weil sie, im Zusammenhang gelesen, den unaufhaltsamen Verfall ihres Lebenspartners; dokumentieren weil sie viel über ihre eigene Veränderung im Zeichen von Walter Jens' Krankheit erzählen; und weil sie klar machen, wie lange sie selbst sich an die trügerische Hoffnung auf Genesung geklammert hat: «Beim Wiederlesen der alten Briefe scheint es mir, die ich normalerweise die Dinge beim Namen nenne, geradezu absurd, wie viele Jahre ich brauchte, bis ich die Demenz meines Mannes auch als solche bezeichnen konnte.»


Drei Dutzend Briefe sind in dem schmalen Band veröffentlicht, ergänzt durch Inge Jens' Text «Leben mit einem Demenzkranken», eine kritische Auseinandersetzung mit dem Alltag in den Pflegeeinrichtungen. Hier einige Briefpassagen aus den Jahren 2005 bis 2011:


«Offenbar ist das Gehirn wesentlich plastischer, als man denkt»

«29. November 2005. Ich bin froh, dass die manifesten Störungen, die er in den ersten Monaten des Jahres hatte, die Sprach- und Wortfindungsschwierigkeiten vor allem, nahezu vollständig verschwunden sind. Offenbar ist das Gehirn wesentlich plastischer, als man denkt.


1. Januar 2007. Wenn es auf die Physis alleine ankäme, wäre er noch sehr gut dran … aber die Psyche macht ihm zu schaffen, und die geistige Präsenz ist durch eine Mikro-Angiopathie, sprich: durch (regenerierfähige, aber natürliche Ausfälle verursachende) Mikroinfarkte der kleinsten Gehirngefäße sehr unterschiedlich.


26. Juni 2007. Insgesamt also: Bei Gott nicht gut, aber dennoch auch kein Grund zur völligen Verzweiflung. Wir haben eine so lange wunderbare gemeinsame Zeit gehabt, dass ich denke, es gibt mehr Grund zur Dankbarkeit als zum Hadern.


17. Oktober 2007. Wirklich schlimm ist für ihn das Wissen um seinen Zustand. Dadurch, dass er immer wieder sehr lichte Momente hat, gibt er sich keinen Illusionen hin und leidet unendlich. Ich kann gut verstehen, dass er so nicht mehr weiterleben will. Aber sein körperlicher Zustand ist (wieder – er war schon völlig bettlägerig und total sprachunfähig) so gut, dass ich für ihn fürchte, sein Wunsch wird sich so schnell nicht erfüllen.

«Was lebt, will leben»

29. Oktober 2007. Was Hilfen angeht, bin ich Gott sei Dank in einer recht glücklichen Situation. Ich habe zu Anfang des Jahres eine Frau als ‹bessere› Putzfrau eingestellt, die sich inzwischen als gottbegnadete Pflegerin erweist, zugewandt, zupackend und völlig identisch mit dem, was sie tut, dazu körperlich kräftig und psychisch einfühlsam, ohne allzu empfindlich zu sein und unangefochten in den Traditionen ihrer bäuerlichen Herkunft. ‹Gestorben wird zu Hause. Punktum.›


19. Januar 2008. Wie er heißt, wo er wohnt, ob Sommer oder Winter ist etc., das weiß er schon lange nicht mehr. Außerdem sind ihm die wichtigsten Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Reden, ja, auch Fernsehen oder Musikhören verlorengegangen. Die vertrautesten Menschen kann er allenfalls noch als ‹Mobiliar› in seine Umgebung einordnen: stets vorhanden, ja, unentbehrlich, manchmal sogar angenehme Gefühle auslösend … aber die Zuordnung: Sohn, Freund oder Nachbar existiert für ihn nicht mehr.


15. Juli 2008. Ich glaube nicht, dass er sterben möchte. Vielleicht möchte er manchmal tot sein … aber ob er ‹freiwillig› den Weg dorthin wählen würde, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er den Zeitpunkt, an dem er noch frei hätte wählen können, hat verstreichen lassen, obwohl ich ihm eine Möglichkeit aufgezeigt habe.


23. März 2009. Er lebt so, wie er nie hat leben wollen – und hängt dennoch so sehr am Dasein, dass es glatter Mord wäre, ihm zum Sterben oder Nicht-mehr-Sein verhelfen zu wollen. Er bittet mich zwar oft: Hilf mir, ich will sterben … aber ich denke, es ist eine Bitte zum Leben.


12. Mai 2011. Ich wäre glücklich, wenn es ihm … vergönnt sein würde, friedlich und mit dem Gefühl, geborgen zu sein, einschlafen zu dürfen.

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